{"id":9719,"date":"2017-01-16T15:52:33","date_gmt":"2017-01-16T14:52:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/?p=9719"},"modified":"2022-06-30T15:54:42","modified_gmt":"2022-06-30T13:54:42","slug":"es-ist-mein-job-euch-neu-zu-erfinden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/blog\/es-ist-mein-job-euch-neu-zu-erfinden\/","title":{"rendered":"&#8222;ES IST MEIN JOB, EUCH NEU ZU ERFINDEN&#8220;"},"content":{"rendered":"<div class=\"ce ce-onecol \" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col\">\r\n\t\t\t\t<p>Der Komponist Georges Aperghis, 1945 in Athen geboren, 1963 nach Paris \u00fcbersiedelt, wurde lange Zeit als randst\u00e4ndige Pers\u00f6nlichkeit zwischen Musik und Theater wahrgenommen. Das hat sich in den letzten Jahren gewandelt: Aperghis\u2019 szenische Produktionen sind wichtige Referenzen f\u00fcr j\u00fcngere KomponistInnen, seine Musikwerke sind inzwischen in der Mitte der Neue Musik-Szene angekommen. Sein neuestes, noch nicht uraufgef\u00fchrtes Werk \u00abIntermezzi\u00bb (2016) ist den MusikerInnen des Ensemble Musikfabrik \u00abauf den Leib\u00bb geschrieben. Florentin Ginot, der Kontrabassist des Ensembles, hat mit Georges Aperghis \u00fcber dieses neue St\u00fcck, \u00fcber sein Publikum und die Politik gesprochen.<\/p>\n<p><em>Du bist ein politisch sehr engagierter Mensch. Ist deines Erachtens die Musik von heute den rasanten Entwicklungen ad\u00e4quat?<\/em><br \/>\nDas ist nicht so einfach zu beantworten. Ich glaube, dass alles K\u00fcnstlerische (und nicht nur Musik) sehr weit entfernt vom sogenannten \u00abdurchschnittlichen Publikum\u00bb ist. Im Gegensatz hierzu gibt es die Spezialisten und jene, die sich hierf\u00fcr interessieren, weil ihre Eltern oder Lehrer sie an k\u00fcnstlerische Dinge herangef\u00fchrt haben. Jene, die nicht so gl\u00fccklich waren, haben heutzutage allerdings sehr viel weniger Hilfe als fr\u00fcher. Gro\u00dfe, laute Ausstellungen, die zu Wallfahrtsst\u00e4tten werden, obwohl die Leute nicht mal wissen, was sie sich anschauen werden, ersetzen keine k\u00fcnstlerische Ausbildung oder ernsthafte Auseinandersetzung. Auch ein mediales Trommelfeuer, das Menschen dazu bringen soll, sich etwas anzuschauen, aber den Eindruck erweckt, als ginge es um einen Schlussverkauf in einem Warenhaus, kann dies nicht ersetzen. Das alles h\u00e4lt die Menschen nur vom Wesentlichen ab. Nat\u00fcrlich wird bei einigen wenigen Leuten das Gem\u00e4lde von Matisse richtig \u00abreinhauen\u00bb, und das ist toll. Aber diese Massenkultur\u2026 Ich glaube, wir brauchen eine sehr viel intimere Ausbildung von Kindestagen an \u2013 f\u00fcr Poesie, f\u00fcr Malerei, f\u00fcr Musik, f\u00fcr alles. Gleichzeitig ist klassische Musik allzu sehr vom Rest der Welt abgetrennt: Das feierliche Konzert hat beispielsweise noch so etwas Monumentales \u2013 die Musik steht oben auf einem Podest. Ich habe das Gef\u00fchl, unsere Beziehung zur Musik k\u00f6nnte viel einfacher sein. Man muss aber halt das Publikum finden. Es ist nicht gegen unsere Musik; die Menschen wissen oft gar nicht, dass diese Musik existiert. Was wir machen, kennen sie \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p><em>Offensichtlich haben wir uns weit von traditionellen Kulturen entfernt, bei denen eigenes Musizieren in den Alltag integriert ist.