{"id":10098,"date":"2012-11-26T09:38:23","date_gmt":"2012-11-26T08:38:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/blog\/helmut-lachenmann-zwei-gefuehle\/"},"modified":"2012-11-26T09:38:23","modified_gmt":"2012-11-26T08:38:23","slug":"helmut-lachenmann-zwei-gefuehle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/en\/blog\/helmut-lachenmann-zwei-gefuehle\/","title":{"rendered":"Helmut Lachenmann: \u201cZwei Gef\u00fchle\u201d"},"content":{"rendered":"<div class=\"ce ce-onecol \" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col\">\r\n\t\t\t\t<p><strong>Verlangen nach Erkenntnis<\/strong><\/p>\n<p><em>So donnernd br\u00fcllt nicht das st\u00fcrmische Meer, wenn der scharfe Nordwind es mit seinen brausenden Wogen zwischen Scylla und Charybdis hin und her wirft, noch der Stromboli oder Aetna, wenn die Schwefelfeuer im gewaltsamen Durchbruch den gro\u00dfen Berg \u00f6ffnen, um Steine und Erde samt den austretenden und herausgespieenen Flammen durch die Luft zu schleudern, noch auch die gl\u00fchenden H\u00f6hlen von Mongibello, wenn sie beim Heraussto\u00dfen des schlecht verwahrten Elements rasend jedes Hindernis verjagen, das sich ihrem ungest\u00fcmen W\u00fcten entgegenstellt \u2026<\/em><\/p>\n<p><em>Doch ich irre umher, getrieben von meiner brennenden Begierde, das gro\u00dfe Durcheinander der verschiedenen und seltsamen Formen wahrzunehmen, die die sinnreiche Natur hervorgebracht hat. Ich wand mich eine Weile zwischen den schattigen Klippen hindurch, bis ich zum Eingang einer gro\u00dfen H\u00f6hle gelangte, vor der ich betroffen im Gef\u00fchl der Unwissenheit eine Zeit lang verweilte. Ich hockte mit gekr\u00fcmmtem R\u00fccken. Die m\u00fcde Hand aufs Knie gest\u00fctzt beschattete ich mit der Rechten die gesenkten und geschlossenen Wimpern. Und nun, da ich mich oftmals hin und her beugte, um in die H\u00f6hle hineinzublicken und dort etwas zu unterscheiden, verbot mir das die gro\u00dfe Dunkelheit, die darin herrschte. Als ich aber geraume Zeit verharrt hatte, erwachten pl\u00f6tzlich in mir zwei Gef\u00fchle: Furcht und Verlangen. Furcht vor der drohenden Dunkelheit der H\u00f6hle, Verlangen aber mit eigenen Augen zu sehen, was darin an Wunderbarem sein m\u00f6chte. <\/em><\/p>\n<p>(Leonardo da Vinci, Codex Arundel, AR. 155r., R 1339 | Deutsche \u00dcbertragung von Kurt Gerstenberg)<\/p>\n<p><strong>Helmut Lachenmann | \u201e\u2026 zwei Gef\u00fchle \u2026\u201c, Musik mit Leonardo (1992)<\/strong><\/p>\n<p>Fragen der kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen des H\u00f6rens, der Wahrnehmung, aber auch des Schaffens von Musik selbst bilden einen wichtigen Bezugspunkt f\u00fcr Helmut Lachenmanns musikalische Poetik. Aus der \u00dcberzeugung, dass musikalisches Material \u2013 vor allem vor dem Hintergrund massenkultureller Ph\u00e4nomene \u2013 bereits vor dem eigentlichen Zugriff des Komponisten \u201eexpressiv gepr\u00e4gt\u201c, also gesellschaftlich vorbestimmt und einem meist korrumpierten und selten reflektierten Sch\u00f6nheitsbegriff unterworfen sei, entwickelte Lachenmann eine komplexe Klangrealistik, die ihre musikalischen Mittel kritisch hinterfragt und Stereotype aufbricht. In seiner \u201eMusique concr\u00e8te instrumentale\u201c geriet der \u201enormal\u201c gespielte Ton zur Ausnahme, zu einer akustischen M\u00f6glichkeit unter vielen. \u201eDas Ganze\u201c, so Lachenmann zu seinem Sch\u00f6nheitsbegriff, \u201ewird zur \u00e4sthetischen Provokation: Sch\u00f6nheit als verweigerte Gewohnheit.