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	<title>Musikfabrik im WDR | Ensemble Musikfabrik</title>
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	<title>Musikfabrik im WDR | Ensemble Musikfabrik</title>
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	<item>
		<title>Mikrotonale Popsongs</title>
		<link>https://www.musikfabrik.eu/de/blog/mikrotonale-popsongs-lisa-streich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Mareike]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Oct 2024 07:40:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Musikfabrik im WDR]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein Interview mit Lisa Streich]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="ce ce-twocol bgr-white pt-medium layout-8-4" >
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				<p><em>Am <a href="https://www.musikfabrik.eu/de/kalender/musikfabrik-im-wdr-91-songs-eclipsed/" target="_blank" rel="noopener"><strong>23. November</strong></a> präsentieren wir im WDR Funkhaus Lisa Streichs neues Werk VOGUE. Dieses Gespräch mit Lisa Streich und Hannah Weirich haben wir für unsere Halbjahresbroschüre im Sommer dieses Jahres aufgezeichnet.</em></p>
<p><strong>HANNAH WEIRICH</strong>: LIEBE LISA, WIE SCHÖN, DASS DU EIN STÜCK FÜR UNS SCHREIBST. KANNST DU MEHR DARÜBER ERZÄHLEN?<br />
<strong>Lisa Streich:</strong> Es sind im Grunde genommen „mikrotonale Popsongs“. So nenne ich sie. Es sind einfache Lieder, die ich schreibe, inklusive der Texte. Diese werden mikrotonal komponiert, also instrumentiert und harmonisiert.</p>
<p>HAT DICH DIE MUSIKFABRIK DAZU INSPIRIERT, POPSONGS ZU SCHREIBEN? WIE BIST DU AUF DIESES THEMA GEKOMMEN? DAS KENNE ICH BISHER NOCH NICHT BEI DIR.<br />
Ich dachte mir, mit der Musikfabrik kann ich alles machen [lacht], und ich habe das Gefühl, ich kenne sie alle ein wenig, so dass ich ihre einzelnen Persönlichkeiten hoffentlich gut erfassen kann.</p>
<p>WORUM GEHT ES IN DEINEN SONGS?<br />
Alles und nichts – typische Popthemen. Die Texte erscheinen mir persönlich tiefgründig, aber sie sind sehr offen und aus dem Leben gegriffen, auch wenn es nicht mein eigenes ist.<br />
A BOY WHO SINGS<br />
A BOY WHO DREAMS<br />
A BOY WHO DIES<br />
A BOY WHO SELLS<br />
A BOY WHO SPEAKS<br />
A BOY WHO SEES<br />
A TAILLURED MAN<br />
ANOTHER CRA Z Y.</p>
<p>AN EMPTY STOMACH<br />
A HEAV Y HEART<br />
THE PERFECT PAIR<br />
ON THAT SPECIAL DAY<br />
HE KEPT IN HIS HAT<br />
A UNIVERS OF DEMOLITION.</p>
<p>HE’S ASPHALTED BY DESTINY<br />
HE EXHALES LOVE<br />
AND INHALES TAR<br />
WHO IS THIS BOY<br />
WITH SAD CONSONANCES?</p>
<p>HE NOTICED HIS SHADOW<br />
IS GREEN LIKE DISPAIR<br />
GREEN LIKE FEAR<br />
ABYSS AND OBLIVION<br />
GREEN LIKE THE VIOL ATION OF RED<br />
GREEN LIKE THE SL AP AND THE L AST OUTRAGE<br />
GREEN LIKE THE BODY<br />
HANGING ON HIS GALLOWS.</p>
<p>HIS HEART BECAME RED<br />
RED LIKE PRIDE<br />
RED LIKE BLOOD<br />
RED LIKE PAIN AND SHAME<br />
RED LIKE A LOBSTER<br />
BL ACK LIKE A HUMMER<br />
WE LOVE GOOD CONSCIOUS.</p>
<p>MY T WELVE YEAR OLD BOY<br />
WAS NINE TIMES FUCKED<br />
AND RED WAS SUCKING<br />
THEIR APOCALYPSE FINGERS.</p>
<p>A BOY WHO SINGS<br />
A BOY WHO DREAMS<br />
A BOY WHO DIES<br />
A BOY WHO SELLS<br />
A BOY WHO SPEAKS<br />
A BOY WHO SEES<br />
A TAILLURED MAN<br />
ANOTHER CRA Z Y.</p>
<p>UND WIE STELLE ICH MIR DAS DANN VOR? STEHT DA JEMAND AUF, KOMMT IN DIE MITTE UND SINGT?<br />
Nein, nicht ganz. Es wird verschiedene Szenen auf der Bühne geben, und immer einen Solisten oder eine Solistin, der oder die zusammen mit ihrem Instrument singt. Niemand ist alleiniger Leadsänger, sondern jeder oder jede ist mit seinem Instrument verbunden. Und dann gibt es die „Band“, die dahinter steht. Es gibt nicht nur ein Lied, sondern manchmal auch zwei oder drei gleichzeitig. Es sind verschiedene Schichten von Songs.</p>
<p>DAS KLINGT SPANNEND! DU VERWENDEST OFT BEREITS EXISTIERENDE HARMONISCHE VERLÄUFE. WIRD DAS AUCH HIER DER FALL SEIN?<br />
Genau. Ich arbeite mit meinem Akkord-Katalog.</p>
<p>DAS MUSST DU MIR KURZ ERKLÄREN.<br />
Das ist ein Katalog, der jetzt auch als Buch im Sommer erscheint. Er besteht aus Momenten aus YouTube; Aufnahmen von Amateurchören, die eine Spur falsch singen. Dadurch höre ich den Dur- oder Moll-Akkord oder die Terz, die Sexte quasi wie zum ersten Mal. Der Ausdruck verschärft sich dadurch, dass er nicht so erklingt, wie ich es gewohnt bin. Gleichzeitig erkenne ich aber die kleine Terz und den Ausdruck der kleinen Terz.</p>
<p>DAS HEISST, ES GIBT IM NEUEN STÜCK KEINE LÄNGEREN HARMONISCHEN VERLÄUFE, DIE DU ÜBERNIMMST? BEI „SAI BALLARE?“ GAB ES JA ZUM BEISPIEL EINEN AUSSCHNITT AUS EINEM HAYDN-TRIO IN EXTREMER VERLANGSAMUNG. JETZT SIND DANN EHER EINZELNE HARMONIEN, &#8230;<br />
&#8230; die ich dann neu zusammensetze, genau. Und diese Harmonien habe ich in verschiedene Ausdrücke katalogisiert, zum Beispiel GLORIA, LES BAINS, LYS, REMEMORY, GEBET, APFELSINE, GOD WAS NOT A FEMINIST und viele mehr.</p>
<p>WOHER KOMMEN DENN DIESE THEMENFELDER?<br />
Dieser Katalog stammt aus verschiedenen Stücken, die ich geschrieben habe, wo ich genau diese Ausdrücke gesucht habe. Und jetzt kann ich darauf zurückgreifen. Aber ich sammle immer weiter.</p>
<p>HAST DU DEN KLANG DER AKKORDE IM OHR, ODER HÖRST DU DIR SIE IMMER WIEDER AN?<br />
Ich habe die Akkorde mittlerweile fast alle in meinem Kopf. Sie sind meine Schätze, meine Pralinenkiste oder ein Schrank voll mit Düften. [lacht]</p>
<p>WENN DU KOMPONIERST, IST ES HILFREICH FÜR DICH ZU WISSEN, WELCHE MUSIKER*INNEN SPIELEN? SCHREIBST DU FÜR BESTIMMTE PERSONEN?<br />
Ja, das beeinflusst mich sehr. Für dieses Projekt besonders. Wer welchen Song bekommt, ist entscheidend. Zum Beispiel könnte der Song für Florentin schwer von jemandem anderen aus dem Ensemble gesungen werden.</p>
<p>GIBT ES AUSSERMUSIKALISCHE THEMEN, DIE IN DEINE SONGS EINFLIESSEN?<br />
Ja, die Ausdrücke sind eng mit meinem Leben verbunden. Sie spiegeln beispielsweise Erfahrungen, die Rezeption von Texten, Kunstwerken und Einflüsse von Freunden wider.</p>
<p>GIBT ES BESTIMMTE THEMEN, DIE DU ERWÄHNEN MÖCHTEST?<br />
Nein, ich würde es eher abstrakt lassen. Also, Apfelsine steht zum Beispiel für fordernde, strahlende Klänge, die aber so ein wenig sauer sind. Ich habe auch zu jedem Ausdruck ein Gedicht geschrieben. Hier zum Beispiel für ZUCKER:<br />
EMPTY EVERYDAY<br />
HEAVENLY HAPPINESS<br />
LIEBLING.<br />
(HABIBI.)</p>
<p>DU VERWENDEST OFT THEATRALISCHE ODER VISUELLE EFFEKTE IN DEINER MUSIK. GIBT ES SOLCHE ELEMENTE AUCH IM NEUEN STÜCK?<br />
Es wird bestimmt choreografische Elemente geben. Ich möchte Duos kreieren, die zusammen Choreografien befolgen oder sich in ihrem Spiel beeinflussen. Aber das ist noch nicht festgelegt.<br />
Die Crux wird sein, dass ich den elektronischen Charakter von Popsongs nachspüren will und doch meist traditionelle Instrumente benutze. Es gibt dann wahrscheinlich maximal ein oder zwei Synthesizer, aber der Rest werden akustische Instrumente sein. Da bin ich total gespannt, wie sich das mischt und ob sich das mischt. Das ist vielleicht die größte Herausforderung oder auch das schönste Moment, wenn das dann nicht gelingt. Oder wenn es gerade so gelingt, so dass man diesen Hybrid lieben lernt.</p>
<p>BEI STREICHERN BENUTZT DU GERNE SEHR BIZARRE BOGENGESCHWINDIGKEITEN, EXTREM LANGSAM ODER EXTREM SCHNELL, WAS EINE GANZ EIGENE ART VON SCHÖNHEIT HERVORBRINGT &#8211; WEIL ZUM BEISPIEL DIESES STREICHEN MIT KAUM WAHRNEHMBARER BEWEGUNG EINEN BRÜCHIGEN KLANG ERZEUGT, WAS SO ÜBERHAUPT NICHT DEN KLASSISCHEN SCHÖNHEITSIDEALEN ENTSPRICHT. ABER WENN MAN SICH DARAUF EINLÄSST, FINDE ICH ES UNGLAUBLICH SCHÖN, POETISCH UND VIEL FARBENREICHER ALS EINEN NORMALEN, „SCHÖNEN“ KLANG. WIE BIST DU DAHIN GEKOMMEN? WAS HAT DICH DA ZU INSPIRIERT?<br />
Ich glaube, es fing damit an, dass ich normale Dur- und Moll-Klänge in meiner Musik haben wollte. [lacht] Mit einem wahnsinnig langsamen Bogen gibt es dann andere, quasi staubigere Akkorde. Und dann kam aber auch das choreografische Moment hinzu. Ich sehe immer Flügelkreaturen bei Streichern. Im Notenständer sehe ich die Füße vom Vogel, und der Arm des Streichers wird der Flügel. Es ist ein ganzes Objekt, das ich immer schon bei Streichern gesehen habe. Darüberhinaus benutze ich die Bogengeschwindigkeit auch, um eine gewisse Imperfektion hineinzubringen. Um einzubauen, dass man im Prinzip nie richtig Kontrolle über das Stück hat und es im Moment formbar ist.</p>
<p>IN DEN LETZTEN JAHREN HAST DU FÜR ALLE BESETZUNGEN GESCHRIEBEN, VON SOLO ÜBER KAMMERMUSIK BIS HIN ZUM GROSSEN SINFONIEORCHESTER. WAS REIZT DICH GANZ<br />
BESONDERS AN EINER ENSEMBLEBESETZUNG?<br />
