{"id":10048,"date":"2013-05-31T16:53:11","date_gmt":"2013-05-31T14:53:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/blog\/unsuk-chin-graffiti-2013\/"},"modified":"2022-07-18T16:56:15","modified_gmt":"2022-07-18T14:56:15","slug":"unsuk-chin-graffiti-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/en\/blog\/unsuk-chin-graffiti-2013\/","title":{"rendered":"Unsuk Chin | Graffiti (2013)"},"content":{"rendered":"<div class=\"ce ce-onecol \" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col\">\r\n\t\t\t\t<h3>Kommentartext zur deutschen Erstauff\u00fchrung am 9. Juni | musikFabrik im WDR<\/h3>\n<p>\u201eMeine Musik\u201c, sagte die koreanische Komponistin Unsuk Chin einmal, \u201eist die Abbildung meiner Tr\u00e4ume. Die Visionen von immensem Licht und von unwahrscheinlicher Farbenpracht, die ich in allen meinen Tr\u00e4umen erblicke, versuche ich in meiner Musik darzustellen als ein Spiel von Licht und Farben, die durch den Raum flie\u00dfen und gleichzeitig eine plastische Klangskulptur bilden, deren Sch\u00f6nheit sehr abstrakt und auch distanziert ist, aber gerade dadurch unmittelbar die Gef\u00fchle anspricht und Freude und W\u00e4rme vermittelt.\u201c Obwohl schon einige Jahre alt und bereits vielfach zitiert, ist diese Bemerkung Unsuk Chins nach wie vor geeignet, die Faszination und die unmittelbare Wirkung, die von ihrer Musik ausgeht, mit wenigen Worten anzudeuten.<\/p>\n<p>Chins Werke bringen Vorstellungen und Ideen aus verschiedensten Erfahrungsbereichen zusammen. Kraftvolle Imaginationen und traumhafte Visionen verbinden sich hier mit einem pr\u00e4zis kalkulierenden Strukturdenken, was ihre Musik hochexpressiv, zugleich aber emotional stets angenehm distanziert und zur\u00fcckgenommen wirkend l\u00e4sst. Ihr feines Gesp\u00fcr f\u00fcr instrumentale Klangfarben entwickelte und sch\u00e4rfte Chin auch im Bereich der elektronischen Musik \u2013 so konnte sie in den neunziger Jahren am Ircam in Paris arbeiten \u2013 und durch die Erfahrungen mit der \u201aspektralen\u2018 Musik etwa eines Tristan Murail, G\u00e9rard Grisey oder auch eines Magnus Lindberg. Entscheidenden Einfluss auf sie aber hatte zumal ihr Lehrer Gy\u00f6rgy Ligeti. Wie bei ihm liegen auch in Chins Partituren vermeintliches Chaos und strikte Ordnung dicht beieinander, wenn sie mit vertrackten Rhythmen und flirrenden Klangbewegungen, mit akustischen Effekten und Ph\u00e4nomenen der Wahrnehmung spielt. Mit Ligeti teilt Chin nicht zuletzt ihren ausgepr\u00e4gten Sinn f\u00fcr visuelle Eindr\u00fccke und ihr offenes Auge (und Ohr) f\u00fcr vermeintlich Banales oder Allt\u00e4gliches.<\/p>\n<p>Als international gefragte Komponistin ist Unsuk Chin in den Metropolen der Welt unterwegs. Vielleicht war es ein n\u00e4chtlicher Gang durch die Stadt, wom\u00f6glich auf dem Heimweg von einem Konzert zum Hotel, bei dem sich ihre Aufmerksamkeit auf die allerorten pr\u00e4senten Graffiti und verschiedene Formen der \u201aStreet Art\u2018 richtete, die ihr, wie sie sagt, einen ersten Stimulus f\u00fcr das Ensemblewerk Graffiti gaben. Auch wenn der Titel anderes suggeriert: Chins Faszination f\u00fcr diese gewisserma\u00dfen \u201aungeschliffenen\u2018 und fern der Hochkultur artikulierten Ausdrucksformen blieb nurmehr eine erste Inspiration, nicht viel mehr. \u201eDie Musik\u201c, sagt sie, um entsprechenden Fehlschl\u00fcssen vorzubeugen, \u201eist weder illustrativ noch programmatisch.