<\/em><br \/>\nWir haben noch nicht mal irgendeine Perspektive auf die Kulturen Afrikas oder Asiens (ich kratze nat\u00fcrlich an der Oberfl\u00e4che; das sind gro\u00dfe Kontinente mit Unmengen verschiedener Kulturen, Musik und Kunst). Am Material oder an der Substanz wird nicht gearbeitet, also sind die Dinge einfach eingefroren. Das Leben vergeht rasend schnell: Biologie und Technologien entwickeln sich; die Menschen entwickeln sich, aber in die falsche Richtung, sie werden immer mehr au\u00dfer Acht gelassen, in jeder Hinsicht \u2013 kulturell, physisch, moralisch, geistig.<\/p>\n<p><em>Wo stehst du in diesem Kontext als Komponist?<\/em><br \/>\nIch glaube, dass unsere Rolle kompliziert ist. Wir brauchen neue Wege, um \u00fcber diese Sachen zu sprechen. Neben jemandem \u00fcber dessen Lebensgeschichte zu singen, w\u00e4hrend dieser leidet, ist unanst\u00e4ndig: ein bisschen wie Fernsehkameras, die weinende Menschen filmen. Ich verstehe wirklich nicht, wie wir an diesem Punkt ankommen konnten. Aber ehrlich gesagt \u00fcberrascht mich nichts mehr wirklich. Wie kann Musik also von solchen Dingen sprechen? Wir m\u00fcssen herausfinden, welche Form etwa die Syrien-Krise in Musik haben kann, denn ansonsten w\u00e4re die Musik eine rein akademische \u00dcbung. Wie finden wir etwas, das solchen Trag\u00f6dien entspricht? Wie kann man Menschen ber\u00fchren, die so gut wie nichts besitzen? Es ist notwendig, f\u00fcr sie zu sprechen, da sie es selbst nicht k\u00f6nnen. Die, die isoliert in den Lagern leben, wissen selbst nicht, wo sie am n\u00e4chsten Tag sein werden. Sie werden behandelt wie Tiere. Um f\u00fcr diese Menschen zu sprechen, die nichts besitzen, m\u00fcssen wir ein \u00c4quivalent finden. Vier Worte, eine Seite, fast kein Bogen, in etwa so wie der umherziehende Stra\u00dfenmusikant, der sehr einfache Instrumente spielt. Wie k\u00f6nnen wir die richtige Sprache finden? Das ist eine andere Art, sich Musik vorzustellen. Meiner Meinung nach m\u00fcssen wir genau danach suchen. Ich habe die Antwort selbst noch nicht gefunden, aber ich suche danach.<\/p>\n<p><em>Glaubst du, dass zeitgen\u00f6ssische Musik und zeitgen\u00f6ssisches Musiktheater immer noch Mittel sind, um auf aktuelle Entwicklungen in der Weltpolitik einzugehen? Sind unsere Ausdrucksmittel noch passend, um der wachsenden Gewalt in sozialen Beziehungen entgegenzutreten?<\/em><br \/>\nIch denke schon. Da es eine Dialektik zwischen Bild und Ton, Text und Musik gibt, entsteht auch zwischen diesen Ebenen eine Polyphonie. Au\u00dferdem gibt es den K\u00f6rper des Schauspielers, der dabei hilft, Distanz abzubauen und die Dinge mit Humor zu sehen, sogar bei sehr ernsten Themen. Man kann Widerspr\u00fcche erzeugen. Das hei\u00dft, dass das Publikum nicht konstant nur mit einem \u00abGrabstein\u00bb konfrontiert werden muss. Es gibt Handlung, es gibt Leben; letztendlich denke ich, dass das ein guter Kontext ist, um unsere Welt zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p><em>Warum komponierst du?<\/em><br \/>\nMusik ist letztendlich ein Weg, um sich selbst im eigenen Leben kennenzulernen. F\u00fcr mich wei\u00df ich, dass ich, wenn ich schreibe, in Situationen bin, in denen ich mich nicht kenne, in denen ich mich nie zuvor gesehen habe. Ich beobachte mich selbst, und ich frage mich, was zu tun ist: Wagst du es, dorthin zu gehen, wo das Unbekannte dich hinbringt, oder gibst du auf? Die K\u00fcnstler, die ich mag, sind die, die Situationen mit k\u00fcnstlerischen Problemen geschaffen haben und daf\u00fcr gek\u00e4mpft haben, diese auch zu l\u00f6sen und noch einen Schritt weiter zu gehen. Das sind die, die mich bewegen.