13.09.2018

Erinnerungen an Mauricio Kagel - 2

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Am 18. September 2018 jährt sich Mauricio Kagels Todestag zum 10. Mal. Wir gedenken daran mit einem Konzert in der Kölner Philharmonie.

English Version Below

In 2005 spielten wir mit Mauricio Kagel die Uraufführung seiner Kammersymphonie in Montreux. Ziemlich am Anfang des Werkes spielen Harfe und Klavier eine Arpeggienpassage im 3/8 Takt, drei Triolengruppen in der ersten Viertel, zwei Triolengruppen in der darauffolgenden Achtel. Die Geschwindigkeit der einzelnen Töne sollte dabei gleichbleiben, wodurch dann die letzte Achtel jedoch zu lang wurde.

Ich sprach Herrn Kagel auf diese mathematische Ungereimtheit an, er schüttelte aber nur den Kopf und meinte, ja, da wäre wohl etwas nicht ganz klar.
Am nächsten Morgen präsentierte er mir stolz die Lösung, skizziert auf einem Zettel: die beiden Triolengruppen neu unterteilt. Und damit hatte sich das Problem – für ihn – gelöst. Alles stimmte wieder. 

Dieser Zettel ist in mehrfacher Hinsicht kennzeichnend für Mauricio Kagel: zuerst kommt für ihn die Musik. Sie ist das allerwichtigste und er setzt sich mit allem was er hat für sie ein, wobei er bei Bedarf auch tief in die Trickkiste greift – denn trotz seiner veränderten Gliederung ändert sich ja nicht die Geschwindigkeit der kleinen Noten: Die sechs Töne innerhalb einer Achtel bleiben immer noch um 33% schneller als die neun in der Viertel.

Und dann dieser Zettel an sich: Nicht mehr benötigte Fotokopien schnitt Kagel sorgfältig in vier Teile, benutzte die Rückseite als Notizzettel und nimmt diese anscheinend auch auf Konzertreisen mit. Auch selbst als geschäftlich arrivierter Komponist blieb er immer ein sparsamer und demütiger Diener seiner Kunst. Nie beschwerte er sich über fehlende Beinfreiheit im Flugzeug, er maß immerhin fast zwei Meter. Einfach das Taschentuch über die Augen, Brille drüber und er konnte entspannen.

Es gab bei der ersten Windrosetour einen relativ klapprigen Mercedesbus, sehr unkomfortabel und keiner von uns war zufrieden damit. Aber von Kagel kam diesbezüglich kein negatives Wort. Manchmal gab’s keine richtige Zeit zum Essen. Unvergessen in diesem Zusammenhang ist Kagel mit einem riesigen Döner in der Hand und dem Ausspruch: „Ich liiiiebe dieses türrkische Ess-ssen!“

Die meisten seiner Komponistenkollegen wollten die Neue Musik von traditionellem Ballast befreien. Kagel kam dieser Ballast aber gerade recht, er benutzte gezielt Tonkombinationen, um das Publikum über gewisse Erinnerungen an etwas schon mal gehörtes emotional zu erreichen. Er wusste genau, was er tat. Wenn er sagte „an dieser Stelle wird das Publikum unweigerlich klatschen“, dann hat das Publikum dort auch unweigerlich geklatscht.

Besonders eindrucksvoll waren seine kleinen Kunstgriffe: zum Beispiel am Ende von „Blue's Blue“ sieht man ihn von der Seite reglos im Sofa, Kopf nach hinten, der rechte Arm hängt leblos herunter, die Fingerspitzen halten eine Mütze. Nichts passiert. Im Publikum kommt langsam eine gewisse Unsicherheit, ob das Stück jetzt wohl vorbei ist, ... oder doch noch nicht?... bis Kagel nach genau der richtigen Zeit die Mütze mit einem leichten Wegschnippen zu Boden fallen lässt - und wieder hat das Publikum unweigerlich geklatscht.

Und fleißig war er: „Meine Frau wünschte sich einen Videorekorder. Jetzt steht er da und keiner weiß, wie er funktioniert.“ - „Das kann man doch in der Anleitung nachlesen.“ -  M.K. etwas entrüstet: „Wissen Sie, wie viele Noten ich schreiben kann in dieser Zeit!“

Ulrich Löffler, piano

English

In 2005, we performed the world premiere of Mauricio Kagel’s Chamber Symphony with him in Montreux. Near the beginning of the piece, the harp and piano play an arpeggio passage in 3/8 time, three triplet groups on the first quarter note, two triplet groups on the following eighth. The speed of the individual notes should have remained the same, causing the last eighth to become too long.  


I asked Mr. Kagel about this mathematical inconsistency, but he just shook his head and agreed that something was not quite clear. The next morning he proudly presented me the solution, sketched on a piece of paper: the two triplet groups newly divided. And so the problem was solved - for him. Everything was right again. 

This sketch is characteristic of Mauricio Kagel in many ways: for him, the music came first. It was the most important thing and he stood up for it with everything he had, reaching deep into his bag of tricks if necessary - then despite the changes he made to the structure, the speed of the small notes hadn't changed: The six tones within the eighth note were still 33% faster than the nine in the quarter note.

And then the sketch itself: Kagel carefully cut unneeded photocopies into four parts, used the backside as notepaper and then apparently took them with him on concert tours. Even as a commercially established composer, he always remained a frugal and humble servant of his art. He never complained about the lack of legroom in a plane, even though he measured almost two meters tall. He simply put a tissue over his eyes, his glasses over that, and then he would relax. 

On the first "Windrose" tour there was a relatively rickety Mercedes bus, very uncomfortable and none of us were happy with it. But no negative word came from Kagel about it. Sometimes there wasn't enough time to eat properly. Something I’ll never forget is Kagel with a huge doner kebab in his hand and saying: "I loooove this Turrrrrkish fooooood!"

Most of his fellow composers wanted to free contemporary music from traditional baggage. Kagel, however, was quite happy with this baggage, using specific sound combinations to reach the audience emotionally with specific memories of something they had heard before. He knew exactly what he was doing. When he said, ”At this point, the audience will inevitably clap,” then the audience did inevitably clap right there.

His little gimmicks were particularly impressive: For example, at the end of "Blue's Blue" you see him motionless from the side on the sofa, head tilted backward, his right arm hanging lifelessly down, his fingertips holding a cap. Nothing happens. A kind of uncertainty slowly comes over the audience as to whether the play is over... or not yet?.... Until at just the right moment Kagel drops his cap with a slight flick to the floor - and again the audience inevitably clapped.

And he was hardworking: "My wife wanted a video recorder. Now it's there, and nobody knows how it works.” - "You can read about it in the manual.” -  M.K. somewhat indignant: "Do you know how many notes I can write in that time!"

Ulrich Löffler
, piano