{"id":8984,"date":"2019-08-20T10:39:19","date_gmt":"2019-08-20T08:39:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/?p=8984"},"modified":"2022-04-22T10:48:19","modified_gmt":"2022-04-22T08:48:19","slug":"ryoko-aoki-and-noh-theatre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/blog\/ryoko-aoki-and-noh-theatre\/","title":{"rendered":"Ryoko Aoki and Noh Theatre"},"content":{"rendered":"<div class=\"ce ce-onecol \" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col\">\r\n\t\t\t\t<p>Peter E\u00f6tv\u00f6s im Gespr\u00e4ch mit Martina Seeber \u00fcber Secret Kiss (2018), das am 8. September beim Musikfest Berlin uraufgef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p><strong>Japan ist im Schaffen des ungarischen Komponisten Peter E\u00f6tv\u00f6s mehr als nur ein ferner Sehnsuchtsort. Die Kultur fasziniert ihn seit er 1970 mit Karlheinz Stockhausen zur Weltausstellung reiste. Dass er in Secret Kiss einmal mehr gen Osten blickt, hat allerdings mit der Initiative einer jungen K\u00fcnstlerin zu tun, die zu Expo-Zeiten noch nicht geboren war. Secret Kiss ist ein Auftrag der Schauspielerin und S\u00e4ngerin Ryoko Aoki. Sie ist nicht nur als weibliche Noh-Darstellerin eine Ausnahmeerscheinung in der traditionell m\u00e4nnlichen Theaterform, sondern versucht zugleich die Gattung zu erneuern, indem sie ihm Rahmen ihres Projekts Noh x Contemporary zeitgen\u00f6ssische KomponistInnen zu neuen Werken anregt.<\/strong><\/p>\n<p><em>Peter E\u00f6tv\u00f6s, Sie sind als Komponist in der gl\u00fccklichen Lage, sich ihre Auftr\u00e4ge aussuchen zu k\u00f6nnen. Warum sind Sie Ryoko Aokis Wunsch nachgekommen?<\/em><\/p>\n<p>Ich kenne Ryoko Aoki, seit sie zum ersten Mal mein Musiktheater <em>Harakiri<\/em> aufgef\u00fchrt hat. Seither stehen wir in st\u00e4ndigem Kontakt. Ihre Stimme und ihr Charakter sind unverwechselbar, auch ihre Art, das Noh-Theater mit Gesang und zeitgen\u00f6ssischer Musik zu verbinden, ist einmalig. Es ist ihre Erfindung.<\/p>\n<p>Da ich sie sehr gut kannte, wusste ich, was ich f\u00fcr sie schreiben kann. Und so entstand <em>Secret Kiss<\/em> auf der Grundlage von Alessandro Bariccos Novelle Seide.<\/p>\n<p><em>Ryoko Aoki hat das Noh-Theater an der Universit\u00e4t Tokio als einzige weibliche Studentin ihres Jahrgangs studiert, anschlie\u00dfend in London eine Doktorarbeit \u00fcber Frauen im Noh-Theater verfasst. Auf B\u00fchnenfotos sieht man sie im schlichten schwarzen Designerkleid oder in opulenten Kimono-Neusch\u00f6pfungen, oft mit der traditionellen Maske. Was ist Ryoko Aoki f\u00fcr eine K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeit?<\/em><\/p>\n<p>Sie ist unglaublich diszipliniert. Diese Disziplin kommt eigentlich aus der Tradition des Noh-Theaters. Die Darsteller lernen, diese Disziplin nicht nur auf der B\u00fchne, sondern auch im t\u00e4glichen Leben zu praktizieren und beizubehalten. In Unterhaltungen spricht Ryoko Aoki unglaublich sparsam, aber sie formuliert immer sehr genau. Und man merkt bei der Arbeit, dass sie musikalisch ebenso gebildet ist wie auf dem Gebiet des Theaters. Diese Doppelfunktion, dass sie sowohl Musikerin ist als auch Noh-Theater spielen kann, ist ihre besondere, einmalige Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p><em>Das japanische Noh-Theater ist eine Kunstform, die sich lange nicht ver\u00e4ndert hat. Was fasziniert sie als Komponist daran?<\/em><\/p>\n<p>Noh ist eine der \u00e4ltesten bekannten Theaterformen der Welt. Sie wurde im 14.\u00a0Jahrhundert von Meister Zeami, dem ersten gro\u00dfe Theatermann, entwickelt. Ich selbst habe die erste Noh-Theater-Vorstellung 1970 gesehen, im Jahr der Weltausstellung in Osaka. Damals war ich Mitglied des Stockhausen Ensembles und habe mit dem Ensemble sechs Monate in Japan verbracht. Diese langen Monate haben mich sehr stark beeinflusst, auch k\u00fcnstlerisch. Ich bin als K\u00fcnstler an vielen Themen interessiert, die japanische Kultur ist aber ein Gebiet, das ich schon lange pflege.