8. Januar 2024

The Green Lion

https://youtu.be/0Rdfhs02S1I

Liza LimThe Green Lion Eats The Sun (2014)
für Doppeltrichter-Euphonium

Melvyn Poore, Doppeltrichter-Euphonium

Janet Sinica, Video
Jan Böyng, Schnitt
Wolfgang Ellers, Aufnahmeleiter / Bearbeitung

»Ich war stets angezogen von der Idee, das Gedächtnis zu befragen oder die Geister der Vorfahren anzurufen«, sagt die 1966 in Perth geborene Komponistin Liza Lim.
Das Reservoir, aus dem sie im Rahmen dieser »Erinnerungsarbeit« schöpft, sind einerseits chinesische oder koreanische Musiktraditionen, aber auch die religiöse Mystik des Sufigesangs oder die Kultur der Aborigines.
Dieser Blick auf das Überlieferte ist allerdings kein historischer oder ethnologischer; vielmehr versucht Liza Lim in ihrer Musik eine Vergegenwärtigung von kollektiven, transkulturellen Wissensbeständen und mythischen Erfahrungen zu erreichen.

Für die Komposition The Green Lion Eats the Sun, die 2014 für Melvyn Poore, den Tubisten des Ensemble Musikfabrik entstand, nahm Lim Rekurs auf eine weitere geistesgeschichtliche Tradition:
auf die Alchemie des Mittelalters, genauer gesagt auf einen Holzschnitt – ein grüner Löwe, der eine leuchtende Sonne verschlingt – aus der alchemistischen Abhandlung »Rosarium Philosophorum«, entstanden Mitte des 13. Jahrhunderts und 1550 erstmals im Druck erschienen. Der Traktat beschreibt einen zehnstufigen Weg zur Herstellung des Steins der Weisen, wobei nicht nur äußere Verfahren behandelt, sondern auch Strategien einer »inneren Wandlung« aufgezeigt werden.
Diese psychologischen Aspekte der Alchemie griff im 20. Jahrhundert Carl Gustav Jung wieder auf, indem er die mittelalterliche Geheimwissenschaft als unbewusste Beschreibung »psychischer Strukturen in der Terminologie stofflicher Verwandlungen« bezeichnete.

In The The Green Lion Eats the Sun wird eben diese Janusköpfigkeit von den beiden Schalltrichtern des Euphoniums repräsentiert.
»Das Öffnen und Schließen der Trichter«, erläutert Liza Lim, »ermöglicht den Zugang zur einen oder anderen Seite, wobei der gedämpfte Trichter dazu dient, den überbordenden Klangreichtum zu filtern, der aus dem offenen Trichter ertönt.
Der geöffnete Trichter ist hierbei das Sprachrohr des Unbewussten, während die gedämpften Bewusstmachungen dessen Vielfalt kaum habhaft werden«. Das »Schalten« zwischen den Bewusstseinszuständen spielte auch in der Genese des Stücks eine entscheidende Rolle.

Ein Großteil von The Green Lion Eats the Sun entstand am Flughafen in Boston, wo Liza Lim eine siebenstündige Verspätung abwarten musste.
Aus der misslichen Lage ergab sich eine ideale kreative Situation:
»Umgeben von dieser Schicht aus Lärm und frustrierten Passagieren, kam ich in einen fokussierten Geistes- und Daseinszustand. Nichts konnte mich stören. Nichts konnte mich berühren.
Das ist die Ekstase des Kunstschaffens. Die Musik macht dich und du machst die Musik.«

 

Text aus dem Programmheft der Uraufführung vom 19.04.2015 bei Musikfabrik im WDR 53, geschrieben von Michael Rebhahn.