\u201c<\/p>\n<p>Seit Lachenmann die Idee einer \u201eMusique concr\u00e8te instrumentale\u201c formulierte,<br \/>\nsind nun schon viele Jahre vergangen. Mechanismen und Funktionsweisen der Wahrnehmung besch\u00e4ftigen ihn aber nach wie vor. So etwa auch in dem 1992 \u2013 im Zeichen der Erinnerung an den einstigen, kurz zuvor verstorbenen Lehrer Luigi Nono und gro\u00dfenteils in dessen leer stehenden Haus auf Sardinien \u2013 entstandenen Melodram \u201e\u2026 zwei Gef\u00fchle \u2026\u201c, Musik mit Leonardo f\u00fcr zwei Sprecher und Ensemble, das Lachenmann sp\u00e4ter auch f\u00fcr einen Sprecher umarbeitete. Dem Part der (des) Sprecher(s) legte er den Text Die H\u00f6hle von Leonardo da Vinci in der deutschen \u00dcbertragung von Kurt Gerstenberg (mit dem Titel Verlangen nach Erkenntnis) zugrunde. Dieser erz\u00e4hlt von der zuf\u00e4lligen Entdeckung einer H\u00f6hle und den zwei Gef\u00fchlen: der \u201eFurcht vor der drohenden Dunkelheit der H\u00f6hle\u201c und dem \u201eVerlangen [&#8230;] mit eigenen Augen zu sehen, was darin an Wunderbarem sein m\u00f6chte.\u201c Beigef\u00fcgt ist dieser Erz\u00e4hlung jener Text aus Nietzsches Also sprach Zarathustra, den bereits Gustav Mahler in seiner dritten Symphonie verwendete (\u201eOh Mensch! Gib acht!\u201c). Der Text Leonardos ist zerlegt in eine zerkl\u00fcftete Struktur von Sprachsplittern, die der Sprecher, so Lachenmann, \u201ewie eine kostbare Inschrift ertastet, indem er deren Sprachpartikel einzeln ergreift und schlecht und recht vor seinem Ged\u00e4chtnis zusammenf\u00fcgt [&#8230;].\u201c W\u00e4hrend der Sprecher den Text gleichsam abtastet und bruchst\u00fcckhaft wiedergibt, ist es dem H\u00f6rer \u00fcberlassen, den Textsinn \u201equasi melodisch\u201c zu \u201erekonstruieren\u201c (Eberhard H\u00fcppe).<\/p>\n<p>\u201eMeine Arbeit an diesem St\u00fcck\u201c, schreibt Lachenmann, \u201eging von der Erfahrung aus, dass gerade das \u201astrukturell\u2018 gerichtete H\u00f6ren, das hei\u00dft das beobachtende Wahrnehmen des unmittelbar Klingenden und der darin wirkenden Zusammenh\u00e4nge, verbunden ist mit inneren Bildern und Empfindungen, die von jenem Beobachtungsprozess keineswegs ablenken, sondern untrennbar mit ihm verbunden bleiben und ihm sogar eine besondere charakteristische Intensit\u00e4t verleihen. Es ist die eigenartige Situation, wo beim Dechiffrieren einer uns betreffenden Nachricht die unmittelbare Wahrnehmungsarbeit: das \u2013 m\u00f6glicherweise m\u00fchsame \u2013 Erkennen und Zusammentragen der Zeichen einerseits und die Kraft der sich abzeichnenden Botschaft andererseits tats\u00e4chlich eng zusammengeh\u00f6ren, gar einander bedingen und einen geschlossenen Erlebniskomplex bilden.