Großes Ensemble ist faszinierend, weil es solistisch sein und trotzdem den Klang eines Orchesters haben kann. Man hat also eigentlich die ganze Bandbreite, und das ist besonders herausfordernd. Beim Orchester kann/muss man einfacher schreiben, gleichzeitig bekommt man viel geschenkt. Bei Kammermusik kann/muss man differenzierter arbeiten. Ein Ensemble erlaubt es, zwischen beiden Welten zu wechseln.</p>
<p>WOFÜR SCHREIBST DU AM LIEBSTEN?<br />
Orchester. Groß. Je mehr, desto besser. Viel hilft viel.</p>
<p>[LACHT] WARUM?<br />
Das liegt an den Akkorden. Sie sind bis zu 32-stimmig. Und um den Körper dieser Akkorde abzubilden, sind mehr Spieler*innen besser. Darin stechen manche Töne heraus, manche sind forte, zum Beispiel ein vielfaches Piano. Und das ist unglaublich schwer zu balancieren, wenn man nur 16 Spieler*innen hat. Jeder interpretiert ein Mezzopiano anders. Und da entsteht es bei kleineren Formationen unglaublich leicht, dass der Akkord in etwas anderes umschwenkt. Und bei großen Formationen ist einfach so eine gewisse Sicherheit gegeben. Dann gibt man die prominenten Töne an zehn Musiker*innen, und alle spielen in der gleichen Dynamik, aber die Töne werden trotzdem lauter, weil sie mehrfach besetzt sind.</p>
<p>DAS HEISST, DU ANALYSIERST NICHT NUR DIE HARMONIK DER AKKORDE, SONDERN AUCH DIE BALANCE DER AKKORDTÖNE?<br />
Ja, ich verstärke auch Teiltöne im Spektrum, wo meiner Meinung nach der größte Ausdruck vorhanden ist.</p>
<p>WIE BIST DU DENN ÜBERHAUPT AUF DIE AMATEURCHÖRE GEKOMMEN?<br />
Ich habe immer viel Musik gehört. Und als ich 2016/17 in Rom gewohnt habe, kam ich an einen Punkt, an dem ich dabei auf einmal nichts mehr empfunden habe. Ich wollte wirklich neue Musik finden, die wieder Freude bringt oder die einen fühlen lässt, dass man am Leben ist. Und dann bin ich auf diese Amateurchöre bei YouTube gestoßen. Und das war wirklich so, als ob ich wieder drei Jahre alt bin und zum ersten Mal Mozart höre und diese einfachen Harmonien zum ersten Mal erleben darf. Und seitdem suche ich diese Momente und sammle sie.</p>
<p>WELCHE ART VON MUSIK HÖRST DU GERNE?<br />
Alles. Ich liebe Klassik, alte Musik, aber auch Popmusik und HipHop. Meine Tochter hört jetzt K-Pop. Das ist ganz neu für mich. Also es ist ähnlich, aber es ist ganz anders im Ausdruck. Vor allem die Texte. Es ist einfach spannend zu sehen, was für Gefühle es jetzt in unserer Welt gibt und wie unterschiedlich die Parallelen nebeneinander herlaufen.</p>
<p>HAT DAS, WAS DU HÖRST, EINFLUSS AUF DAS, WAS DU SCHREIBST?<br />
Es gibt so Momente, wo ich total verliebt in Musikstücke bin, und dann ist es schwer, nicht zumindest darauf einzugehen. Weil ich dann denke, es gibt nichts Besseres als dieses eine Stück. Und ich muss diese Liebe, das Stück, einbauen, auch wenn es am Ende vielleicht überhaupt nicht erkennbar ist.</p>
<p>WANN HAST DU ANGEFANGEN ZU KOMPONIEREN?<br />
Mit 14 habe ich zum ersten Mal etwas geschrieben, es aber schnell verworfen, weil ich dachte, Komponistin zu werden, sei nur etwas für Männer. Das kann man als Frau gar nicht, Komponistin werden.</p>
<p>WAS HAT DICH DAMALS ZUM KOMPONIEREN GEBRACHT?<br />
Die Liebe zur Musik. Ich hatte aber nie die Partitur einer Frau gesehen. Das existierte in meiner Welt nicht.</p>
<p>WIE GING ES DANN WEITER?<br />
Dann bin ich mit 18/19 nach Berlin gezogen, und da habe ich ein Stück von Rebecca Saunders gehört. Und dann wurde mir klar, man kann Komponistin werden als Frau. Und das fiel damit zusammen, dass ich eigentlich wahnsinnig gerne Musik machen wollte, mein ganzes Leben lang, aber definitiv nicht auf der Bühne stehen wollte.</p>
<p>UND DANN WAR KLAR, DASS DU KOMPONISTIN WERDEN WILLST?<br />
Ja! Ich empfinde es als großartig, dass man Musik ohne Auftritt machen kann, ohne auf der Bühne zu stehen. [beide lachen]</p>
<p>WAS FÜR EIN GLÜCK FÜR UNS! VIELEN DANK FÜR DAS SCHÖNE<br />
GESPRÄCH – WIR FREUEN UNS AUF DEIN NEUES STÜCK!</p>
<p>Juni 2024</p>
            </div>
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				<figure><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-13752" src="https://www.musikfabrik.eu/wp-content/uploads/2024/10/Streich-c-Ricordi_Harald-Hoffmann-05.jpg" alt="" width="954" height="636" srcset="https://www.musikfabrik.eu/wp-content/uploads/2024/10/Streich-c-Ricordi_Harald-Hoffmann-05.jpg 954w, https://www.musikfabrik.eu/wp-content/uploads/2024/10/Streich-c-Ricordi_Harald-Hoffmann-05-300x200.jpg 300w, https://www.musikfabrik.eu/wp-content/uploads/2024/10/Streich-c-Ricordi_Harald-Hoffmann-05-768x512.jpg 768w" sizes="(max-width: 954px) 100vw, 954px" /></figure>
<p style="text-align: right;"><em>©Ricordi_Harald Hoffmann</em></p>
            </div>
        </div>
    </div>
</div>
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			</item>
		<item>
		<title>cosmigimmicks</title>
		<link>https://www.musikfabrik.eu/de/blog/cosmigimmicks/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Mareike]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 Mar 2024 18:50:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Video]]></category>
		<category><![CDATA[Werktext]]></category>
		<category><![CDATA[Musikfabrik im WDR]]></category>
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					<description><![CDATA[Video von Unsuk Chins "cosmigimmicks", aufgenommen in der Kölner Philharmonie]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="ce ce-twocol fullwidth bgr-white pt-medium layout-8-4" >
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				            </div>
            <div class="col col-custom-2">
				<p><strong>Unsuk Chin</strong> – cosmigimmicks (2011/12)<br />
für Ensemble</p>
<p>Ensemble Musikfabrik<br />
Clement Power, Dirigent</p>
<p>Janet Sinica, video/editing<br />
Julius Gass, video assistant<br />
Jan Böyng, editing<br />
Wolfgang Ellers, recording producer / editing</p>
            </div>
        </div>
    </div>
</div>
<div class="ce ce-headline fullwidth pt-medium">
    <div class="container">
        <div class="row">
            <div class="col">
				<h3>IMAGINÄRES THEATER: UNSUK CHINS „COSMIGIMMICKS“ (2011/12)</h3>            </div>
        </div>
    </div>
</div>
<div class="ce ce-twocol fullwidth pt-medium" >
    <div class="container">
        <div class="row">
            <div class="col col-custom-1">
				<p>1985 war Unsuk Chin 24 Jahre alt, voller Tatendrang und Abenteuerlust. Und obwohl sie bereits einige Kompositionspreise gewonnen hatte, wollte sie sich den letzten Feinschliff unbedingt beim Neue Musik-Granden, György Ligeti, in Hamburg holen. Doch kaum hatten sich beide das erste Mal getroffen, muss Ligeti wieder einmal seine berühmte „Motzmiene“ (Unsuk Chin) aufgesetzt und seine zukünftige Studentin auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt haben: „Ligeti sagte zu mir, alle meine Kompositionen wären unoriginell und ich sollte sie lieber wegwerfen.“ Das saß. Die nächsten drei Jahre konnte Chin keine Note mehr zu Papier bringen. Trotzdem blickt sie heute nicht im Groll auf ihre Hamburger Jahre zurück. Immerhin verband sie mit ihrem schonungslosen Lehrer der grundlegende Zweifel an einer fortschrittsgläubigen Musik-Avantgarde: „So viele Dinge, von denen wir glauben, wir hätten sie erfunden, existieren bereits – in der frühen europäischen wie in der nichteuropäischen Musik.“</p>
<p>Das musikalische Rad will Unsuk Chin seitdem nicht mit aller Macht neu erfinden. Und dennoch gehört die gebürtige Südkoreanerin und inzwischen eingefleischte Wahl-Berlinerin längst zu den faszinierendsten, fantasievollsten und damit eben doch erfindungsreichsten Stimmen innerhalb der zeitgenössischen Musikszene. Von Simon Rattle bis zum Kronos Quartet spielen prominenteste Interpreten ihre Stücke. 2007 wurde ihre von Kent Nagano in München dirigierte Oper <em>Alice in Wonderland</em> gar zur „Uraufführung des Jahres“ gewählt. Und bereits drei Jahre zuvor, 2004, erhielt die Komponistin für ihr Violinkonzert den mit 200.000 Dollar dotierten „Grawemeyer Award for Music Composition“.</p>
<p>Unsuk Chins <em>cosmigimmicks</em> wurde 2012 in Amsterdam vom Nieuw Ensemble uraufgeführt. Ein Jahr später, im April 2013, fand im Rahmen der Wittener Tage für neue Kammermusik die Deutsche Erstaufführung statt. Als „Pantomime“ bezeichnet die Koreanerin ihre Komposition für sieben Musiker. Inspiriert hat sie dazu das Instrumentarium des Uraufführungsensembles. „Zupfinstrumente (Gitarre, Mandoline und Harfe) spielen die Hauptrolle, während sich die anderen Instrumente (präpariertes Klavier, Violine, Trompete und Schlagzeug) verkleiden, um sich einem Masken- und Mimikryspiel anzuschließen“, so Chin in ihrem Werkkommentar. „Häufig verschmelzen alle Instrumente zu einem einzigen ‚Superinstrument‘: Sowohl der Pianist als auch der Geiger ahmen die Zupfinstrumente nach, die ersteren durch Vorbereitung, die letzteren durch Anwendung ungewöhnlicher Spieltechniken. Last but not least wird die Reihe der Schlaginstrumente (die teilweise auch vom Trompeter gespielt werden) eingesetzt, um mit den anderen Instrumenten eine größtmögliche Symbiose des Klangs zu erreichen. Das gesamte Timbre des Stücks ist metallisch und sehr zerbrechlich.“</p>
