{"id":7312,"date":"2021-01-14T10:25:04","date_gmt":"2021-01-14T09:25:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/?p=7312"},"modified":"2022-02-23T10:35:49","modified_gmt":"2022-02-23T09:35:49","slug":"schoenes-altes-paradies-ein-gespraech-mit-fabio-nieder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/blog\/schoenes-altes-paradies-ein-gespraech-mit-fabio-nieder\/","title":{"rendered":"&#8222;Sch\u00f6nes altes Paradies&#8220; &#8211; Ein Gespr\u00e4ch mit Fabio Nieder"},"content":{"rendered":"<div class=\"ce ce-onecol pb-large\" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col\">\r\n\t\t\t\t<p><strong>Zum Anlass der <a href=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/kalender\/musikfabrik-im-wdr-76-chants-gesaenge-2\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Uraufnahme von Fabio Nieders &#8222;Vielleicht wei\u00df es die Nachtigall&#8220; &#8211; ein slowakisches Volkslied f\u00fcr Sopranstimme und Kammerorchester (2020)<\/a> in der Reihe &#8218;Musikfabrik im WDR&#8216;\u00a0 interviewte Guido Fischer den Komponisten zu seinem St\u00fcck.<\/strong><\/p>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"ce ce-onecol \" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col\">\r\n\t\t\t\t<p><strong>Guido Fischer<\/strong>:<br \/>\nSchon Robert Schumann wusste ja zu berichten: \u201eH\u00f6re flei\u00dfig auf alle Volkslieder; sie sind eine Fundgrube der sch\u00f6nsten Melodien.\u201c Heute scheinen Volkslieder f\u00fcr viele zeitgen\u00f6ssische Komponisten dagegen wenig inspirierend zu sein. Eine gro\u00dfe Ausnahme sind Sie, Herr Nieder. Woher r\u00fchrt Ihre intensive Besch\u00e4ftigung mit Volksliedern?<\/p>\n<p><strong>Fabio Nieder<\/strong>:<br \/>\nZuerst muss ich anmerken, dass die Begriffe wie \u201eVolkslied\u201c, \u201eFolklore\u201c oder \u201eethnisch\u201c an sich immer etwas Abwertendes haben. Wir vergessen aber oft, dass die \u201eVolksmusik\u201c Jahrtausende lang die Musik der Mehrheit war! Das wichtigste Merkmal der \u201eVolksmusik\u201c, das sie von der E-Musik grunds\u00e4tzlich unterscheidet, war und ist schlie\u00dflich, dass sie keine Autoren hatte. Sie ist ein Allgemeingut einer Kollektivit\u00e4t und nicht der Ausdruck eines einzelnen Menschen.Viele Komponisten haben sich f\u00fcr die Volksmusik interessiert. Wie etwa Jan\u00e1\u010dek, Bart\u00f3k, Kod\u00e1ly und sp\u00e4ter auch Ligeti und Berio &#8211; wobei es kein Zufall ist, dass diese Komponisten sich auch stark f\u00fcr Linguistik interessierten. Aber heute? Kaum jemand, der oder die in Donaueschingen oder Witten gespielt wird, zeigt Interesse f\u00fcr diese wunderbaren Menschen und ihre Musik. Woher r\u00fchrt dieses Desinteresse? Ist es eine Art Snobismus? Ich als Komponist finde es als eine menschliche Hauptaufgabe, dieses Vers\u00e4umnis nachzuholen. Ich will dieser Musik eine ebenb\u00fcrtige Wichtigkeit beimessen wie die der notierten Musik. Ich will versuchen, sozusagen die Schulden einer kolonialistischen Mentalit\u00e4t zu begleichen. Nicht nur aus humanit\u00e4ren Gr\u00fcnden, sondern vor allem wegen der bet\u00f6renden Sch\u00f6nheit ihres Ausdrucks! Und besonders trifft das auf die slowakische Volksmusik zu\u2026<\/p>\n<p><strong>Guido Fischer<\/strong>:<br \/>\n\u2026die ja in Ihrem Schaffen von jeher tiefe Spuren hinterlassen hat\u2026<\/p>\n<p><strong>Fabio Nieder<\/strong>:<br \/>\nMeine gro\u00dfe Leidenschaft f\u00fcr die Bauernlieder reicht bis zu meiner fr\u00fchen Jugend zur\u00fcck, als ich auf dem Land am Hang zwischen der Stadt Triest und dem oberhalb der Stadt gelegenen Karst lebte. Die Vorstadt Triest und die Karstebene sind slowenischsprachig. Da lebt seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. die sogenannte slowenische Minderheit. In den slowenischen D\u00f6rfern um Triest leben haupts\u00e4chlich Bauern. Und ihre Musik ist mir sehr vertraut. Dazu kommt meine enge Freundschaft mit dem Komponisten, Linguisten und Ethno-Musikwissenschaftler slowenischer Nationalit\u00e4t aus Triest, Pavle Merk\u00f9. In den Sechzigern und Siebzigern sammelte er tausende Volkslieder der slowenischen