{"id":600,"date":"2021-01-29T15:04:42","date_gmt":"2021-01-29T14:04:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/?p=600"},"modified":"2022-02-15T13:00:01","modified_gmt":"2022-02-15T12:00:01","slug":"imaginaeres-theater-unsuk-chins-cosmigimmicks-2011-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/blog\/imaginaeres-theater-unsuk-chins-cosmigimmicks-2011-12\/","title":{"rendered":"Imagin\u00e4res Theater: Unsuk Chins &#8222;cosmigimmicks&#8220; (2011\/12)"},"content":{"rendered":"<div class=\"ce ce-twocol fullwidth pb-small pt-medium\" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col col-custom-1\">\r\n\t\t\t\t<p>1985 war Unsuk Chin 24 Jahre alt, voller Tatendrang und Abenteuerlust. Und obwohl sie bereits einige Kompositionspreise gewonnen hatte, wollte sie sich den letzten Feinschliff unbedingt beim Neue Musik-Granden, Gy\u00f6rgy Ligeti, in Hamburg holen. Doch kaum hatten sich beide das erste Mal getroffen, muss Ligeti wieder einmal seine ber\u00fchmte \u201eMotzmiene\u201c (Unsuk Chin) aufgesetzt und seine zuk\u00fcnftige Studentin auf den Boden der Tatsachen zur\u00fcckgeholt haben: \u201eLigeti sagte zu mir, alle meine Kompositionen w\u00e4ren unoriginell und ich sollte sie lieber wegwerfen.\u201c Das sa\u00df. Die n\u00e4chsten drei Jahre konnte Chin keine Note mehr zu Papier bringen. Trotzdem blickt sie heute nicht im Groll auf ihre Hamburger Jahre zur\u00fcck. Immerhin verband sie mit ihrem schonungslosen Lehrer der grundlegende Zweifel an einer fortschrittsgl\u00e4ubigen Musik-Avantgarde: \u201eSo viele Dinge, von denen wir glauben, wir h\u00e4tten sie erfunden, existieren bereits \u2013 in der fr\u00fchen europ\u00e4ischen wie in der nichteurop\u00e4ischen Musik.\u201c<\/p>\n<p>Das musikalische Rad will Unsuk Chin seitdem nicht mit aller Macht neu erfinden. Und dennoch geh\u00f6rt die geb\u00fcrtige S\u00fcdkoreanerin und inzwischen eingefleischte Wahl-Berlinerin l\u00e4ngst zu den faszinierendsten, fantasievollsten und damit eben doch erfindungsreichsten Stimmen innerhalb der zeitgen\u00f6ssischen Musikszene. Von Simon Rattle bis zum Kronos Quartet spielen prominenteste Interpreten ihre St\u00fccke. 2007 wurde ihre von Kent Nagano in M\u00fcnchen dirigierte Oper <em>Alice in Wonderland<\/em> gar zur \u201eUrauff\u00fchrung des Jahres\u201c gew\u00e4hlt. Und bereits drei Jahre zuvor, 2004, erhielt die Komponistin f\u00fcr ihr Violinkonzert den mit 200.000 Dollar dotierten \u201eGrawemeyer Award for Music Composition\u201c.<\/p>\n            <\/div>\r\n            <div class=\"col col-custom-2\">\r\n\t\t\t\t<p>Unsuk Chins <em>cosmigimmicks<\/em> wurde 2012 in Amsterdam vom Nieuw Ensemble uraufgef\u00fchrt. Ein Jahr sp\u00e4ter, im April 2013, fand im Rahmen der Wittener Tage f\u00fcr neue Kammermusik die Deutsche Erstauff\u00fchrung statt. Als \u201ePantomime\u201c bezeichnet die Koreanerin ihre Komposition f\u00fcr sieben Musiker. Inspiriert hat sie dazu das Instrumentarium des Urauff\u00fchrungsensembles. \u201eZupfinstrumente (Gitarre, Mandoline und Harfe) spielen die Hauptrolle, w\u00e4hrend sich die anderen Instrumente (pr\u00e4pariertes Klavier, Violine, Trompete und Schlagzeug) verkleiden, um sich einem Masken- und Mimikryspiel anzuschlie\u00dfen\u201c, so Chin in ihrem Werkkommentar. \u201eH\u00e4ufig verschmelzen alle Instrumente zu einem einzigen \u201aSuperinstrument\u2018: Sowohl der Pianist als auch der Geiger ahmen die Zupfinstrumente nach, die ersteren durch Vorbereitung, die letzteren durch Anwendung ungew\u00f6hnlicher Spieltechniken. Last but not least wird die Reihe der Schlaginstrumente (die teilweise auch vom Trompeter gespielt werden) eingesetzt, um mit den anderen Instrumenten eine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Symbiose des Klangs zu erreichen. Das gesamte Timbre des St\u00fccks ist metallisch und sehr zerbrechlich.