<p>Was sich jedoch hinter dem Titel „cosmigimmicks“ verbirgt, will Chin nicht verraten. Zerlegt man den Titel aber beispielsweise in „Kosmos“ und „Gimmicks“, könnte man ihn als „Universelles Werbegeschenk“ bezeichnen. Ihren Sinn fürs Nonsensehafte hat Chin jedenfalls von ihrem alten und überaus strengen Lehrer György Ligeti, dem sie nun auch den dritten Satz „Thall“ gewidmet hat.</p>
            </div>
            <div class="col col-custom-2">
				<p>Wenngleich das Stück offiziell als „Pantomime“ fungiert, hat gleich der erste Satz „Shadow Play“ nichts mit dieser jahrtausendealten Ausdrucksform zu tun, sondern erinnert an die Kunst des Schattenpuppentheaters. „Es beginnt mit bloßem Rauschen, aus dem allmählich Töne und Harmonien entstehen. Die musikalischen Gesten sind schattenhaft. Diese Gesten sind rätselhaft, unfassbar und unvorhersehbar wie Kafkas Odradek.“ Der zweite Satz „Quad“ geht auf zwei gleichnamige Fernsehspiele von Samuel Beckett zurück, die der irische Schriftsteller 1981 für den Süddeutschen Rundfunk produzierte. Darin schreiten die Schauspieler ein Quadrat auf geometrisch strengen Wegen ab. Bei Unsuk Chin wird daraus eine streng rhythmische Szenerie, in der sich jedes Instrument in eine Art Schlagzeug verwandelt. Der Titel des dritten Satzes „Thall“ ist schließlich Koreanisch und bedeutet ‚Maske‘. „Die Gitarre steht im Zentrum dieses Satzes und spielt eine Quasi-Melodie, die aus wenigen Mikrotönen besteht und immer wieder wiederholt wird. In Übereinstimmung mit den sich ändernden Harmonien der anderen Instrumente ändert sich diese ‚Melodie‘, ähnlich einer Transformation des Gesichtsausdrucks einer Pantomime. Der Gesamtcharakter von „Thall“ ist sowohl leicht sentimental wie auch makaber und beschreibt die Psyche einer zerrissenen Person, wobei die Veränderung der mentalen Zustände durch Veränderung der harmonischen Sprache veranschaulicht wird.“</p>
<p><em>Guido Fischer</em></p>
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            </div>
        </div>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Widerstand und Funkenflug</title>
		<link>https://www.musikfabrik.eu/de/blog/widerstand-und-funkenflug/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redakteur 1]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 24 Jan 2023 14:41:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<category><![CDATA[Werktext]]></category>
		<category><![CDATA[Musikfabrik im WDR]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.musikfabrik.eu/?p=11002</guid>

					<description><![CDATA[Milica Djordjević verrät, wie ein neues Stück entsteht. Ein Text von Raoul Mörchen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="ce ce-onecol " >
    <div class="container">
        <div class="row">
            <div class="col">
				<p><strong>Am <a href="https://www.musikfabrik.eu/de/kalender/musikfabrik-im-wdr-84/" target="_blank" rel="noopener">29. Januar</a> spielen wir die Uraufführung von Milica Djordjevićs Werk <em>Nalet </em>im Rahmen unserer Reihe &#8222;Musikfabrik im WDR&#8220;, beim Festival <a href="https://www.achtbruecken.de/de/" target="_blank" rel="noopener">ACHT BRÜCKEN</a> dürfen wir Solokompositionen der serbischen Komponistin uraufführen. Raoul Mörchen hat im Vorfeld mit der Komponistin gesprochen und verrät, wie bei ihr ein neues Stück entsteht. </strong></p>
            </div>
        </div>
    </div>
</div>
<div class="ce ce-twocol " >
    <div class="container">
        <div class="row">
            <div class="col col-custom-1">
				<p><span style="font-weight: 400;">Das neue Ensemblewerk ist noch längst nicht beendet, und Milica Djordjević hat eines gelernt: dann besser auch nicht drüber sprechen. „Es mir schon passiert, dass ich Dinge angekündigt habe, die ich dann später doch komplett verworfen habe. Komponieren ist bei mir ein Prozess mit leicht chaotischen Zügen.“ Weder der konkrete Verlauf noch das Ende dieses Prozesses folgen einem festen Schema –auch die Anfänge ähneln sich nie, müssen mit wechselnden Strategien erkämpft werden. Ihr fallen die Dinge nicht in den Schoß, sagt Djordjević, immer wieder müsse sie neu von vorn ansetzen, um aus einer dunklen Vorstellung, einer Art großem „Murmeln“, Ideen, Klänge und Materialien herauszukristallisieren, mit denen sie dann arbeiten könne.</span></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Dabei mangelt es nicht an Inspiration. Seit der Schulzeit schlägt das Herz der gebürtigen Serbin gleichermaßen für die Naturwissenschaften und die bildende Kunst, dazu kommen Anregungen aus der Literatur und dem politischen Zeitgeschehen. Und manchmal überlagern sich die Felder auch, wie beim Schlagzeugkonzert </span><i><span style="font-weight: 400;">Jadarit</span></i><span style="font-weight: 400;">, das Milica Djordjević kürzlich für Musikfabrik-Schlagzeuger Dirk Rothbrust geschrieben hat: Jadarit ist ein extrem seltenes, erst vor wenigen Jahren entdecktes Mineral, das ziemlich genau dem legendären Kryptonit aus dem Superman-Kosmos entspricht. Benannt ist es nach seinem einzigen Fundort, dem Jadar-Tal in Serbien, und es enthält neben Bor auch das für die Batterie-Herstellung essentielle Element Lithium. Der Abbau ist in Serbien ein hart umkämpftes Politikum. Ökonomie steht gegen Ökologie, die Aussicht auf extremen Profit gegen eine kaum vermeidbare Naturzerstörung größten Ausmaßes. All das ist schließlich eingeflossen in die Arbeit: die wissenschaftliche Faszination am neuen Element, die skurrile Koinzidenz des Faktischen mit dem Fiktiven und die Sorge um einen ökologischen Kahlschlag, der beinahe ein Drittel des gesamten Landes verwüsten könnte. </span></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Soviel will Milica Djordjević dann übrigens doch verraten: das neue Solostück für Dirk Rothbrust &#8211; eines von dreien, das bei ihr für Mitglieder des Ensembles Musikfabrik in Auftrag gegeben worden ist für das Kölner Festival „Acht Brücken“ in 2023 – wird an diesen Komplex anknüpfen. Und zwar nicht nur thematisch, sondern auch musikalisch: „Ich möchte Material aus dem Konzert quasi wie Stammzellen in das Solo implantieren.“ Und so ist es auch bei vielen anderen, eigentlich bei all ihren Partituren: „aus jeder Partitur fliegen Funken in die nächste.“</span></p>
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				<figure id="attachment_11006" aria-describedby="caption-attachment-11006" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="wp-image-11006 size-full" src="https://www.musikfabrik.eu/wp-content/uploads/2023/01/M_Djordjevic-©-Astrid_Ackermann.jpg" alt="" width="1000" height="667" srcset="https://www.musikfabrik.eu/wp-content/uploads/2023/01/M_Djordjevic-©-Astrid_Ackermann.jpg 1000w, https://www.musikfabrik.eu/wp-content/uploads/2023/01/M_Djordjevic-©-Astrid_Ackermann-300x200.jpg 300w, https://www.musikfabrik.eu/wp-content/uploads/2023/01/M_Djordjevic-©-Astrid_Ackermann-768x512.jpg 768w" sizes="(max-width: 1000px) 100vw, 1000px" /><figcaption id="caption-attachment-11006" class="wp-caption-text">Milica Djordjevic © Astrid Ackermann</figcaption></figure>
<p><span style="font-weight: 400;">Was auch immer Milica Djordjević inspiriert – die Idee führt nie direkt zur Partitur, sondern sucht den Umweg über die Zeichnung. „Für mich persönlich ist das das natürlichste und intuitivste Mittel, die Klänge und Formen, die ich mir vorstelle, zu zeichnen. So gewinne ich Klarheit darüber, was ich tun werde.“ Ist einmal die Form in groben Zügen entworfen, hebt sie ihre Baustellen an ganz unterschiedlichen Orten aus. „Ich muss nicht mit dem Anfang anfangen und gehe sowieso nicht strikt chronologisch vor, nicht Takt für Takt. Manchmal arbeite ich erst einmal die Mitte genauer aus und spring dann weiter vor oder zurück.“ </span></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Und das Ende? Ist nicht unbedingt das Ende. So gerne Milica Djordjević ihre Arbeit im Austausch mit ihren Interpreten entwickelt, vor allem bei Solostücken, so so bereitwillig passt sie bei Proben oder auch nach Aufführungen noch einmal Details an, reagiert auf eigene Beobachtungen und Hinweise anderer. „Im engen Kontakt mit den Musikern können magische Dinge passieren.“ </span></p>
<p><em>Raoul Mörchen</em></p>
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		<title>Sir Harrison Birtwistle</title>
		<link>https://www.musikfabrik.eu/de/blog/sir-harrison-birtwistle/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Mareike]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 Apr 2022 10:35:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Musikfabrik im WDR]]></category>