Minderheiten, die in Triest, G\u00f6rz und Ostfriaul leben. Durch ihn kannte ich in den Siebzigern auch das rege musikalische Leben im benachbarten Ljubljana. Die nationalen Volksmusiken der jeweiligen ehemaligen jugoslawischen L\u00e4nder wurden in der Zeit des Tito-Kommunismus sehr gepflegt und weckten auch das Interesse der einheimischen Komponisten. Mit dem Verfall der kommunistischen Republik gingen dann leider auch die musikalischen Orientierungen der dortigen Komponisten auseinander. Ich aber habe nie das Interesse f\u00fcr diese Welt, f\u00fcr die slowenische Sprache und Kultur verloren. Ganz im Gegenteil: Diese Inspirationsquelle n\u00e4hrt seit Jahrzehnten meine musikalische Produktion.<\/p>\n<p><strong>Guido Fischer<\/strong>:<br \/>\nWorauf m\u00fcssen Sie besonders achten, wenn Sie sich &#8211; wie jetzt &#8211; mit einem Volkslied besch\u00e4ftigen? M\u00f6glicherweise k\u00f6nnte das Volkslied etwas von seinem \u201eUr-Atem\u201c einb\u00fc\u00dfen, wenn es nun in einen k\u00fcnstlerisch-k\u00fcnstlichen, \u201ekunstmusikalischen\u201c Zusammenhang eingewoben wird.<\/p>\n<p><strong>Fabio Nieder<\/strong>:<br \/>\nDas ist ein sehr wichtiger Punkt! Die kunstvollen Volksliedbearbeitungen von B\u00e9la Bart\u00f3k beispielsweise \u00fcbertragen oft die Originalmelodien der Bauern auf eine Stimme mit Klavierbegleitung. Aber die urspr\u00fcngliche Gesangstechnik geht dabei v\u00f6llig verloren. Wenn man die M\u00f6glichkeit hat, die Originalaufnahme eines Bauernvolkslieds zu h\u00f6ren und sie dann mit einer Bart\u00f3k Bearbeitung zu vergleichen, ist der Unterschied frappant: Das bearbeitete Lied wirkt fast gez\u00e4hmt! In meiner Komposition \u201eVielleicht wei\u00df es die Nachtigall\u201d verwendet die Singstimme u.a. die Gesangstechnik einer slowakischen Volkss\u00e4ngerin, um dann im Laufe des St\u00fcckes zur\u00fcck zur herk\u00f6mmlichen Stimme einer Sopranistin zu gelangen.<\/p>\n<p><strong>Guido Fischer<\/strong>:<br \/>\n\u2026laut Partitur soll sie mit einer \u201eethnischen Stimme\u201c singen<\/p>\n<p><strong>Fabio Nieder<\/strong>:<br \/>\n\u2026genau. Es ist wie eine Wanderung zwischen verschiedenen Arten des Singens und den Assoziationen, die sie mit sich bringt. Mit meiner allerj\u00fcngsten Komposition, die nochmals auf die slowakische Folklore Bezug nimmt, gehe ich aber noch ein St\u00fcck weiter und schreibe ausschlie\u00dflich f\u00fcr eine echte slowakische Volksmusik-S\u00e4ngerin, die nur diese Gesangstechnik kennt und praktiziert. Das ist jetzt f\u00fcr mich eine gro\u00dfe Herausforderung: Zwei Welten treffen aufeinander! Auch in der Auff\u00fchrungspraxis. Doch schon lange erforsche ich eine alternative Art des Singens. Leider wird in unseren Hochschulen immer wieder dieselbe Art unterrichtet &#8211; mit nur wenigen Ausnahmen, wie z. B. der Obertongesang, den ich \u00fcbrigens in dieses neue Werk auch einbauen will. Die M\u00f6glichkeit mit etwas Authentischem zu arbeiten, \u00fcbt auf mich eine gro\u00dfe Faszination aus! Auch meine Erfahrung mit dem Atlas Ensemble in Amsterdam ging absolut in diese Richtung: Damals durfte ich mit Musikern aus Indien, China, Japan, Usbekistan, Aserbaidschan, dem Iran und Irak, der T\u00fcrkei zusammenarbeiten und f\u00fcr ihre Originalinstrumente komponieren. Meine Musik wird aber immer etwas Anderes sein als ein echtes Volkslied. Sie ist eher ein Fantasieobjekt. Ein Akt der freiheitlichen Entscheidung. Etwas, das zwischen den musikalischen Traditionen bestimmter V\u00f6lker und meiner pers\u00f6nlichen Intuition steht. In diesem Sinne ja, kann die Verbindung zur Tradition f\u00fcr mich sehr interessant sein.<\/p>\n<p><strong>Guido Fischer<\/strong>:<br \/>\nWovon erz\u00e4hlt das jetzt vertonte Volkslied \u201eVielleicht wei\u00df es die Nachtigall\u201c? Kann man seine Wurzeln genauer lokalisieren? Wann mag es entstanden sein? In welchem Dialekt ist es geschrieben? Und: K\u00f6nnen Sie sich erinnern, wann Sie es zum ersten Mal geh\u00f6rt haben?