<\/p>\n<p><em>Ihre kreative Auseinandersetzung begann kurz nach der Expo in Osaka mit <\/em>Harakiri<em>.<\/em><\/p>\n<p>1972 habe ich im Auftrag des WDR mein erstes szenisches Werk geschrieben. Zwei Jahre zuvor hatte der japanische Schriftsteller Yukio Mishima Selbstmord begangen. In <em>Harakiri<\/em> habe ich zum ersten Mal ein japanisches Thema behandelt, mit einem japanischen Text und japanischen Instrumenten. Es ist f\u00fcr zwei Shakuhachi geschrieben, diese Fl\u00f6ten sind Instrumente des Zen-Buddhismus. Das war meine erste kompositorische Ber\u00fchrung mit Japan. Jahre sp\u00e4ter habe ich mich mit dem ber\u00fchmten Tagebuch der japanischen Hofdame Sarashina auseinandergesetzt. Ihre 1000 Jahre alten Texte sind ein Schatz der japanischen Kultur. Jeder Japaner kennt sie. Daraus habe ich As I crossed a bridge of dreams f\u00fcr die Donaueschinger Musiktage 1999 komponiert.<\/p>\n<p><em>Aus denselben Texten ist 2008 ihr Musiktheater Lady Sarashina entstanden. Alle 10 bis 20 Jahre kommen sie auf Japan zur\u00fcck?<\/em><\/p>\n<p>Ja [lacht] und als meine erste Oper <em>Die drei Schwestern <\/em>nach Anton Tschechov 1998 in Lyon uraufgef\u00fchrt wurde, war der Regisseur ein Japaner, Ushio Amagatsu. Es war ein russischer Text, von einem japanischen Regisseur f\u00fcr ein franz\u00f6sischen Publikum inszeniert, von einem Ungarn komponiert. Das war damals &#8222;Weltmusik&#8220;. Jetzt hat gerade die erste russische Auff\u00fchrung in Jekaterinenburg stattgefunden.<\/p>\n<p><em>In <\/em>Secret Kiss <em>sind die Wege nicht minder verschlungen. Der Italiener Alessandro Baricco schreibt eine Novelle \u00fcber einen Franzosen, der im 19.\u00a0Jahrhundert nach Japan reist. Sie als Ungar komponieren im 21.\u00a0Jahrhundert ein Melodram f\u00fcr eine junge japanische Noh-Theater-Darstellerin, die das traditionelle Theater zu erneuern versucht und mit ihren Auftragswerken auf Welttournee geht. Eine sehr komplexe Gemengelage. Wie gehen Sie als Komponist damit um?<\/em><\/p>\n<p>Es ist eine Zeiterscheinung, sie ist typisch f\u00fcr unsere Zeit, obwohl das Ph\u00e4nomen nat\u00fcrlich nicht neu ist. Auch zu Mozarts Zeiten hat die westliche Kultur t\u00fcrkische und arabische Einfl\u00fcsse aufgenommen. Aber in <em>Secret Kiss<\/em> war es auch noch so, dass meine Frau, eine Ungarin, den Text bearbeitet hat, der dann auf japanisch \u00fcbersetzt wurde.<\/p>\n<p>Der Text von Alessandro Baricco handelt von der Verbindung zwischen zwei Kulturen: der franz\u00f6sischen und der japanischen. Ein Franzose will im 19.\u00a0Jahrhundert das Geheimnis der Seidenproduktion erkunden. Er reist nach Japan und erlebt dort verr\u00fcckte Sachen. Ich verwende f\u00fcr <em>Secret Kiss <\/em>nur einen kleinen Teil der Erz\u00e4hlung. Der Franzose erblickt bei einer Besprechung mit dem Boss der japanischen Seidenindustrie ein M\u00e4dchen. Dieses M\u00e4dchen, das offensichtlich keine Asiatin ist, liegt auf dem Scho\u00df des Seidenproduzenten. Ich finde die Szene wundersch\u00f6n. Diese zwei Europ\u00e4er haben einen stillen Kontakt miteinander, sie tauschen sich nur \u00fcber Blicke aus und dadurch, dass sie die Teetasse so drehen, dass sie jeweils am selben Punkt daraus trinken. An diesem Ort, an dem die Lippen die Teetasse ber\u00fchren, entsteht der \u201egeheime Kuss\u201c, der allein von der kleinen Teetasse \u00fcbermittelt wird.<\/p>\n<p><em>Wie gehen sie in ihrer Komposition mit dieser wortlosen Begegnung um?<\/em><\/p>\n<p>Ich lasse die Szene erz\u00e4hlen. Ryoko Aoki deklamiert Alessandro Barricos Worte auf japanisch.<\/p>\n<p><em>Das hei\u00dft, es gibt keine gesungenen Dialoge, sondern eine Erz\u00e4hlung.