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					<description><![CDATA[Sir Harrison Birtwistle (1934 - 2022)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="ce ce-onecol " >
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				<p>Mit großer Trauer haben wir vom Tod Sir Harrison Birtwistles am vergangenen Montag erfahren. Wir haben zuletzt im Rahmen des Musikfestes Berlin und unserer Reihe Musikfabrik im WDR intensiv mit ihm zusammengearbeitet, als Komponist und Dirigent, und verbinden viele herzliche, fröhliche und musikalisch beglückende Momente mit ihm.</p>
<p>Carl Rosman teilt eine persönliche Erinnerung an den Komponisten, die viel über seine herzliche und humorvolle Art verrät.</p>
<p>Seine Musik wird bleiben.</p>
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				<p>Vielleicht kann diese Geschichte jetzt, da Harry nicht mehr unter uns weilt, endlich erzählt werden.</p>
<p>2019 hatte ich so etwas wie eine Birtwistle-Phase: Ein langfristiges Projekt zur Wiederbelebung seiner zurückgezogenen <em>Four Interludes for a Tragedy</em> (für Bassettklarinette und Tonband) kam dank Tom Halls Rekonstruktion des verlorenen Tonbandteils aus Peter Zinovieffs Originalmaterial zum Tragen. Ich führte die <em>Interludes</em> im Mai an der Universität von Surrey auf und traf dabei Peter. Als die English National Opera im Oktober Harrys <em>Mask of Orpheus</em> (für die Peter das außergewöhnliche Libretto schrieb) wieder aufnahm, beschloss ich, mitzugehen. Der einzige Abend, der wirklich in den Zeitplan des Ensembles Musikfabrik passte, war der erste Abend, also dachte ich, ich könnte es auch richtig machen &#8211; ich investierte in einen Platz in der ersten Reihe und brachte einen Anzug mit.</p>
<p>Nic Hodges war zu diesem Anlass ebenfalls aus Deutschland angereist, und so trafen wir uns vor der Veranstaltung auf eine Tasse Tee und ein Gespräch. Dann schlenderten wir zum Kolosseum hinunter; wir saßen in verschiedenen Teilen des Saals, und nachdem wir unsere Sachen abgelegt hatten, gingen wir getrennte Wege. Ich fragte mich, ob ich Harry irgendwann wiedersehen würde &#8211; ich hatte ihn erst vor ein paar Jahren richtig kennengelernt, als das Ensemble Musikfabrik seine Five Lessons in a Frame in Köln und seine Dowland-Arrangements in Berlin aufführte. (Der Dowland ist für das Ensemble eine besonders wertvolle Erinnerung: Harry ist sicherlich nicht der beste der Dirigenten, die mit uns die Bühne der Berliner Philharmonie geteilt haben, aber als er uns sanft durch seine Arrangements geführt hatte, hätten wir ihn gegen keinen anderen in der Branche eintauschen wollen.) Ich beschloss, dass ein Abstecher zu den Toiletten ratsam war, und traf auf dem Weg dorthin Harry selbst, der vermutlich gerade eine ähnliche Mission absolviert hatte. Wir tauschten Grüße aus und umarmten uns kurz. Perfekt, dachte ich: Vermutlich würde ich es nicht schaffen, bei einem so geschäftigen Anlass ernsthaft Zeit mit ihm zu verbringen, aber ich hatte es zumindest geschafft, dass sich unsere Wege kreuzten.</p>
<p>Es war definitiv ein All-Star-Publikum. Die gesamte Londoner Neue-Musik-Gemeinde schien anwesend zu sein, und zu allem Überfluss saß Alfred Brendel zwei Plätze weiter links von mir. In der zweiten Pause ging ich nach unten, um zu sehen, ob ich Nic finden konnte. Stattdessen fand ich Harry und Peter Zinovieff wieder. Peter stellte mich Harry vor: &#8222;Harry, das ist Carl, er hat unsere Interludes gespielt&#8220;. Daraufhin antwortete Harry: &#8222;Ja, ich kenne ihn, er ist mein Freund&#8220;. Ich muss sehr rot geworden sein.</p>
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				<p>Die Oper wurde mit tosendem Beifall begrüßt, und sobald Harry die Bühne betrat, erhob sich das Publikum geschlossen von seinen Plätzen. Auch Peter war in seiner Eigenschaft als Librettist auf der Bühne und erhielt von Harry einen herzlichen Kuss auf die Wange. Als ich die Bühne verließ, traf ich wieder auf Harry. Ich gratulierte ihm, er fragte mich, ob ich alleine da sei, und auf mein &#8222;Ja, bin ich&#8220; hin nahm er meine Hand und zog mich in den Aufzug und hinauf zum Empfang des Premierenabends. Dort oben war es etwas laut und voll, also zog er sich mit einem Getränk in der Hand in einen weniger dicht bevölkerten Teil des oberen Foyers zurück, zusammen mit Peter und seiner Frau Jenny. Wir unterhielten uns noch eine Weile, dann verabschiedeten sich die Zinovieffs. Harry saß noch etwas länger da und ergriff dann wieder meine Hand: zurück in den Aufzug, hinunter in das Foyer im Erdgeschoss und direkt zur Tür hinaus, wobei er nur innehielt, um die extravagant gekleidete Kostümbildnerin zu umarmen.</p>
<p>Als er auf die Straßen von Soho stürmte, fragte ich ihn, ob er uns an einen bestimmten Ort bringen würde. &#8222;Ja.&#8220; Bald erreichten wir den Garrick Club, in dem er Mitglied war, und gingen direkt in den Speisesaal. (Ich war froh, dass ich den Anzug mitgenommen hatte.) Er bestellte eine Flasche eines sehr kraftvollen Pinot Noir und sagte mir, ich solle etwas zu essen aussuchen. So verbrachten wir etwa eine Stunde damit, über verschiedene Themen zu plaudern (in unseren wenigen Gesprächen ging es immer um Alan Hacker und Reginald Kell, meine beiden Lieblingsklarinettisten, von denen der eine über vierzig Jahre lang Harrys Mitarbeiter und Kollege war und der andere Harrys eigener Klarinettenlehrer). Wir hatten die Flasche schon fast ausgetrunken, als Sir David Pountney (der Produktionsleiter der Originalaufführung von <em>Mask of Orpheus</em> im Jahr 1986) eintraf, und wir unterhielten uns noch ein wenig über den Verlauf des Abends.</p>
<p>Schließlich schloss der Speisesaal seine Pforten und Harry machte sich auf den Weg ins Bett. Ich schlenderte zum Groucho Club, um mit Nic Hodges einen letzten Martini zu trinken, und machte mich dann auf den Weg zu meinem Hotel, wobei ich unterwegs gelegentlich tatsächlich lachte.</p>
<p>Ich hatte danach noch eine weitere Gelegenheit, Harry zu treffen: Er kam zu Nics Aufnahme von Gigue Machine und anderen Stücken im WDR, und ich schlich mich als Umblätterer ein, so dass noch einige schöne Erinnerungen entstanden. Ohne die Pandemie wären es natürlich noch mehr gewesen. Aber als Entschädigung gibt es wenigstens die Musik: und davon gibt es eine Menge, und das Beste davon kann sich meiner Meinung nach mit buchstäblich allem messen.</p>
<p><em>Carl Rosman</em></p>
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				<figure id="attachment_8834" aria-describedby="caption-attachment-8834" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full wp-image-8834" src="https://www.musikfabrik.eu/wp-content/uploads/2022/04/Birtwistle_Bledsoe_233420126.jpg" alt="" width="800" height="533" srcset="https://www.musikfabrik.eu/wp-content/uploads/2022/04/Birtwistle_Bledsoe_233420126.jpg 800w, https://www.musikfabrik.eu/wp-content/uploads/2022/04/Birtwistle_Bledsoe_233420126-300x200.jpg 300w, https://www.musikfabrik.eu/wp-content/uploads/2022/04/Birtwistle_Bledsoe_233420126-768x512.jpg 768w" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption id="caption-attachment-8834" class="wp-caption-text">Helen Bledsoe und Sir Harrison Birtwistle © Klaus Rudolph</figcaption></figure>
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		<title>Musikfabrik im WDR 75</title>
		<link>https://www.musikfabrik.eu/de/blog/musikfabrik-im-wdr-75/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redakteur 1]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Mar 2021 13:19:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Werktext]]></category>
		<category><![CDATA[Musikfabrik im WDR]]></category>
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					<description><![CDATA[Am 24. März 2021 sendet der WDR 3 unser Konzert der Reihe Musikfabrik im WDR 75. Nach der Ausstrahlung ist es noch für 30 Tage in der Mediathek verfügbar.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="ce ce-onecol " >
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				<p style="text-align: center;"><a class="btn-cta" href="https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-konzert/konzertplayer-klassik-musikfabrik-104.html" target="_blank" rel="noopener">Link zur Sendung </a></p>
<p style="text-align: center;"><strong>Richard Rijnvos</strong> &#8211; <em>Riflesso sull’incontro</em> (2019/20) &#8211; Kompositionsauftrag von November Music</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Enno Poppe </strong>&#8211; <em>Prozession </em>(2015/20) &#8211; Kompositionsauftrag von Ensemble Musikfabrik, Bernd und Ute Bohmeier, Festival AFEKT und Kunststiftung NRW</p>
<p style="text-align: center;">Ensemble Musikfabrik<br />
Enno Poppe, Dirigent</p>
