{"id":9703,"date":"2017-02-07T15:31:31","date_gmt":"2017-02-07T14:31:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/?p=9703"},"modified":"2022-06-30T15:38:56","modified_gmt":"2022-06-30T13:38:56","slug":"die-dramaturgie-haengt-von-der-intelligenz-des-ausfuehrenden-ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/blog\/die-dramaturgie-haengt-von-der-intelligenz-des-ausfuehrenden-ab\/","title":{"rendered":"Die Dramaturgie h\u00e4ngt von der Intelligenz des Ausf\u00fchrenden ab"},"content":{"rendered":"<div class=\"ce ce-onecol \" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col\">\r\n\t\t\t\t<p><strong>Florentin Ginot spricht mit Vinko Globokar<\/strong><\/p>\n<p><em>Sie schreiben ein neues St\u00fcck f\u00fcr das Ensemble Musikfabrik mit dem Titel Les Soliloques d\u00e9cortiqu\u00e9s (Sezierte Selbstgespr\u00e4che). Uraufgef\u00fchrt wird es im M\u00e4rz 2017 im WDR in K\u00f6ln. Bitte erz\u00e4hlen Sie von dem Werk!<\/em><br \/>\nDen Titel habe ich gew\u00e4hlt, weil alle 16 Musiker Solisten sind. Einer nach dem anderen spielt sein Solo, und die Gruppe der 15 \u00fcbrigen Interpreten \u2013 die sich folglich bei jedem Wechsel ver\u00e4ndert \u2013 seziert das, was der Solist spielt: Tonh\u00f6hen, Rhythmen, Dynamik, Morphologie der T\u00f6ne etc. Besonders interessant dabei ist, dass ich mich im Alter von 82 Jahren entschlossen habe, meine schon erworbene Berufserfahrung validieren zu lassen (Validation des Acquis de L\u2019Exp\u00e9rience) und zu promovieren. Man hat mich gebeten, ein Werk zu schreiben und es all meinen fr\u00fcheren Werken gegen\u00fcberzustellen. Im Laufe meines Lebens habe ich 180 St\u00fccke f\u00fcr alle m\u00f6glichen Besetzungen geschrieben. Folglich habe ich\u00a0<em>Soliloques\u00a0<\/em>von einer sehr didaktischen Warte aus in Angriff genommen, sodass ich alles, was ich schreibe, auch erkl\u00e4ren kann. Dabei habe ich mich auf rein musikalische Parameter beschr\u00e4nkt: Jegliche Form von Theater, von Instrumentaltechniken und alle politischen Aspekte habe ich ausgeklammert, obgleich all das unterschwellig immer mitschwingt, da sich die anderen 180 St\u00fccke ja mit diesen Themen auseinander setzen. Die Musiker der Musikfabrik kenne ich seit den Anf\u00e4ngen des Ensembles vor 25 Jahren \u2013 wenngleich nicht die aktuelle Besetzung. Beim Komponieren bin ich entsprechend bis an die Grenzen der instrumentalen M\u00f6glichkeiten gegangen\u00a0\u2026<\/p>\n<p><em>Sie sprechen oft von der \u201eErweiterung der instrumentalen M\u00f6glichkeiten\u201c \u2013 wenden Sie diesen Ansatz auch auf\u00a0<\/em><em>Soliloques\u00a0<\/em><em>an?<\/em><br \/>\nDas geh\u00f6rt sozusagen zu meiner Auffassung von Musik: Ich habe keine zwei St\u00fccke mit der gleichen Fragestellung komponiert. Wenn ich ein St\u00fcck schreibe, entscheide ich, \u00fcber welches Thema ich sprechen m\u00f6chte, und dann schlie\u00dfe ich dieses Thema auch ab. Dabei bildet immer eine Idee den Ausgangspunkt, aber ich wei\u00df vorher nicht, in welche Richtung sich das St\u00fcck entwickeln wird\u00a0\u2026<\/p>\n<p><em>Bei dem Programm des Konzerts im M\u00e4rz steht Ihr Werk neben Musik von Luciano Berio, der Ihr Lehrer war, aber auch f\u00fcr Sie komponiert hat.