16.10.2021

Prozession

Schlagworte: 

Enno Poppe - Prozession (2015/20)
for large ensemble

commissioned by Ensemble Musikfabrik, Bernd and Ute Bohmeier, Festival AFEKT and Kunststiftung NRW

Ensemble Musikfabrik
Enno Poppe, conductor

Wolfgang Ellers, sound engineer
Robert Gummlich, Video Director
Video Production, Streaming Factory GmbH & Co. KG

recorded as part of the Ensemblefestival for Contemporary Music 2020, Leipzig
Kölner Philharmonie Nov. 22nd, 2020
© Ricordi & Co. Ltd

Programme Note

Music from the Lockdown. Enno Poppe had started the work five years ago but stopped Prozession around minute 8. The plan was to pick it up again at some point. The piece, Poppe thought, would be about 15 minutes. It turned out to be three times as long. When he put the score back on the desk in mid-March last year as everything came to a stop outside, the piece suddenly took on a life of its own, recalls Poppe: it kept expanding, kept unfolding. Although he had planted the seed for this development back in 2015 and had designed a growth structure with a concrete logic of proportions, the fact that this momentum would carry him so far was still a big surprise in the end.

Enno Poppe loves plans, but he loves music even more, and if the music outgrows or simply leaves his plans behind when he composes, "then that's good, too." That means concretely in this case: In the very first draft, Prozession was to consist of nine sections, each with nine subsections. The actual culmination of the final number 81 is, according to Poppe, due to the persistence of the material and not by the stubbornness of the composer.

The nine sections expose various instrumental duets and longer solos against the backdrop of a block-like shifting percussion line. In the first section, for example, the flute and violin correspond, with a viola added for background reinforcement. A common melodic line develops from the duo, which then leads into a chord at the end of this section, to then lead without interruption to the next section with the next duo, the next line, the next chord. The individual segments thereby become continuously longer, everything increasingly begins to flow. And it is precisely this fluidity that is the point, an energy that sweeps everything along with it, dissolving and turning it into pure movement, including the formal segmentation that dissolves into the soundscape.

The movement itself has no logic, but arises from a bodily feeling, is corporeal, not physiological: "The more I detach myself from the structure, the more I write myself free." Freedom is also achieved by the idea of continuous elongation. By constantly lengthening the individual sections, they lose their intrinsic creative significance, not only enabling increasing leeway but even forcing its use.

This, then, is the process. But where is the procession?
Poppe's silence about the meaning of his titles is legendary. Prozession, however, lays a comparatively tangible trail. For the process, only one thing - it goes on and on according to a specific plan. Processions, however, not only move forward but also lead in a very concrete direction and to a goal. The destination is precisely located geographically, but spiritually it is wide open. As a journey, the procession leads to a place; as an inner movement, it moves into infinity. And it has also drawn Poppe, as it were, into the infinite, to a previously unknown point in his compositional work: "Something has happened here that I have never written before."

One may speculate about what this means and what this grand march of Prozession stands for. As listeners, we experience it as a movement in waves that grow higher and more powerful. Outwardly, an energetic climax of acceleration and dynamics is already reached by the sixth section, but instead of leveling off after that, the process-like intensification shifts inward, as it were. Contours disappear; our sense of scale does too. Rhythmically, the last remnants of a pulse are lost. Harmonically, we find no support in the extremely compressed microtonal chords, nothing to which we can relate them.
This total disorientation, however, is not a catastrophe but seems like a promise of boundless freedom and happiness: "At some point, everything feels right. There is nothing wrong anymore."