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				<p>Unser 75. Konzert der Reihe Musikfabrik am 15. November 2020 musste kurzfristig ohne Publikum stattfinden. Um so mehr freuen wir uns, dass es nun im <a href="https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-konzert/konzertplayer-klassik-musikfabrik-104.html" target="_blank" rel="noopener">WDR3 </a> gesendet und ich Anschluss für 30 Tage zum Nachhören zur Verfügung stehen wird &#8211; die Werktexte von <strong>Raoul Mörchen</strong> aus unserem digitalen <a href="https://issuu.com/ensemblemusikfabrik/docs/mufa19682-wdr-programmkonzert-75-201029" target="_blank" rel="noopener">Programmheft</a> finden Sie hier:</p>
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				<h3>Zu den Werken</h3>
<h4><strong>Richard Rijnvos &#8211; Riflesso sull’ incontro</strong></h4>
<p>Wem die Besetzung irgendwie bekannt vorkommt und sich an ein beinahe hundert Jahre altes Werk von Edgard Varèse erinnert, der hat a.) ein verdammt gutes Gedächtnis und ist b.) auf genau der richtigen Spur. Weniger enzyklopädisch geschulten Hörern hilft ein Blick in die Partitur, wo der Komponist ohne Umschweife die Karten auf den Tisch legt: Ja, die Instrumentierung entspricht ziemlich genau der von „Octandre“. Und es gibt noch andere Hinweise, die von hier zum Werk des Kollegen führen. Die achtteilige Anlage als Referenz auf die Acht im Titel des Originals etwa („Octandre“ meint eine achtblättrige Blüte) oder die Ableitung der acht tonalen Zentren der acht Abschnitte aus dem Namen Edgard Varèse: E-D-G-A-D-A-E-(E)s.</p>
<p>Richard Rijnvos spricht von einem Schwesterwerk, einem „Companion Piece“, und erklärt seine Idee und Entstehung mit einem Zitat des italienischen Autors Italo Calvino: „Ich gestehe, ich habe einen so intensiven Traum gehabt von einer Begegnung mit dir, in allen Einzelheiten, dass es nun wie ein Teil meiner eigenen Erfahrung ist, als hätte ich es wirklich erlebt. All das geschah ganz plötzlich, einfach und natürlich.“</p>
<p>Rijnvos also ist im Traum Varèses „Octandre“ begegnet. Was wir hören, ist der Abglanz dieser Begegnung, den „Riflesso sull‘incontro“. Schon mehrmals sind Rijnvos im Traum Werke von Kollegen begegnet: 2007 Stockhausens „Refrain“ und Sibelius‘ „Schwan von Tuonela“,  2016 die „Swinging Music“ von Kazimierz Serocki, im Jahr darauf die Suite op.29 von Schönberg. Ein Abglanz allerdings ist etwas anderes als ein Verweis, weniger literarisch, weniger gezielt und vor allem ist die Richtung eines andere. Der Verweis führt weg zu etwas anderem, im Abglanz aber schlägt sich etwas anderes nieder, wird hierher reflektiert, jedoch nicht wie in einem Spiegel, als konkretes Abbild, sondern unscharf und verwandelt.</p>
<p>So sind es nicht Zitate, die uns an die geträumte Begegnung mit „Octandre“ erinnern, sondern vage gewordene Eindrücke – zuallererst der Eindruck eines Widerstreits von Bewegung und Stillstand, von atemlosen Figuren, die blitzschnell auf und abschwingen, und einem geradezu manisch anmutenden Beharren auf der Horizontalen, sei es in schnellen Repetitionen oder in stur ausgehaltenen Liegetönen. Auch die für Varèse typische Aussparung einer dynamischen Mitte hat abgefärbt, abgeglänzt: bei Rijnvos überwiegen rasche Wechsel zwischen sehr leise und sehr laut, zart und aggressiv. Schließlich sucht man sangliche Melodie und körperlichen Rhythmus vergebens – was nicht da ist, kann auch keinen Eindruck hinterlassen. Doch nicht alles ist Abglanz. Die Idee, die acht Absätze jeweils mit einem kleinen Solo eines der acht Instrumente zu eröffnen, ist in ihrem Witz und ihrer formalen Stringenz ganz und gar nicht „comme Varèse“ und auch die Pointe mit den sich additiv von 2/8 auf 9/8 verlängernden Pausen zwischen der Schlussfigur der Flöte ist so frech und lapidar, wie es der latent cholerische Kollege Varèse selbst in einer geträumten Begegnung nie und nimmer gewesen sein kann.</p>
<h4><strong>Enno Poppe &#8211; Prozession</strong></h4>
<p>Musik aus dem Lockdown. Vor fünf Jahren hatte Enno Poppe die Arbeit begonnen, doch die &#8222;Prozession&#8220; bei Minute 8 wieder abgebrochen. Irgendwann sollte es weiter gehen. Das Stück, dachte Poppe, hätte dann vielleicht eine Viertelstunde gedauert. Es ist dreimal so lang geworden. Als er die Partitur Mitte März, als draußen nichts mehr lief, wieder auf den Schreibtisch gelegt hatte, sei es plötzlich wie von selbst gegangen, so Poppe: es habe sich immer weiter ausgebreitet, immer weiter entfaltet. Den Samen für diese Entwicklung hatte er zwar selbst gepflanzt und schon anno 2015 eine Wachstumsstruktur entworfen mit einer konkreten Proportionslogik – dass sie ihn aber so weit tragen würde, hat ihn am Ende dennoch überrascht.</p>
<p>Enno Poppe liebt Pläne, aber Musik liebt er noch mehr, und wenn die Musik seine Pläne beim Komponieren überwuchert oder einfach hinter sich lässt, „dann ist das auch gut“. Konkret heißt das hier: Im ersten Entwurf schon sollte &#8222;Prozession&#8220; aus neun Abschnitten mit jeweils neun Unterabschnitten bestehen. Dass tatsächliche Erreichen der rechnerisch letzten Nummer 81 ist gleichwohl, so sieht es Poppe, der Beharrungskraft des Materials geschuldet, nicht der Sturheit des Komponisten.</p>
<p>Die neun Abschnitte exponieren verschiedene instrumentale Duos und längere Soli vor dem Hintergrund einer sich blockhaft wandelnden Schlagzeugspur. Im ersten Abschnitt korrespondieren zum Beispiel Flöte und Geige, wobei noch eine Bratsche zur Verstärkung des Hintergrunds dazukommt. Aus dem Duo entwickelt sich eine gemeinsame melodische Linie, die dann am Ende eines jeden Abschnitts in einen Akkord mündet, um dann ohne Unterbrechung zum nächsten Abschnitt mit dem nächsten Duo zu führen, der nächsten Linie, dem nächsten Akkord. Die einzelnen Segmente werden dabei kontinuierlich länger, alles gerät mehr und mehr in Fluss. Und es ist genau dieser Fluss, um den es geht, um eine Energie, die alles mit sich reißt und auflöst und zur reinen Bewegung werden lässt, auch die formale Segmentierung, die sich im Klanggeschehen auflöst.</p>
<p>Die Bewegung hat selbst keine Logik, sondern entspringt einem körperlichen Gefühl, ist physisch, nicht physikalisch: „Je mehr ich mich von der Struktur löse, desto mehr schreibe ich mich frei.“ Freiheit gewährt dabei auch die Idee der kontinuierlichen Dehnung: durch die fortwährende Verlängerung der einzelnen Abschnitte verlieren sie ihren gestalterischen Eigenwert, ermöglichen nicht nur wachsenden Spielraum, sondern erzwingt sogar dessen Nutzung.</p>
<p>Das also ist der Prozess. Wo aber ist die Prozession?</p>
<p>Poppes Ausschweigen über die Bedeutung seiner Titel ist legendär. &#8222;Prozession&#8220; allerdings legt eine vergleichsweise konkrete Spur. Denn das Prozessuale ist nur das eine – es geht nach einem bestimmten Plan immer weiter. Prozessionen aber führen nicht nur weiter, sondern in eine ganz konkrete Richtung und zu einem Ziel. Dieses Ziel ist geographisch genau verortet, doch geistig ist es offen. Als Wanderung führt die Prozession zu einem Ort, als innere Bewegung zieht sie ins Unendliche. Und sie hat auch Poppe gewissermaßen ins Unendliche gezogen, zu einem ihm bis dahin unbekannten Punkt seines kompositorischen Schaffens: „Hier ist irgendetwas passiert, was ich so noch nie geschrieben haben.“</p>
<p>Man darf darüber spekulieren, was das bedeutet und wofür diese große Bewegung der &#8222;Prozession&#8220; steht. Als Hörer erfahren wir sie als eine Bewegung in Wellen, die immer höher werden und mächtiger. Äußerlich ist ein energetischer Höhepunkt der Beschleunigung und Dynamik bereits im sechsten Teil erreicht, doch statt danach abzuebben, verlagert sich die prozesshafte Intensivierung gewissermaßen ins Innere. Konturen verschwinden, auch unser Sinn für Maßstäbe tut‘s. Rhythmisch kommen noch die letzten Reste eines Pulses abhanden, harmonisch finden wir in den mikrotonal extrem gestauchten Akkorden keinen Halt, nichts, auf das wir sie beziehen könnten.</p>
<p>Diese totale Orientierungslosigkeit allerdings ist keine Katastrophe, sondern scheint wie ein Versprechen von grenzenloser Freiheit und Glück: „Irgendwann ist alles richtig. Es gibt nichts Falsches mehr.“</p>
<p><em>Raoul Mörchen</em></p>
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            <h4>Besetzung<span class="accordion-toggle-btn"></span></h4>
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            <div class="col">
				<p>Susanne Peters, Flöte<br />
Peter Veale, Oboe<br />
Carl Rosman, Klarinette<br />
Joshua Hyde, Saxophon<br />
James Aylward Fagott</p>
<p>Christine Chapman, Horn<br />
Marco Blaauw, Trompete<br />
Nathan Plante, Trompete<br />
Bruce Collings, Posaune</p>
<p>Ulrich Löffler, Keyboard<br />
Benjamin Kobler, Keyboard<br />
Yaron Deutsch, E-Gitarre<br />
Dirk Rothbrust, Schlagzeug</p>
<p>Rie Watanabe, Schlagzeug<br />
Thomas Meixner, Schlagzeug<br />
Ramón Gardella, Schlagzeug</p>