<\/em><br \/>\nMeine Geschichte mit Berio nahm ihren Anfang, als ich 30 Jahre alt war. Obwohl ich vier Jahre Unterricht bei Ren\u00e9 Leibowitz genommen hatte, der ein leidenschaftlicher Verfechter der Moderne war, wurde mir bewusst, dass ich nichts verstanden hatte von der musikalischen Sprache der Nachkriegszeit, die grundlegende Ver\u00e4nderungen mit sich brachte! Aus diesem Grund wurden Berio und ich Freunde, als er f\u00fcr mich die\u00a0<em>Sequenza V<\/em>\u00a0f\u00fcr Posaune schrieb, und ich bat ihn, mir in Berlin Unterricht zu geben. Wir sprachen nur wenig \u00fcber Musik, eher \u00fcber Ethnologie, \u00fcber Claude L\u00e9vi-Strauss, \u00fcber Politik etc. \u2026\u00a0also Themen au\u00dferhalb der Musik. Genau dadurch wurde mir damals klar, dass die Ideen aus dem Leben selbst entstehen und nicht aus der \u00c4sthetik. Nach dem Krieg hat eine Generation von Komponisten, die alle 20 Jahre alt waren, die experimentelle Musik erfunden: Stockhausen, Boulez, Berio, Nono, Ligeti, Pousseur. Sie schufen eine ungehobelte Kunst, weil sie sich um das Publikum nicht scherten.<\/p>\n<p><em>Was diese Ungehobeltheit anbelangt, heutzutage\u00a0\u2026<\/em><br \/>\nDie gibt es nicht mehr! In den 1980er-Jahren begann man in der Presse von Globalisierung zu sprechen, ein rein wirtschaftliches Thema, bei dem es darum geht, alle auf dieselbe Spur zu bringen. Bereits zehn Jahre zuvor hatte die Kunst begonnen sich zu isolieren, das hei\u00dft, die Leute wurden nach und nach zu absoluten Individualisten. Heute machen K\u00fcnstler interessante Sachen, der eine in Finnland, der andere in Australien, aber man spricht nicht mehr von einer Bewegung: Sie sind sch\u00f6pferische Menschen, aber voneinander isoliert. Sie stellen eine individualistische Gegenstr\u00f6mung dar, und bei den meisten Werken spielen auch das Geld, Floskeln und Artigkeiten eine Rolle. Im Alter von 82 Jahren habe ich den Eindruck, allein zu sein. Aber gl\u00fccklich!\u00a0<em>(lacht)<\/em><\/p>\n<p><em>Sie sind Instrumentalist, Improvisator und Komponist \u2013 wie haben Sie Ihr eigenes Universum und Ihre Beziehung zum Interpreten entwickelt?<\/em><br \/>\nIn chronologischer Reihenfolge: Ich bin in Frankreich in einem Bergbaurevier zur Welt gekommen. Ab meinem sechsten Lebensjahr habe ich Klavier und Tambura, die slowenische Gitarre, bei einem slowenischen Lehrer gelernt, der von einem Bergwerk zum n\u00e4chsten reiste. Als ich 13 Jahre alt war, ging meine Familie nach Jugoslawien, weil das Bergwerk geschlossen wurde. Dort habe ich mit Posaune angefangen. Unter Tito musste damals jeder Zwanzigj\u00e4hrige f\u00fcr ein oder zwei Jahre zum Milit\u00e4r. Es gab seinerzeit eine fantastische Big Band beim Radio, und als zwei Musiker zum Milit\u00e4r gingen, habe ich sie ersetzt \u2013 ich war damals 17. Nach dem Krieg sendete ein amerikanisches Spionageschiff von der Adria aus antisowjetische Propaganda, und zwischen 23 Uhr und Mitternacht gab es eine Sendung \u00fcber experimentellen Jazz der 1950er- und 1960er-Jahre. Wir kannten damals also all die gro\u00dfen Bands in- und auswendig: Stan Kenton, Woody Herman, Count Basie! Als ich drei Jahre sp\u00e4ter ein Stipendium f\u00fcr Paris bekam, begann ich sofort in den Jazzclubs zu spielen. Und bis ich 30 war, schrieb ich Musik f\u00fcr Big Bands. Erst mit 30 fing ich an zu komponieren.<\/p>\n<p><em>Sie haben viel Erfahrung im Improvisieren \u2013 was in Ihren Kompositionen \u00fcberlassen Sie der Freiheit des Interpreten?