<\/p>\n<p><em>F\u00fcr wen komponierst du konkret?<\/em><br \/>\nIch glaube, dass wir immer jemanden ansprechen. Wir, die Komponisten, sind die Versuchskaninchen, die ersten, die unsere eigene Nachricht erhalten. Das neue St\u00fcck\u00a0<em>Intermezzi\u00a0<\/em>f\u00fcr das Ensemble Musikfabrik ist zum Beispiel an euch pers\u00f6nlich adressiert. Nat\u00fcrlich denke ich auch an das Publikum, wenn ich das St\u00fcck konstruiere, aber\u00a0<em>Intermezzi\u00a0<\/em>habe ich eigentlich f\u00fcr euch geschrieben.<\/p>\n<p><em>Du hast deine Recherche f\u00fcr\u00a0<\/em>Intermezzi\u00a0<em>begonnen, indem du dich mit jeder Musikerin und jedem Musiker einzeln getroffen hast und uns gefragt hast, wie wir uns gerne in dieses Werk einbringen wollen. Wie bist du mit all diesem Material umgegangen?<\/em><br \/>\nEs war eine Gelegenheit, euch alle mit euren individuellen musikalischen Interessen kennenzulernen. Das h\u00e4lt mich davon ab, ein rein abstraktes St\u00fcck zu schreiben, bei dem ich alle Entscheidungen selbst treffe. Das kann auch passieren; aber hier hatte ich die M\u00f6glichkeit, euch zu treffen! [lacht] Jeder Musiker kam mit etwas anderem: Manche wollten singen, sprechen, das Instrument in eine bestimmte Richtung dr\u00e4ngen, manchmal mit Erweiterungen wie im Fall der Doppeltrichter-Instrumente. Kurz gesagt, es war eine Chance, ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Neugierde eines jeden Musikers zu bekommen, und dabei \u2026<\/p>\n<p><em>\u2026 den Musiker zu erweitern?<\/em><br \/>\nGenau \u2013 eigentlich geht es um den Musiker mit Erweiterungen. Es ist mein Job, euch neu zu erfinden. Erst, euch zu vergessen und dann euch neu zu erfinden. Es ist so, als h\u00e4tte ich alles getr\u00e4umt \u2013 was mir dann erscheint, sind imagin\u00e4re Portr\u00e4ts, in all ihren unterschiedlichen Farben. Ich habe wirklich das Gef\u00fchl, dass die Art, wie ihr euch verhaltet, nicht nur am Instrument, aber auch im Caf\u00e9 oder im Restaurant, eine gro\u00dfe Rolle spielt. Ich kann sehen, wie einer von euch ein bisschen verschmitzt ist, ein anderer ist sch\u00fcchtern \u2026 es gibt viel wahrzunehmen. Das ist auch mein Stil bei der Inszenierung von St\u00fccken: Ich sehe viel zu und mache mir st\u00e4ndig Notizen. Jetzt, da ich diese tiefe musikalische Freundschaft mit euch eingegangen bin, zwingt sie mich ein St\u00fcck zu schreiben, das nicht dasselbe ohne diesen Prozess w\u00e4re.\u00a0<em>Intermezzi\u00a0<\/em>\u00fcberrascht mich selbst \u2013 der Prozess \u00fcberrascht mich. Ich bin immer auf der Suche nach Zuf\u00e4llen \u2013 f\u00fcr mich ist es dort am interessantesten, wo meine k\u00fcnstlerischen Problemstellungen mit dem zusammentreffen, was die Musiker mir anbieten.<\/p>\n<p><em>Du hast vor einiger Zeit erw\u00e4hnt, dass dieses St\u00fcck ein Wendepunkt f\u00fcr dich ist, eine Ver\u00e4nderung in deiner Art zu arbeiten.