Raoul Mörchen

---Deutsche Version---

Musik aus dem Lockdown. Vor fünf Jahren hatte Enno Poppe die Arbeit begonnen, doch die Prozession bei Minute 8 wieder abgebrochen. Irgendwann sollte es weiter gehen. Das Stück, dachte Poppe, hätte dann vielleicht eine Viertelstunde gedauert. Es ist dreimal so lang geworden. Als er die Partitur Mitte März, als draußen nichts mehr lief, wieder auf den Schreibtisch gelegt hatte, sei es plötzlich wie von selbst gegangen, so Poppe: es habe sich immer weiter ausgebreitet, immer weiter entfaltet. Den Samen für diese Entwicklung hatte er zwar selbst gepflanzt und schon anno 2015 eine Wachstumsstruktur entworfen mit einer konkreten Proportionslogik – dass sie ihn aber so weit tragen würde, hat ihn am Ende dennoch überrascht.
Enno Poppe liebt Pläne, aber Musik liebt er noch mehr, und wenn die Musik seine Pläne beim Komponieren überwuchert oder einfach hinter sich lässt, „dann ist das auch gut“. Konkret heißt das hier: Im ersten Entwurf schon sollte Prozession aus neun Abschnitten mit jeweils neun Unterabschnitten bestehen. Dass tatsächliche Erreichen der rechnerisch letzten Nummer 81 ist gleichwohl, so sieht es Poppe, der Beharrungskraft des Materials geschuldet, nicht der Sturheit des Komponisten.
Die neun Abschnitte exponieren verschiedene instrumentale Duos und längere Soli vor dem Hintergrund einer sich blockhaft wandelnden Schlagzeugspur. Im ersten Abschnitt korrespondieren zum Beispiel Flöte und Geige, wobei noch eine Bratsche zur Verstärkung des Hintergrunds dazukommt. Aus dem Duo entwickelt sich eine gemeinsame melodische Linie, die dann am Ende eines jeden Abschnitts in einen Akkord mündet, um dann ohne Unterbrechung zum nächsten Abschnitt mit dem nächsten Duo zu führen, der nächsten Linie, dem nächsten Akkord. Die einzelnen Segmente werden dabei kontinuierlich länger, alles gerät mehr und mehr in Fluss. Und es ist genau dieser Fluss, um den es geht, um eine Energie, die alles mit sich reißt und auflöst und zur reinen Bewegung werden lässt, auch die formale Segmentierung, die sich im Klanggeschehen auflöst.
Die Bewegung hat selbst keine Logik, sondern entspringt einem körperlichen Gefühl, ist physisch, nicht physikalisch: „Je mehr ich mich von der Struktur löse, desto mehr schreibe ich mich frei.“ Freiheit gewährt dabei auch die Idee der kontinuierlichen Dehnung: durch die fortwährende Verlängerung der einzelnen Abschnitte verlieren sie ihren gestalterischen Eigenwert, ermöglichen nicht nur wachsenden Spielraum, sondern erzwingt sogar dessen Nutzung.
Das also ist der Prozess. Wo aber ist die Prozession?
Poppes Ausschweigen über die Bedeutung seiner Titel ist legendär. Prozession allerdings legt eine vergleichsweise konkrete Spur. Denn das Prozessuale ist nur das eine – es geht nach einem bestimmten Plan immer weiter. Prozessionen aber führen nicht nur weiter, sondern in eine ganz konkrete Richtung und zu einem Ziel. Dieses Ziel ist geographisch genau verortet, doch geistig ist es offen. Als Wanderung führt die Prozession zu einem Ort, als innere Bewegung zieht sie ins Unendliche. Und sie hat auch Poppe gewissermaßen ins Unendliche gezogen, zu einem ihm bis dahin unbekannten Punkt seines kompositorischen Schaffens: „Hier ist irgendetwas passiert, was ich so noch nie geschrieben haben.“
Man darf darüber spekulieren, was das bedeutet und wofür diese große Bewegung der Prozession steht. Als Hörer erfahren wir sie als eine Bewegung in Wellen, die immer höher werden und mächtiger. Äußerlich ist ein energetischer Höhepunkt der Beschleunigung und Dynamik bereits im sechsten Teil erreicht, doch statt danach abzuebben, verlagert sich die prozesshafte Intensivierung gewissermaßen ins Innere. Konturen verschwinden, auch unser Sinn für Maßstäbe tut‘s. Rhythmisch kommen noch die letzten Reste eines Pulses abhanden, harmonisch finden wir in den mikrotonal extrem gestauchten Akkorden keinen Halt, nichts, auf das wir sie beziehen könnten.
Diese totale Orientierungslosigkeit allerdings ist keine Katastrophe, sondern scheint wie ein Versprechen von grenzenloser Freiheit und Glück: „Irgendwann ist alles richtig. Es gibt nichts Falsches mehr.“ 

Raoul Mörchen