<\/em><br \/>\nWenn ich schreibe, gebe ich in den St\u00fccken absolut alles vor! In meinen komponierten St\u00fccken lasse ich keine Freiheiten und es gibt kein Qu\u00e4ntchen Improvisation. Wenn ich dagegen meine Posaune nehme und mit anderen improvisiere, bin ich gleichberechtigt, da habe ich nichts zu sagen. Gegen kontrollierte Improvisation bin ich allerdings absolut allergisch. Und dass es bei der Notation Dinge gibt, die eigentlich gar nicht machbar sind, sehe ich auch so. Aber Dinge zu schreiben und festzulegen, die eigentlich nicht machbar sind, beeinflusst den Ausf\u00fchrenden psychologisch anders.<\/p>\n<p><em>In welchem Ma\u00dfe wird der Musiker bei Ihren St\u00fccken zum Tr\u00e4ger der szenischen Dramaturgie?<\/em><br \/>\nDie Dramaturgie h\u00e4ngt von der Intelligenz des Ausf\u00fchrenden ab. Aus ein und demselben St\u00fcck mit einer strikt festgelegten Notation kann ein intelligenter Instrumentalist eine fantastische Darbietung machen, das gleiche St\u00fcck kann aber auch zum Desaster werden \u2013 abh\u00e4ngig von der Vorbildung des Musikers. Mein Percussion-St\u00fcck\u00a0<em>?Corporel<\/em>\u00a0beispielsweise ist die Geschichte eines Menschen, der seinen K\u00f6rper mit Gesten erforscht. Wie man das umsetzt? Ich bin kein Schlagzeuger, ich habe keine Ahnung, wie das geht. Es h\u00e4ngt von der Intelligenz des Darbietenden ab: Was f\u00fcr ein Mensch ist er oder sie, welche Art von Ausbildung hat er, wo kommt er her?<\/p>\n<p><em>Und h\u00e4ngt es auch davon ab, was der Musiker in Richtung des Publikums projiziert \u2013 also darbietet und als Feedback zur\u00fcckerh\u00e4lt?<\/em><br \/>\nIch interessiere mich nicht f\u00fcr das Publikum. Auch aus diesem Grund schrecke ich vor Solo-Improvisation zur\u00fcck, denn wer improvisiert, ist allein, ohne Stimulation von au\u00dfen, also kann er von sich auch nur preisgeben, was er bereits kennt, und es gibt keine \u00dcberraschungen. F\u00fcr mich befindet sich das Publikum immer hinter einer Scheibe. Die Darbietung des Musikers h\u00e4ngt auch von seiner Intelligenz ab. Die Scheibe existiert jedenfalls, ob das Publikum die Darbietung nun mag oder nicht. Ich bin ganz einfach deshalb auf einer B\u00fchne, weil ich meine innersten Gedanken zum Ausdruck bringen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>31. Oktober 2016<\/p>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Florentin Ginot spricht mit Vinko Globokar<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":9704,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"categories":[88],"tags":[100],"class_list":["post-9703","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-interview","tag-musikfabrik-im-wdr"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9703","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9703"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9703\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9710,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9703\/revisions\/9710"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9704"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9703"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9703"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9703"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}