<p>Hannah Weirich, Violine<br />
Sara Cubarsi, Violine<br />
Axel Porath, Viola<br />
Dirk Wietheger, Violoncello<br />
Florentin Ginot, Kontrabass</p>
<p>Enno Poppe, Dirigent</p>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8222;Schönes altes Paradies&#8220; &#8211; Ein Gespräch mit Fabio Nieder</title>
		<link>https://www.musikfabrik.eu/de/blog/schoenes-altes-paradies-ein-gespraech-mit-fabio-nieder/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redakteur 1]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 14 Jan 2021 09:25:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Musikfabrik im WDR]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.musikfabrik.eu/?p=7312</guid>

					<description><![CDATA[Geführt von Guido Fischer zum Anlass der Uraufnahme von Fabio Nieders "Vielleicht weiß es die Nachtigall" - ein slowakisches Volkslied für Sopranstimme und Kammerorchester (2020)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="ce ce-onecol pb-large" >
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        <div class="row">
            <div class="col">
				<p><strong>Zum Anlass der <a href="https://www.musikfabrik.eu/de/kalender/musikfabrik-im-wdr-76-chants-gesaenge-2/" target="_blank" rel="noopener">Uraufnahme von Fabio Nieders &#8222;Vielleicht weiß es die Nachtigall&#8220; &#8211; ein slowakisches Volkslied für Sopranstimme und Kammerorchester (2020)</a> in der Reihe &#8218;Musikfabrik im WDR&#8216;  interviewte Guido Fischer den Komponisten zu seinem Stück.</strong></p>
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				<p><strong>Guido Fischer</strong>:<br />
Schon Robert Schumann wusste ja zu berichten: „Höre fleißig auf alle Volkslieder; sie sind eine Fundgrube der schönsten Melodien.“ Heute scheinen Volkslieder für viele zeitgenössische Komponisten dagegen wenig inspirierend zu sein. Eine große Ausnahme sind Sie, Herr Nieder. Woher rührt Ihre intensive Beschäftigung mit Volksliedern?</p>
<p><strong>Fabio Nieder</strong>:<br />
Zuerst muss ich anmerken, dass die Begriffe wie „Volkslied“, „Folklore“ oder „ethnisch“ an sich immer etwas Abwertendes haben. Wir vergessen aber oft, dass die „Volksmusik“ Jahrtausende lang die Musik der Mehrheit war! Das wichtigste Merkmal der „Volksmusik“, das sie von der E-Musik grundsätzlich unterscheidet, war und ist schließlich, dass sie keine Autoren hatte. Sie ist ein Allgemeingut einer Kollektivität und nicht der Ausdruck eines einzelnen Menschen.Viele Komponisten haben sich für die Volksmusik interessiert. Wie etwa Janáček, Bartók, Kodály und später auch Ligeti und Berio &#8211; wobei es kein Zufall ist, dass diese Komponisten sich auch stark für Linguistik interessierten. Aber heute? Kaum jemand, der oder die in Donaueschingen oder Witten gespielt wird, zeigt Interesse für diese wunderbaren Menschen und ihre Musik. Woher rührt dieses Desinteresse? Ist es eine Art Snobismus? Ich als Komponist finde es als eine menschliche Hauptaufgabe, dieses Versäumnis nachzuholen. Ich will dieser Musik eine ebenbürtige Wichtigkeit beimessen wie die der notierten Musik. Ich will versuchen, sozusagen die Schulden einer kolonialistischen Mentalität zu begleichen. Nicht nur aus humanitären Gründen, sondern vor allem wegen der betörenden Schönheit ihres Ausdrucks! Und besonders trifft das auf die slowakische Volksmusik zu…</p>
<p><strong>Guido Fischer</strong>:<br />
…die ja in Ihrem Schaffen von jeher tiefe Spuren hinterlassen hat…</p>
<p><strong>Fabio Nieder</strong>:<br />
Meine große Leidenschaft für die Bauernlieder reicht bis zu meiner frühen Jugend zurück, als ich auf dem Land am Hang zwischen der Stadt Triest und dem oberhalb der Stadt gelegenen Karst lebte. Die Vorstadt Triest und die Karstebene sind slowenischsprachig. Da lebt seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. die sogenannte slowenische Minderheit. In den slowenischen Dörfern um Triest leben hauptsächlich Bauern. Und ihre Musik ist mir sehr vertraut. Dazu kommt meine enge Freundschaft mit dem Komponisten, Linguisten und Ethno-Musikwissenschaftler slowenischer Nationalität aus Triest, Pavle Merkù. In den Sechzigern und Siebzigern sammelte er tausende Volkslieder der slowenischen Minderheiten, die in Triest, Görz und Ostfriaul leben. Durch ihn kannte ich in den Siebzigern auch das rege musikalische Leben im benachbarten Ljubljana. Die nationalen Volksmusiken der jeweiligen ehemaligen jugoslawischen Länder wurden in der Zeit des Tito-Kommunismus sehr gepflegt und weckten auch das Interesse der einheimischen Komponisten. Mit dem Verfall der kommunistischen Republik gingen dann leider auch die musikalischen Orientierungen der dortigen Komponisten auseinander. Ich aber habe nie das Interesse für diese Welt, für die slowenische Sprache und Kultur verloren. Ganz im Gegenteil: Diese Inspirationsquelle nährt seit Jahrzehnten meine musikalische Produktion.</p>
<p><strong>Guido Fischer</strong>:<br />
Worauf müssen Sie besonders achten, wenn Sie sich &#8211; wie jetzt &#8211; mit einem Volkslied beschäftigen? Möglicherweise könnte das Volkslied etwas von seinem „Ur-Atem“ einbüßen, wenn es nun in einen künstlerisch-künstlichen, „kunstmusikalischen“ Zusammenhang eingewoben wird.</p>
<p><strong>Fabio Nieder</strong>:<br />
Das ist ein sehr wichtiger Punkt! Die kunstvollen Volksliedbearbeitungen von Béla Bartók beispielsweise übertragen oft die Originalmelodien der Bauern auf eine Stimme mit Klavierbegleitung. Aber die ursprüngliche Gesangstechnik geht dabei völlig verloren. Wenn man die Möglichkeit hat, die Originalaufnahme eines Bauernvolkslieds zu hören und sie dann mit einer Bartók Bearbeitung zu vergleichen, ist der Unterschied frappant: Das bearbeitete Lied wirkt fast gezähmt! In meiner Komposition „Vielleicht weiß es die Nachtigall” verwendet die Singstimme u.a. die Gesangstechnik einer slowakischen Volkssängerin, um dann im Laufe des Stückes zurück zur herkömmlichen Stimme einer Sopranistin zu gelangen.</p>
<p><strong>Guido Fischer</strong>:<br />
…laut Partitur soll sie mit einer „ethnischen Stimme“ singen</p>
<p><strong>Fabio Nieder</strong>:<br />
…genau. Es ist wie eine Wanderung zwischen verschiedenen Arten des Singens und den Assoziationen, die sie mit sich bringt. Mit meiner allerjüngsten Komposition, die nochmals auf die slowakische Folklore Bezug nimmt, gehe ich aber noch ein Stück weiter und schreibe ausschließlich für eine echte slowakische Volksmusik-Sängerin, die nur diese Gesangstechnik kennt und praktiziert. Das ist jetzt für mich eine große Herausforderung: Zwei Welten treffen aufeinander! Auch in der Aufführungspraxis. Doch schon lange erforsche ich eine alternative Art des Singens. Leider wird in unseren Hochschulen immer wieder dieselbe Art unterrichtet &#8211; mit nur wenigen Ausnahmen, wie z. B. der Obertongesang, den ich übrigens in dieses neue Werk auch einbauen will. Die Möglichkeit mit etwas Authentischem zu arbeiten, übt auf mich eine große Faszination aus! Auch meine Erfahrung mit dem Atlas Ensemble in Amsterdam ging absolut in diese Richtung: Damals durfte ich mit Musikern aus Indien, China, Japan, Usbekistan, Aserbaidschan, dem Iran und Irak, der Türkei zusammenarbeiten und für ihre Originalinstrumente komponieren. Meine Musik wird aber immer etwas Anderes sein als ein echtes Volkslied. Sie ist eher ein Fantasieobjekt. Ein Akt der freiheitlichen Entscheidung. Etwas, das zwischen den musikalischen Traditionen bestimmter Völker und meiner persönlichen Intuition steht. In diesem Sinne ja, kann die Verbindung zur Tradition für mich sehr interessant sein.</p>
<p><strong>Guido Fischer</strong>:<br />
Wovon erzählt das jetzt vertonte Volkslied „Vielleicht weiß es die Nachtigall“? Kann man seine Wurzeln genauer lokalisieren? Wann mag es entstanden sein? In welchem Dialekt ist es geschrieben? Und: Können Sie sich erinnern, wann Sie es zum ersten Mal gehört haben?</p>
<p><strong>Fabio Nieder</strong>:<br />
Der ganze Text dieses slowakischen Volkslieds hat insgesamt fünf Strophen. Ich benutze für meine Komposition nur die erste, weil ich nicht ins Detail gehen, sondern auf einem allgemein existenziellen Terrain bleiben wollte. Die deutsche Übersetzung lautet: „Erzähl mir, kleine Nachtigall, du wunderschönes Geschöpf, was ist die größte Qual auf der Welt?“</p>
<p><strong>Guido Fischer:</strong><br />
Lassen sich die Wurzeln des Lieds genauer lokalisieren?</p>
<p><strong>Fabio Nieder</strong>:<br />
Das Originallied wurde von Frantisek Poloczek 1950 in der Slowakei, in der Gemeinde Moravské Lieskové notiert und danach veröffentlicht. Und Poloczek berichtet, dass die meisten slowakischen Volkslieder, die er in den Fünfziger Jahren gesammelt hat, sehr alt waren. Weshalb sich auch nur die alten Leute daran erinnern konnten. Die meisten Sänger waren allerdings Frauen.</p>