<\/p>\n<p><strong>Fabio Nieder<\/strong>:<br \/>\nDer ganze Text dieses slowakischen Volkslieds hat insgesamt f\u00fcnf Strophen. Ich benutze f\u00fcr meine Komposition nur die erste, weil ich nicht ins Detail gehen, sondern auf einem allgemein existenziellen Terrain bleiben wollte. Die deutsche \u00dcbersetzung lautet: \u201eErz\u00e4hl mir, kleine Nachtigall, du wundersch\u00f6nes Gesch\u00f6pf, was ist die gr\u00f6\u00dfte Qual auf der Welt?\u201c<\/p>\n<p><strong>Guido Fischer:<\/strong><br \/>\nLassen sich die Wurzeln des Lieds genauer lokalisieren?<\/p>\n<p><strong>Fabio Nieder<\/strong>:<br \/>\nDas Originallied wurde von Frantisek Poloczek 1950 in der Slowakei, in der Gemeinde Moravsk\u00e9 Lieskov\u00e9 notiert und danach ver\u00f6ffentlicht. Und Poloczek berichtet, dass die meisten slowakischen Volkslieder, die er in den F\u00fcnfziger Jahren gesammelt hat, sehr alt waren. Weshalb sich auch nur die alten Leute daran erinnern konnten. Die meisten S\u00e4nger waren allerdings Frauen.<\/p>\n<p><strong>Guido Fischer<\/strong>:<br \/>\nIn Ihrem riesigen Werkkatalog finden sich immer wieder R\u00fcckbez\u00fcge zu anderen Komponisten, etwa zu Rameau und Schubert. Welche Rolle spielt aber Gustav Mahler f\u00fcr Sie? Sie haben zwar als Liedbegleiter Mahler aufgef\u00fchrt. Aber mit seiner musikalischen Verschmelzung des Natur- mit dem Kunstlaut k\u00f6nnte er durchaus auch ein Verwandter im Geiste sein?<\/p>\n<p><strong>Fabio Nieder<\/strong>:<br \/>\nDer Geist von Gustav Mahler begleitet mich seit meiner fr\u00fchen Jugend. Er ist ein Verwandter und ein Lebensgef\u00e4hrte. Sein \u201ewie ein Naturlaut\u201c begleitet von jeher meine Forschungen, was die Verbindung zwischen Natur und Musik anbelangt. Auch seine weltlichen Signale, die in seinen Symphonien immer wieder Platz finden, kann man in meiner Musik finden. Er hat wichtige Sachen auf den Punkt gebracht, die mich immer wieder besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p><strong>Guido Fischer<\/strong>:<br \/>\nWie Mahler in seiner 7. Symphonie Herdenglocken \u201ein weiter Entfernung\u201c einsetzt, so erklingen diese ebenfalls nun ganz leise, gegen Ende von \u201eVielleicht&#8230;\u201c. K\u00f6nnte man es als die Beschw\u00f6rung eines (paradiesischen) Idylls h\u00f6ren, das es so nie geben wird?<\/p>\n<p><strong>Fabio Nieder<\/strong>:<br \/>\nDas kommt immer auf die Vorkenntnisse des Betrachters an. Die Herdenglocken als naturhaftes Instrument, kommen in der zentralslowakischen Volksmusik immer wieder zum Einsatz. Die Schafs- und Ziegenglocken sind fast ein Symbol f\u00fcr die Hirtenmusik aus Podpol&#8217;ane, eine Musik, die auf der Obertonfl\u00f6te Fujara gespielt wird. Eine Person, die mit der Musik von Gustav Mahler vertraut ist, kann in diesen Glockenkl\u00e4ngen eine klare Anspielung auf die poetische Welt seiner Symphonien h\u00f6ren. Ein Musikant aus Podpol&#8217;ane aber, der keine Kenntnisse von der klassischen europ\u00e4ischen Musik hat, wird mit Sicherheit sagen: Dies ist ja ein Klang unserer idyllischen Heimat! In diesem Sinne k\u00f6nnte man sagen, dass dieses Paradies wirklich existiert!<\/p>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gef\u00fchrt von Guido Fischer zum Anlass der Uraufnahme von Fabio Nieders &#8222;Vielleicht wei\u00df es die Nachtigall&#8220; &#8211; ein slowakisches Volkslied f\u00fcr Sopranstimme und Kammerorchester (2020)<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":7318,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"categories":[88],"tags":[100],"class_list":["post-7312","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-interview","tag-musikfabrik-im-wdr"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7312","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7312"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7312\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7320,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7312\/revisions\/7320"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7318"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7312"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7312"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7312"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}