<\/em><br \/>\nJa, das ist die eigentliche Idee von\u00a0<em>Intermezzi\u00a0<\/em>\u2013 Zwischenmusiken. Das hei\u00dft, es gibt da einen unheimlichen Berg an Material, das am Ende keine Zugeh\u00f6rigkeit, keine Rolle, keine Funktion, keine Folge hat. Das Material wartet nur. Ich habe mich daf\u00fcr entschieden, nicht irgendetwas \u2039zu bauen\u203a, kein sichtbares Konstrukt \u00fcber diese verschiedenen heterogenen Materialien zu st\u00fclpen, die alle in verschiedene Richtungen gehen, sondern im Gegenteil, der Idee der Zwischenspiele zu folgen. Mit anderen Worten: Es ist eine Klammer, die sich \u00f6ffnet, innerhalb derer sich eine andere Klammer \u00f6ffnet, die sich wieder schlie\u00dft und so weiter \u2026 Das hei\u00dft, dass ich keinen Plan habe, au\u00dfer der Form. Am Ende habe ich nichts zu sagen, au\u00dfer euch spielen zu lassen, euch die Bestandteile abliefern zu lassen, gem\u00e4\u00df dem Eindruck, den ich von euch habe. Diese Teile erscheinen an verschiedenen Positionen, wie ein sich bewegendes Karussell \u2013 das Publikum entdeckt sie immer wieder in einer anderen Syntax.<\/p>\n<p><em>Inszenierst du letztlich die K\u00f6rper der Musiker auf der B\u00fchne?<\/em><br \/>\nIch inszeniere die Musik eines jeden Musikers, und dann nat\u00fcrlich ihre K\u00f6rper, in Verbindung mit der Musik. Der Zuh\u00f6rer konstruiert Bez\u00fcge, wenn die verschiedenen Elemente in verschiedenen Richtungen und Umgebungen wiederkehren. Ich habe nichts Konkretes zu sagen \u2013 ich schweife ab, ich \u00f6ffne Klammern, ich schlie\u00dfe sie wieder. Das sind nichts als Zwischenspiele. Hier kommt auch die Schwierigkeit her, an einer zugrunde liegenden Konstruktion festzuhalten: die Authentizit\u00e4t und Unabh\u00e4ngigkeit jedes Fragments beizubehalten. Gleichzeitig soll das St\u00fcck auch organisch sein. Es soll einen gro\u00dfen K\u00f6rper formen, der atmet. Ich h\u00e4tte so ein St\u00fcck nicht f\u00fcr ein Ensemble ohne Energie geschrieben [lacht]. Ich bin nicht selbstmordgef\u00e4hrdet!<\/p>\n<p><em>In der Fl\u00fcchtlingskrise ist eine f\u00fcr uns neue Welt entstanden, eine Situation, die unsere Politik bestimmt und eine unglaubliche Spannung erzeugt. Sollte ein Komponist auch die hierher geflohenen Menschen ber\u00fccksichtigen (oder es zumindest versuchen)?<\/em><br \/>\nIch glaube, wir m\u00fcssen vor allem die gro\u00dfartigen Zivilisationen ber\u00fccksichtigen, denen diese Menschen entstammen! Mir erschien es immer selbstverst\u00e4ndlich, mit den Instrumenten und musikalischen Konventionen dieser Kulturen zu arbeiten. Ich habe viel \u00fcber ihre Instrumente recherchiert, auch \u00fcber die Spieltechniken afrikanischer und iranischer Musiker, denn das hat mich immer ebenso sehr inspiriert wie \u00abunsere\u00bb Musik, mit der wir seit unserer Kindheit leben. Ich h\u00e4tte die\u00a0<em>R\u00e9citations\u00a0<\/em>(1978) oder viele andere St\u00fccke nie geschrieben, wenn ich nicht mit \u00e4thiopischer Musik vertraut gewesen w\u00e4re. Diese Zivilisationen sind uns nahezu unbekannt \u2013 wir verhalten uns ihnen gegen\u00fcber aber so, als seien diese Fl\u00fcchtlinge von jedweder kulturellen Realit\u00e4t abgeschnitten. Wir wissen nicht, aus welcher Kultur sie kommen, und vor allem sind wir nicht daran interessiert, es zu wissen. Es gibt so viele verschiedene Nationalit\u00e4ten, und es kann einfach nicht sein, dass wir uns einzig und allein die Frage nach einer Bedrohung stellen. Ich denke, wir m\u00fcssen weitergehen, um diese L\u00e4nder kennenzulernen, nicht einfach weil die Menschen so ungl\u00fccklich sind, sondern weil es bedeutende L\u00e4nder, gro\u00dfe Zivilisationen sind.