<p><strong>Guido Fischer</strong>:<br />
In Ihrem riesigen Werkkatalog finden sich immer wieder Rückbezüge zu anderen Komponisten, etwa zu Rameau und Schubert. Welche Rolle spielt aber Gustav Mahler für Sie? Sie haben zwar als Liedbegleiter Mahler aufgeführt. Aber mit seiner musikalischen Verschmelzung des Natur- mit dem Kunstlaut könnte er durchaus auch ein Verwandter im Geiste sein?</p>
<p><strong>Fabio Nieder</strong>:<br />
Der Geist von Gustav Mahler begleitet mich seit meiner frühen Jugend. Er ist ein Verwandter und ein Lebensgefährte. Sein „wie ein Naturlaut“ begleitet von jeher meine Forschungen, was die Verbindung zwischen Natur und Musik anbelangt. Auch seine weltlichen Signale, die in seinen Symphonien immer wieder Platz finden, kann man in meiner Musik finden. Er hat wichtige Sachen auf den Punkt gebracht, die mich immer wieder beschäftigen.</p>
<p><strong>Guido Fischer</strong>:<br />
Wie Mahler in seiner 7. Symphonie Herdenglocken „in weiter Entfernung“ einsetzt, so erklingen diese ebenfalls nun ganz leise, gegen Ende von „Vielleicht&#8230;“. Könnte man es als die Beschwörung eines (paradiesischen) Idylls hören, das es so nie geben wird?</p>
<p><strong>Fabio Nieder</strong>:<br />
Das kommt immer auf die Vorkenntnisse des Betrachters an. Die Herdenglocken als naturhaftes Instrument, kommen in der zentralslowakischen Volksmusik immer wieder zum Einsatz. Die Schafs- und Ziegenglocken sind fast ein Symbol für die Hirtenmusik aus Podpol&#8217;ane, eine Musik, die auf der Obertonflöte Fujara gespielt wird. Eine Person, die mit der Musik von Gustav Mahler vertraut ist, kann in diesen Glockenklängen eine klare Anspielung auf die poetische Welt seiner Symphonien hören. Ein Musikant aus Podpol&#8217;ane aber, der keine Kenntnisse von der klassischen europäischen Musik hat, wird mit Sicherheit sagen: Dies ist ja ein Klang unserer idyllischen Heimat! In diesem Sinne könnte man sagen, dass dieses Paradies wirklich existiert!</p>
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		<title>Linkage!: Playing with our Hearts</title>
		<link>https://www.musikfabrik.eu/de/blog/linkage-playing-with-our-hearts/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redakteur 1]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Oct 2019 13:49:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Akademie Musikfabrik]]></category>
		<category><![CDATA[Musikfabrik im WDR]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.musikfabrik.eu/?p=8765</guid>

					<description><![CDATA[Das neue spielBar-Stück von Bnaya Halperin-Kaddari]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="ce ce-onecol " >
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				<p>Composer <strong>Bnaya Halperin-Kaddari </strong>has been commissioned to write the new spielBar-piece for <a href="https://www.musikfabrik.eu/de/akademie/kinder-jugend/schulprojekte/" target="_blank" rel="noopener">Linkage!</a>, a music educational programme by Ensemble Musikfabrik. Two groups of pupils will rehearse and premiere the piece &#8222;Playing with our Hearts&#8220; on November 3rd, during the introduction of the concert series &#8222;<a href="https://www.musikfabrik.eu/de/kalender/musikfabrik-im-wdr-72/">Musikfabrik im WDR 72</a>&#8222;.  On our blog, Bnaya has answered some questions about the piece.</p>
<p><strong>You have been commissioned to write a piece for the new project Linkage!. What is the main difference of this commission compared to others?</strong></p>
<p>In recent years I began using more and more the material conditions of the commissioned piece in order to drive the process. Questions like: Which bodies are going to perform the music? In what kind of acoustic space? Or at what time of the day? These are some of the tools I use in the development. So actually, there is no big difference in approach between my previous projects and this one.</p>
<p><strong>The only requirement was, the composition has to be &#8222;spielBar&#8220; (playable), so it can be performed by participants without prior instrumental knowledge. How is your piece &#8222;spielBar&#8220;?</strong></p>
<p>‘Playing with our Hearts’ is a participatory musical practice for living players and papers, and makes use of the fact that we each pulsate in quasi-periodic rhythm i.e our constant heart beat. Sonifying the different heart pulses of the players by tapping them on pieces of de-crumbled paper creates a (poly) rhythmic texture that changes over time. So all you need in order to play this music is to have some curious players who would take each other’s pulses and tap what they sense.</p>
<p><strong>Please tell us something about the creative process: How did<br />
you approach the piece? What was especially challenging?</strong></p>
<p>For me playing is listening is playing. Both are active processes that develop over time. So much of our practice as musicians is about sharpening our senses, tuning into very subtle cues from our bodies and our surroundings. I wanted to propose a situation in which a transition from a habitual way of listening to a more focused listening-sensing takes place. Taking someone’s pulse is quite an intimate situation that puts the pulse-giver in a vulnerable position. But the pulse-giver is an active listener as well: Their beat might be affected by what they hear. And thus, the fixed roles of ‘who plays what’, or even ‘who plays whom’ become blurred, a process which I feel is important in developing empathy and enhancing our listening capacity.</p>
<p><strong>&#8222;Playing with our Hearts&#8220; is the title of your piece which students will premiere on November 3rd at WDR Funkhaus. What does the title tell us about the composition?</strong></p>
<p>Popular culture’s memory is filled with the theme of playing, in a negative sense, with someone’s emotions. I wanted to take this cry &#8211; “Don’t play with my heart!” &#8211; and flip its polarity, creating a positive situation in which we all play with our hearts as instruments. Not in an emotional manipulatory way, but as a tapping into the constant life pulse that is always there, but only rarely addressed.</p>
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		<title>SAI BALLARE?</title>
		<link>https://www.musikfabrik.eu/de/blog/sai-ballare/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redakteur 1]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Apr 2019 08:08:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Video]]></category>
		<category><![CDATA[Werktext]]></category>
		<category><![CDATA[Musikfabrik im WDR]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.musikfabrik.eu/?p=9063</guid>

					<description><![CDATA[Eine neue CD mit Musik von Lisa Streich ist jetzt erschienen. Hören Sie sich das Stück "SAI BALLARE?" an und lesen Sie die Partitur über Score Follower.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="ce ce-onecol " >
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            <div class="col">
				<p>Wir freuen uns, Teil dieser neuen Portrait-CD der Ernst von <a href="https://www.evs-musikstiftung.ch/de/stiftung/stiftung/portraet-cds.html-0" target="_blank" rel="noopener">Ernst von Siemens Musikstiftung</a> zu sein, die gerade bei Kairos erschienen ist: <a href="https://www.kairos-music.com/cds/0018002kai" target="_blank" rel="noopener"><strong>Lisa Streich &#8211; Augenlider</strong></a>.</p>
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				<p>Über die neue Musikressourcen-Plattform Score Follower können Sie das gesamte Stück SAI BALLARE? für Violine (Hannah Weirich), Klavier (Ulrich Löffler) und motorisiertes Violoncello (Axel Porath) in Begleitung der Partitur anhören.</p>
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				<p>Einige Worte über SAI BALLARE? von dem Journalisten und Autor Egbert Hiller (der Text wurde mit freundlicher Genehmigung aus unserem Programmheft der Musikfabrik im WDR 67 übernommen):</p>
<p><em>Lisa Streich folgt kompromisslos ihren schöpferischen Impulsen, die auch und gerade von spirituellen Dimensionen getragen werden. Auf der Suche nach Antworten auf brennende existenzielle Fragen bricht die 1985 geborene Schwedin immer wieder zu neuen Ufern auf. Sich auf Pier Paolo Pasolini einzulassen, war für sie eine besondere Herausforderung, zumal sie in </em><em>Sai ballare? auf den radikalsten (und letzten) Film des italienischen Regisseurs Bezug nahm: „Salò o le 120 giornate di Sodoma“ („Die 120 Tage von Sodom“) von 1975, für den Ennio Morricone und Pasolini selbst den Soundtrack komponierten. Der Film beruht auf einer Vorlage des Marquis de Sade und ist zudem vom Inferno aus Dantes Divina Commedia (Göttliche Komödie) inspiriert. Verortet hat Pasolini sein „Sodom“ in der fiktiven Republik Salò, einem faschistischen Marionettenstaat in – von Nazi-Deutschland besetzten – Norditalien, in dem die Herrschenden an entführten Frauen und Männern ihre Triebe und Machtgelüste ausleben. Erniedrigung und wachsende Brutalität münden schließlich in Folter und Mord.</em></p>