\u201c (Andreas G\u00fcnther)<\/p>\n<p><em>++++++<\/em><\/p>\n<p><strong>5. Dezember 2012 | 20.00 Uhr<br \/>\nK\u00f6ln | Funkhaus am Wallrafplatz<br \/>\nmusikFabrik im WDR<br \/>\nKonzerteinf\u00fchrung: 19.30 Uhr<br \/>\n44 | Zwei Gef\u00fchle<\/strong><\/p>\n<p><strong>Pierre Boulez<\/strong> |\u00a0<em>Douze Notations pour piano (1945)<\/em> | Bearbeitung f\u00fcr<br \/>\nEnsemble von Johannes Sch\u00f6llhorn (2011)<\/p>\n<p><strong>Johannes Sch\u00f6llhorn<\/strong> |\u00a0<em>La Treizi\u00e8me\u00a0(2011) |<\/em> Hommage \u00e0 Pierre Boulez<br \/>\nf\u00fcr Ensemble<\/p>\n<p><strong>Johannes Sch\u00f6llhorn<\/strong> |\u00a0<em>pi\u00e8ces crois\u00e9es (2012)<\/em> |\u00a0<strong>Urauff\u00fchrung<\/strong><br \/>\nNeun Bagatellen f\u00fcr gro\u00dfes Ensemble | Kompositionsauftrag von Kunststiftung NRW und Ensemble musikFabrik<\/p>\n<p><strong>Helmut Lachenmann<\/strong> |\u00a0<em>\u201e\u2026 zwei Gef\u00fchle\u2026\u201c, Musik mit Leonardo. (1992)<\/em><br \/>\nf\u00fcr zwei Sprecher und Ensemble<\/p>\n<p>Helmut Lachenmann | Sprecher<br \/>\nEnsemble musikFabrik<br \/>\nPeter Rundel | Dirigent<\/p>\n<p>Karten f\u00fcr das Konzert sind erh\u00e4ltlich \u00fcber:\u00a0<a title=\"Opens external link in new window\" href=\"http:\/\/www.koelnticket.de\/nc\/suchergebnisse\/seo\/musikFabrik%20im%20WDR%2045%20-%20Stimmungsbarometer_404955_details.html?eventid=404955&amp;pkey=1.404955.15203&amp;eventtitle=musikFabrik%20im%20WDR%2045%20-%20Stimmungsbarometer&amp;cHash=02abfcc96078da00dab58216837456e5\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">K\u00f6lnTicket.<\/a><br \/>\nDas 44. Konzert der Reihe \u201cmusikFabrik im WDR\u201d findet im Rahmen von \u201c<a title=\"Opens external link in new window\" href=\"http:\/\/www.ontemporary.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ONtemporary<\/a>\u201d statt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/musikFabrik-im-WDR-44.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Programmheft<\/a><\/p>\n<p><strong>Zusatzveranstaltung vor dem Konzert: <\/strong><\/p>\n<p><strong>18.30\u201319.30 Uhr: Dr. Rainer Nonnenmann im Gespr\u00e4ch mit Prof. Dr. h.c. Helmut Lachenmann<\/strong><br \/>\nRingvorlesung der Hochschule f\u00fcr Musik und Tanz K\u00f6ln zum Thema:<br \/>\n\u201eMusik als Text und als Situation:Nono, Stockhausen, Ligeti\u201c<\/p>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kommentartext von Andreas G\u00fcnther<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":7870,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"categories":[107,106],"tags":[119],"class_list":["post-10098","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-programmnote","tag-musikfabrik-im-wdr-en"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10098","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10098"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10098\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7870"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10098"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10098"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10098"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}