<\/p>\n<p><em>Und wie gewinnst du, als \u00abwestlicher\u00bb Komponist, Inspiration von diesen Kulturen? Ich selbst h\u00f6re derzeit Musik aus Mali. Wenn ich dar\u00fcber nachdenke, ob ich f\u00e4hig w\u00e4re, diese Musik selbst zu spielen, mit ihren Rhythmen, ihren Melodien \u2026<\/em><br \/>\n\u2026 diese Rhythmen sind absolut einzigartig, und die rhythmischen Zyklen ebenso: wie sie aussetzen und dann pl\u00f6tzlich neu kombiniert werden. Das ist gro\u00dfartig, genau wie die Musik der Pygm\u00e4en. Wir sollten dies wirklich an den Hochschulen unterrichten. Die iranische\u00a0<em>Santur\u00a0<\/em>beispielsweise ist ein Wunder, verr\u00fcckt sch\u00f6ne Musik, so raffiniert, so durchdacht! Genauso die\u00a0<em>Zarb\u00a0<\/em>\u2013 das ist ein ganzes Schlagwerk-Orchester in einem Instrument. Wir lehren es nicht, wir entscheiden, dass das nichts f\u00fcr uns ist. Wir nehmen uns eine\u00a0<em>Tabla<\/em>, und statt zu lernen, sie zu spielen, schlagen wir mit einem Stock darauf, um einen bizarren Klang zu erzeugen [lacht]. Das kann man auch machen, aber zumindest sollte man wissen, wie das Instrument zu spielen ist, will man die ganze darin versteckte Klangwelt verstehen! Dahinter steht eine gewisse Geringsch\u00e4tzung, eine bewusste Entscheidung, nichts dar\u00fcber wissen zu wollen.<\/p>\n<p><em>Die heutige Politik ist immer noch von Kolonialismus gepr\u00e4gt, von kulturellem Imperialismus. Wenn wir diese Kulturen in der Schule behandelten, so w\u00fcrden wir ihnen ebenb\u00fcrtigen Wert einr\u00e4umen, was f\u00fcr uns fast inakzeptabel erscheint, zumindest f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil unserer politischen Klasse.<\/em><br \/>\nJa, und das ist eine Schande. Nimm zum Beispiel John Cage, der sich von Zen und Taoismus beeinflussen lie\u00df. Was f\u00fcr wunderbare Dinge da herauskamen! Er brachte uns dazu, Musik nochmals vollst\u00e4ndig zu \u00fcberdenken. Die Technik des pr\u00e4parierten Klaviers ist beispielsweise der Musik Balis sehr \u00e4hnlich\u2026 Daraus resultiert eine komplett andere Perspektive auf Musik. Letztendlich ist es eine Methode, das musikalische Resultat zu relativieren, scheinbar unwichtigen Dingen Raum zu geben: Unf\u00e4lle, Zuf\u00e4lle. Mit anderen Worten: Man nimmt den mystischen Aspekt des Urhebers zur\u00fcck, um Musik einfach da sein zu lassen. Es reicht, sie zu beobachten: Musik existiert.<\/p>\n<p><em>Es geht auch darum, den Armen eine Stimme zu geben, den sozial Benachteiligten.<\/em><br \/>\nSo ist es. Mit diesen Kl\u00e4ngen zu arbeiten, die frei von Hierarchie und vordefiniertem Sinn f\u00fcr Sch\u00f6nheit einfach f\u00fcr sich stehen, ist eine von Cages Lehren. Die Frage ist, ob wir heute noch f\u00fcr diese Lehren empf\u00e4nglich sind. Es scheint mir nicht so \u2026<\/p>\n<p><em>In vielen Regionen der Welt schwindet momentan die Trennung zwischen Staat und Religion, etwa in der Region Maghreb und \u00c4gypten.<\/em><br \/>\nTunesien, das sich in Richtung Demokratie entwickeln wollte, wird von Extremisten in Unruhe versetzt, es gibt immer mehr terroristische Attacken. Tourismus f\u00e4llt weg, weil die Leute Angst haben, das Land wird schw\u00e4cher und die Bedrohung der demokratischen Zukunft w\u00e4chst.<\/p>\n<p><em>F\u00fcr die j\u00fcngere Generation ist es nicht einfach, diese Ereignisse zu beobachten und sich zu positionieren. Deine Meinung zu diesen Fragen w\u00fcrde mich interessieren, weil du einen gro\u00dfen Teil deiner Arbeit dem Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit gewidmet hast.