\u201c Wie Chin andeutet, beeinflussten bzw. verst\u00e4rkten jedoch die Eindr\u00fccke von Graffiti und Street Art wie ein Katalysator einige Grundz\u00fcge des Werks, vor allem etwa die Vielschichtigkeit des kontrastreichen, palimpsestartigen Neben- und Miteinander verschiedener Texturtypen, ja \u00fcberhaupt eine musikalische Sprache, die \u2013 wie Chin es formuliert \u2013 sich \u201ezwischen Ungeschliffenheit und Kultiviertheit, Komplexit\u00e4t und Transparenz\u201c bewege.<\/p>\n<p>\u201eDie Titel der S\u00e4tze\u201c, so Chin, \u201edeuten die wechselnden Ausdrucks formen, Stimmungen und Strukturen der Musik an. Der erste Satz, Palimpsest, ist \u201apoly-dimensional\u2018 und vielschichtig; man kann Anspielungen an eine Vielfalt von Stilen heraush\u00f6ren, die aus ihren urspr\u00fcnglichen Zusammenh\u00e4ngen herausgel\u00f6st und kaleidoskopartig einander gegen\u00fcbergestellt wurden. Der zweite Satz, Notturno urbano, bildet einen starken Kontrast zum hyperaktiven vorangehenden Satz. Er beginnt mit entfernten, allm\u00e4hlich sich ann\u00e4hernden glocken\u00e4hnlichen Kl\u00e4ngen, aus denen das musikalische Material des gesamten Satzes abgeleitet ist: aus ihren Resonanzen bilden sich einfache intervallische Verh\u00e4ltnisse, die von immer mehr Instrumenten \u00fcbernommen werden. Demzufolge schwankt die Musik zwischen Einfachheit und hochkomplexer Mikropolyphonie. Die Instrumente werden immer wieder in unkonventioneller Weise behandelt: Die Bl\u00e4ser wie auch die Streicher wenden erweiterte Spieltechniken an, die zur Distanziertheit und R\u00e4tselhaftigkeit dieses Satzes beitragen. Der hochvirtuose dritte Satz ist eine Art \u201aurbane Passacaglia\u2018 [&#8230;]. Formal spielt das Modell der Passacaglia die zentrale Rolle in dem gesamten Satz. Dieser besteht aus acht pr\u00e4gnanten Akkorden, die kontinuierlich von den Blechbl\u00e4sern gespielt werden, wenn auch stets auf eine andere Art und Weise. Zwei Welten prallen in diesem Satz aufeinander: Die Blechbl\u00e4ser-Attacken werden kommentiert von verhuschten Zwischenrufen verschiedener Instrumente, die stark im Charakter und in ihrer Dauer variieren.\u201c<\/p>\n<p><em>Andreas G\u00fcnther<\/em><\/p>\n<p><strong>Sonntag | 9. Juni 2013 | 20 Uhr<\/strong><br \/>\n<strong>K\u00f6ln | Funkhaus am Wallrafplatz<\/strong><br \/>\n<strong>Konzerteinf\u00fchrung 19.30 Uhr<\/strong><\/p>\n<h3>musikFabrik im WDR | 46 | Coyote Blues<\/h3>\n<p><strong>Magnus Lindberg<\/strong> |\u00a0<em>Coyote Blues<\/em> (1993)<br \/>\nf\u00fcr Kammerorchester<\/p>\n<p><strong>Yan Maresz<\/strong> | <em>Tutti<\/em> (2013)<br \/>\nf\u00fcr Ensemble und Elektronik<br \/>\n<strong>Deutsche Erstauff\u00fchrung<\/strong> | Kompositionsauftrag von Fran\u00e7oise und Jean-Philippe Billarant, Ensemble musikFabrik und Kunststiftung NRW<\/p>\n<p><strong>Unsuk Chin<\/strong> |\u00a0<em>Graffiti<\/em> (2013)<br \/>\nf\u00fcr gro\u00dfes Ensemble<br \/>\n<strong>Deutsche Erstauff\u00fchrung<\/strong> | Kompositionsauftrag von Los Angeles Philharmonic Association, Barbican, Orchestra Ensemble Kanazawa, Ensemble musikFabrik und Kunststiftung NRW<\/p>\n<p>Ensemble musikFabrik<br \/>\nThomas Goepfer | IRCAM Sound designer<br \/>\nMaxime Lesaux | IRCAM Sound engineer<br \/>\nYann Bouloiseau | IRCAM Sound assistant<br \/>\nPeter Rundel | Dirigent<\/p>\n<p>Karten sind bei\u00a0<a title=\"Opens external link in new window\" href=\"http:\/\/www.koelnticket.de\/suchergebnisse\/details.html?eventid=404956&amp;cHash=4a97b4ffb8e63a265b2f133281e5202c\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">K\u00f6lnTicket<\/a> erh\u00e4ltlich.<\/p>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kommentartext zur deutschen Erstauff\u00fchrung am 9. 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