<\/em><\/p>\n<p>Und dazu habe ich eine sch\u00f6ne Musik geschrieben. Ein im Stil des japanischen Noh-Theaters gesprochenes Melodram. Der Text wird deklamiert, gesungen und gesprochen, langsamer und schneller. Es ist ein ganz spezieller Stil entstanden.<\/p>\n<p>Harakiri<em> haben sie f\u00fcr japanische Instrumente komponiert. Hier sind es nun f\u00fcnf europ\u00e4ische Instrumente: Fl\u00f6te, Klarinette, Violine, Cello und Schlagzeug. Findet die japanische Musik hier trotzdem ein Echo?<\/em><\/p>\n<p><em>Harakiri<\/em> war damals nicht nur im Hinblick auf die Instrumente, sondern auch musikalisch sehr japanisch. F\u00fcr dieses neue St\u00fcck habe ich einen eigenen Stil gefunden, der nur zu diesem Melodram geh\u00f6rt. Man k\u00f6nnte sagen, dass ich jede Oper in einer anderen musikalischen Sprache komponiere. Meine Musiksprache steht immer im Zusammenhang mit dem jeweiligen Thema und der Frage, wie ich etwas erz\u00e4hlen will. Ich habe keine eigene Sprache. Die E\u00f6tv\u00f6s-Sprache zeichnet sich dadurch aus, dass sie immer die Sprache eines einzelnen St\u00fcckes ist.<\/p>\n<p><em>Und zu dieser Sprache geh\u00f6ren in diesem Fall auch Gesten?<\/em><\/p>\n<p>Der Schlagzeuger steht in zentraler Position. Die gro\u00dfe Trommel steht hinten in der Mitte, frontal zum Publikum. Wenn Ryoko Aoki erz\u00e4hlt, dass der Franzose an dieser bestimmten Stelle aus der Tasse getrunken hat, wird der Schlagzeuger auf dem Trommelfell St\u00fcck rotes Klebeband anbringen, Dann kommt das M\u00e4dchen, sie trinkt an derselben Stelle und der Schlagzeuger klebt er einen zweiten roten Strich dar\u00fcber, sodass ein rotes Kreuz zu sehen ist. Eine kleine Theatralit\u00e4t ist vorhanden. Mit der japanischen Tradition des Noh-Theaters hat sie allerdings nichts zu tun. Es ist eher mein eigener Spa\u00df, die Handlung auch ein bisschen visuell darzustellen.<\/p>\n<p><em>Alessandro Baricco, der seine Laufbahn als Musikkritiker begonnen hat, hat seine Sprache als \u201ewei\u00dfe Musik\u201c beschrieben, als \u201eStimme ohne Farbe\u201c. Wie h\u00f6ren sie seine Werke?<\/em><\/p>\n<p>Ich beziehe diese Aussage auf alle seine B\u00fccher. Ich habe viel von ihm in ungarischer \u00dcbersetzung gelesen, den Text von Seide aber auch im italienischen Original. Alle seine B\u00fccher haben eine unglaubliche Stille. Die Art, wie er erz\u00e4hlt, ist nicht laut. Sie ist sehr nobel. Er l\u00e4sst eine scheue Person auftreten, die ihre Geschichten nur ganz leise erz\u00e4hlt, das ist fantastisch.<\/p>\n<p><em>Sehen Sie in dieser Reduktion eine Verbindung zum Noh-Theater?<\/em><\/p>\n<p>Mir ist es sehr leicht gefallen, diesen Text mit dem Noh-Theater zu verbinden. Es reicht ja nicht, dass die Geschichte in Japan spielt. Das w\u00e4re mir zu wenig. Alessandro Bariccos Stil und meine Art, Musik zu diesem Text zu schreiben, sind sehr nah, sehr verwandt.<\/p>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Interview mit Peter E\u00f6tv\u00f6s von Martina Seeber<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":8985,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"categories":[88],"tags":[],"class_list":["post-8984","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-interview"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8984","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8984"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8984\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8992,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8984\/revisions\/8992"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8985"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8984"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8984"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8984"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}