<p><em>Lisa Streich fokussierte in </em>Sai ballare? <em>die Schlussszene des Films, in der vor dem Hintergrund des grausamen Geschehens zwei junge Wärter tanzen und Belanglosigkeiten austauschen. Der Titel ihres Stücks – auf Deutsch: „Weißt du, wie man tanzt?“ – geht darauf unmittelbar ein. Diese Worte mögen fast zynisch klingen, stellen aber eher die Frage nach Schuld oder Unschuld von Kunst und Musik, die, wie die Kulturgeschichte aufzeigt, für verschiedenste, auch verbrecherische Zwecke instrumentalisiert werden können und wurden.</em></p>
<p><em>Dem begegnet Lisa Streich mit dem spröden Charme ihres Klaviertrios, das den Tanz der imaginären Wärter ins Schattenhafte entrückt. Nur zwei der drei Instrumente werden von Menschenhand gespielt. Das „mechanische“ Cello produziert hingegen subtile Klänge, die von rotierenden, durch winzige Motoren angetriebene Papierschnipsel und Plastikfolien auf dem Korpus des Instruments erzeugt werden. Die Perversion menschlichen Handelns in Pasolinis Film konfrontiert Streich mit der Traumsphäre ihrer mikrotonal aufgefächerten und überwiegend zarten, nur punktuell sich sachte aufbäumenden Musik, mit der sie, wie sie es formuliert, „die Schluchten zwischen Hässlichkeit und Schönheit mit Liebe füllen“ möchte. Mithin reflektiert </em>Sai ballare? <em>utopische Vorstellungen. Lisa Streich will mit ihren Klängen „berühren“; intuitiv spürt sie Visionen von einer besseren Welt nach, ohne die Wirklichkeit auszublenden. „Weißt du, wie man tanzt?“ heißt in diesem Zusammenhang auch: Weißt du, wie man lebt, wie du leben willst, was du tun kannst, um dich selbst und andere zu „beseelen“ oder immerhin – nicht zuletzt in und durch Musik – ein wenig glücklicher zu machen?</em></p>
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		<item>
		<title>Linkage!: Murmurations</title>
		<link>https://www.musikfabrik.eu/de/blog/linkage-murmurations/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redakteur 1]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 06 Jun 2018 15:20:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Akademie Musikfabrik]]></category>
		<category><![CDATA[Musikfabrik im WDR]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.musikfabrik.eu/?p=9303</guid>

					<description><![CDATA[Helge Sten (Deathprod) selbst beantwortete einige Fragen zu seiner neuen Komposition, die er für das Projekt Linkage! geschrieben hat.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="ce ce-onecol " >
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				<p>Helge Sten (Deathprod), who also worked during Pitch 43 with the Partch instruments, wrote the piece <em>Murmurations </em>for the current <em>Linkage! </em>phase. Peter, Melvyn and Axel are working right now once a week with the students of Katharina-Henoth-Gesamtschule in Köln to prepare for the first performance of that piece on June 17 in WDR Funkhaus am Wallrafplatz.</p>
<p>The composer himself answered some questions about his new composition:</p>
<p><strong>You have been commissioned to write a piece for the new project <em>Linkage!</em>. What is the main difference of this commission compared to others?</strong></p>
<p>The main difference is that it is more like a open framework to perform and create music, rather than exact instructions on instrumentation and how every note or sound should be performed. The fact that it should be possible for non-musicians to perform the piece is also very unusual.</p>
<p><strong>The only requirement was, the composition has to be spielBar (playable), so it can be performed by pupils without prior instrumental knowledge. How is your piece „spielBar“?  </strong></p>
<p>The piece does not specify the type of instrument or sound source, duration or number of performers. It does however present an idea that opens up for a collective understanding of a possible way to create and perform music together. The performers are free do whatever they like within the framework of the idea presented.</p>
<p><strong>Please tell us something about the creative process: How did you approach the piece? What was especially challenging?</strong></p>
<p>It was especially challenging to create an open framework, which would be playable for pupils without prior instrumental knowledge, and at the same time present the idea in a way that would be clear, as well as exciting to explore. In a piece like this you can not hide behind your knowledge as a composer or musician, you have to present an idea at it´s very core level. It was also challenging to apply my own musical identity to such an open framework. In the process of making “Murmurations” I worked on an microtonal electronic piece, where I could improvise around sounds that to me was similar to swarms of birds or insects. This was the basis for how the idea for “Murmurations” came about. Some of the same type of musical interaction is also present in my piece for the Harry Partch instruments, especially in Part V (“Sow Your Gold In The White Foliated Earth”).</p>
<p><strong><em>Murmurations</em> is the title of that piece students of Katharina-Henoth-Gesamtschule will premiere on June 17 at our concert Musikfabrik im WDR 66. What does the title tell us about the composition? </strong></p>
<p>The title is directly related to how the performers should explore and perform this piece. A murmuration is commonly know as the collective behaviour and movement of a flock of European starlings in the air.  A starling will sense any change in speed or direction from a “neighbour” starling and follow these changes, as well as sense the fluid changes of the group as a whole. This is how the performers should approach the piece as well, utilizing an instrument, found device or voice, to explore changes in movement, size, speed and pitch in a collective fluid motion.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Michael Beil &#8211; String Jack</title>
		<link>https://www.musikfabrik.eu/de/blog/michael-beil-string-jack/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redakteur 1]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 10 Nov 2017 15:26:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Video]]></category>
		<category><![CDATA[Werktext]]></category>
		<category><![CDATA[Musikfabrik im WDR]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.musikfabrik.eu/?p=9553</guid>

					<description><![CDATA[tring Jack - ein Stück mit Cellos über Cellos. Deutsche Erstaufführung am 19. November im WDR Funkhaus.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="ce ce-onecol " >
    <div class="container">
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				<p><em>String Jack</em> von <strong>Michael Beil</strong> sucht nach der Identität des Cellos, studiert die Beziehung von Interpret und Instrument und hinterfragt das Selbstverständnis dessen genauso wie unsere Erwartungen daran.</p>
<p><strong>Raoul Mörchen </strong>schreibt im Programmheft zu unserem 64. Konzert der Reihe <strong>Musikfabrik im WDR</strong>:</p>
<p><em>&#8222;String Jack</em> ist ein Stück mit Cellos über Cellos. Es will herausfinden, was da eigentlich passiert, wenn jemand Cello spielt. Welche Bewegungen gehören zur unverzichtbaren Grundausstattung, welche Gesten, welche Routinen, welche Technik? Wie verhält sich der Spieler zu dem, was er spielt? Schaut er sich dabei zu, nüchtern und kontrolliert, gerät er ins Schwitzen, wirft er den Kopf in den Nacken und lässt sich mitreißen, so wie wir, die ihn hören? Kennen wir das Cello, wissen wir, wie es funktioniert, was es braucht, damit es so klingt, wie wir es von ihm erwarten?</p>
<p>Das Repertoire: lange Striche, kurze Striche, Legato, Staccato, Pizzicato, Crescendo, Vibrato, Glissando, Arpeggio, Flageolett. Saint-Saëns, Haydn, Schostakowitsch. Kein Cellist kann ohne. Nicht der da vorne in der Mitte, nicht die Cellisten an seiner Seite: Youtuber, Amateure, Profis, Stars: Rostropowitsch, Heinrich Schiff, Sol Gabetta. Und wir, die wir zuschauen und zuhören? Rinnt uns eine Träne die Wange hinab, wenn der Schwan auf dem Wasser seine Kreise zieht? Steht uns vor Überraschung der Mund offen oder nicken wir wissend und begrüßen alte Bekannte?&#8220;</p>
<p><em>String Jack</em> wurde vom Ensemble Musikfabrik mit Unterstützung des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW in Auftrag gegeben &#8211; wir freuen uns auf die Deutsche Erstaufführung am <a href="https://www.musikfabrik.eu/de/kalender/musikfabrik-im-wdr-64/"><strong>19. November </strong>im <strong>WDR Funkhaus</strong></a>!</p>
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