05.07.2020

Lockdown Tape #29

 


---English Version below---

Die Begegnung mit der Musik von György Kurtág und mit seiner Person lässt einen blitzartig aufwachen: wie ungemein viel tiefer und facettenreicher Ausdruck kann in einem einzigen Ton verborgen sein, mit welcher unermesslichen Intensität können wenige Noten zu einer Phrase vereint werden, welche feinen Abstufungen sind möglich in der Art und Weise, wie man einen Ton beginnt und wann genau und wie man ihn wieder wegnimmt. Ist ein Ritardando ein langsamer werden einer Energie, oder ein sich verlieren, oder doch nur ein den Faden verlieren? Jedem noch so kleinsten Unterschied wird suchend nachgespürt und auf den Grund gegangen.

Musikalisches Arbeiten mit Kurtág an seiner Musik, aber auch an den großen Kammermusikwerken der Vergangenheit, gleicht somit Initiationen und auch Erweckungserlebnissen.

Vor 2 Jahren hatten wir das Glück in Budapest Kurtág seinen Zyklus "Rückblick" vorzuspielen. In der daraus sich entspinnenden Zusammenarbeit sang er mir "Les Adieux in Janaceks Manier" mit einer solchen Emphase und nicht enden wollenden Begeisterung wieder und wieder vor, um mir damit jedes Detail aller noch so kleinsten Wendungen und die Wichtigkeit aller Nuancen vor Ohren und vor Augen zu führen. Ein unvergesslicher Glücksmoment musikalischen Beschenktwerdens! Möge dieses Lockdown Tape eine Ahnung jenes Glücks vermitteln.

Benjamin Kobler, Juni 2020

 


---English Version---

The encounter with the music of György Kurtág and with his person makes one wake up in a flash: how immensely deep and multi-faceted expression can be hidden in a single note, with what immeasurable intensity a few notes can be combined into a phrase, what fine gradations are possible in the way one begins a note and when exactly and how one takes it away again. Is a ritardando a slowing down of an energy, or a loosing itself, or just a losing the thread? Every difference, no matter how small, is searched for and investigated.

Musical work with Kurtág on his music, but also on the great chamber music works of the past, thus resembles initiations and also experiences of awakening.

2 years ago we had the good luck to audition Kurtág's cycle "Rückblick" in Budapest. In the resulting collaboration he sang "Les Adieux in Janaceks Manier" to me again and again with such an emphasis and never-ending enthusiasm, in order to show me every detail of even the smallest twists and turns and the importance of all nuances. An unforgettable moment of musical happiness! May this Lockdown Tape give you an idea of that happiness.

Benjamin Kobler, June 2020