<\/em><br \/>\nDas sind Dinge, die mich stark beeinflussen, aber gleichzeitig wei\u00df ich nicht, was ich ihnen entgegnen soll. Ich wei\u00df, dass ich es mit sehr einfachen Mitteln tun w\u00fcrde \u2013 einem Vokalsolo von\u00a0<em>Zarb\u00a0<\/em>begleitet beispielsweise, wie\u00a0<em>Corps \u00e0 corps\u00a0<\/em>\u2013 weil ich wei\u00df, dass dem nichts hinzuzuf\u00fcgen ist, dass es unm\u00f6glich w\u00e4re, Poesie zu erzeugen, unm\u00f6glich Sch\u00f6nheit zu erzeugen. Das w\u00e4re unpassend. Im Gegenteil, man muss zur\u00fcckhaltend sein, jede Selbstgef\u00e4lligkeit zur\u00fcckweisen \u2013 nichts hinzuf\u00fcgen. Die Leute sagen, es sei schwer zeitgen\u00f6ssische Musik zu h\u00f6ren, aber das stimmt einfach nicht! (Und ich erinnere dich daran, dass alle Musikstile unsere \u00abZeitgenossen\u00bb sind.) Wenn Menschen einem Kunstwerk entgegentreten, wenn die Musik und die K\u00fcnstlerInnen ehrlich sind, werden die Menschen ber\u00fchrt \u2013 das war schon immer so. Ich hatte nie Probleme mit dem Publikum, das kam einfach noch nie vor. Da gibt es Leute, die sagen: \u00abIch verstehe diese Musik nicht.\u00bb Ja, klar! Aber das liegt daran, dass sie irgendwann gelernt haben, dass man Kunst \u00abverstehen\u00bb muss. Es gibt nichts zu verstehen! Man nimmt die Ohrfeige hin oder eben nicht! [lacht]<\/p>\n<p><em>Ist Unzug\u00e4nglichkeit nicht die schwerste \u00abKrankheit\u00bb, unter der die Neue Musik leidet?<\/em><br \/>\nNein! Es stimmt nicht, dass die Musik von Bart\u00f3k oder Ligeti unzug\u00e4nglich ist; das glaube ich nicht\u2026 Aber man braucht keinen Vermittler, man braucht keinen, der einem die Musik erkl\u00e4rt. Das Publikum muss nur das Ereignis erleben. Stell dir jemanden vor, der alleine f\u00fcnf Minuten vor einem Gem\u00e4lde von Rembrandt steht. Irgendetwas passiert! Und wenn sie nachher nicht dar\u00fcber reden oder es erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, ist das ein gutes Zeichen! [lacht] Es ist immer schwer zu reden, die richtigen Worte zu finden nach so einer gewaltigen Begegnung. Aber irgendetwas passiert immer!<\/p>\n<p><em>Dieses Interview erschien zuerst in der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.musikderzeit.de\/de_DE\/journal\/issues\/content,2230.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Neuen Zeitschrift f\u00fcr Musik<\/a>\u00a006.2016.\u00a0<\/em><\/p>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Florentin Ginot im Gespr\u00e4ch mit dem griechisch-franz\u00f6sischen Komponisten Georges Aperghis<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":2635,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"categories":[88],"tags":[],"class_list":["post-9719","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-interview"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9719","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9719"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9719\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9720,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9719\/revisions\/9720"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2635"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9719"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9719"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9719"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}