\u201c<\/p>\n<p>Was sich jedoch hinter dem Titel \u201ecosmigimmicks\u201c verbirgt, will Chin nicht verraten. Zerlegt man den Titel aber beispielsweise in \u201eKosmos\u201c und \u201eGimmicks\u201c, k\u00f6nnte man ihn als \u201eUniverselles Werbegeschenk\u201c bezeichnen. Ihren Sinn f\u00fcrs Nonsensehafte hat Chin jedenfalls von ihrem alten und \u00fcberaus strengen Lehrer Gy\u00f6rgy Ligeti, dem sie nun auch den dritten Satz \u201eThall\u201c gewidmet hat.<\/p>\n<p><em>Guido Fischer<\/em><\/p>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"ce ce-twocol fullwidth pb-large\" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col col-custom-1\">\r\n\t\t\t\t<p>Wenngleich das St\u00fcck offiziell als \u201ePantomime\u201c fungiert, hat gleich der erste Satz \u201eShadow Play\u201c nichts mit dieser jahrtausendealten Ausdrucksform zu tun, sondern erinnert an die Kunst des Schattenpuppentheaters. \u201eEs beginnt mit blo\u00dfem Rauschen, aus dem allm\u00e4hlich T\u00f6ne und Harmonien entstehen. Die musikalischen Gesten sind schattenhaft. Diese Gesten sind r\u00e4tselhaft, unfassbar und unvorhersehbar wie Kafkas Odradek.\u201c Der zweite Satz \u201eQuad\u201c geht auf zwei gleichnamige Fernsehspiele von Samuel Beckett zur\u00fcck, die der irische Schriftsteller 1981 f\u00fcr den S\u00fcddeutschen Rundfunk produzierte. Darin schreiten die Schauspieler ein Quadrat auf geometrisch strengen Wegen ab. Bei Unsuk Chin wird daraus eine streng rhythmische Szenerie, in der sich jedes Instrument in eine Art Schlagzeug verwandelt. Der Titel des dritten Satzes \u201eThall\u201c ist schlie\u00dflich Koreanisch und bedeutet \u201aMaske\u2018. \u201eDie Gitarre steht im Zentrum dieses Satzes und spielt eine Quasi-Melodie, die aus wenigen Mikrot\u00f6nen besteht und immer wieder wiederholt wird. In \u00dcbereinstimmung mit den sich \u00e4ndernden Harmonien der anderen Instrumente \u00e4ndert sich diese \u201aMelodie\u2018, \u00e4hnlich einer Transformation des Gesichtsausdrucks einer Pantomime. Der Gesamtcharakter von \u201eThall\u201c ist sowohl leicht sentimental wie auch makaber und beschreibt die Psyche einer zerrissenen Person, wobei die Ver\u00e4nderung der mentalen Zust\u00e4nde durch Ver\u00e4nderung der harmonischen Sprache veranschaulicht wird.\u201c<\/p>\n            <\/div>\r\n            <div class=\"col col-custom-2\">\r\n\t\t\t\t<figure id=\"attachment_605\" aria-describedby=\"caption-attachment-605\" class=\"wp-caption alignnone\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-605 size-full\" src=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/srgb_chin_unsuk_233050105.jpg\" alt=\"\" width=\"912\" height=\"1368\" srcset=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/srgb_chin_unsuk_233050105.jpg 912w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/srgb_chin_unsuk_233050105-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/srgb_chin_unsuk_233050105-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/srgb_chin_unsuk_233050105-768x1152.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 912px) 100vw, 912px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-605\" class=\"wp-caption-text\">Unsuk Chin, Komponistin \/ 09.06.2013 \/ WDR \/ Koeln<\/figcaption><\/figure>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Text von Guido Fischer zum Anlass der Produktion von Unsuk Chins Ensemblewerk<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":602,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"categories":[89,92,90],"tags":[],"class_list":["post-600","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-portraet","category-werktext"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/600","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=600"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/600\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7144,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/600\/revisions\/7144"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/602"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=600"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=600"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=600"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}