{"id":2374,"date":"2021-09-28T16:12:35","date_gmt":"2021-09-28T14:12:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/?p=2374"},"modified":"2021-11-29T10:06:35","modified_gmt":"2021-11-29T09:06:35","slug":"stockhausens-klavierstuecke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/blog\/stockhausens-klavierstuecke\/","title":{"rendered":"Stockhausens &#8222;Klavierst\u00fccke&#8220;"},"content":{"rendered":"<div class=\"ce ce-onecol \" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col\">\r\n\t\t\t\t<p><strong>Benjamin Kobler<\/strong> erweitert die Sammlung an <strong>Stockhausen<\/strong>s Klavierst\u00fccken bei <a href=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/label\/work\/\">Label Musikfabrik<\/a>. In unserem Interview spricht der Pianist \u00fcber seine Verbindung zu den Kompositionen und seine Arbeit mit Stockhausen selbst.<\/p>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"ce ce-twocol pt-medium\" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col col-custom-1\">\r\n\t\t\t\t<h5><strong>Du hast bereits die <em>Klavierst\u00fccke VII<\/em> bis <em>XI<\/em> aufgenommen. Nun folgen <em>I<\/em> bis <em>V<\/em>. Was fasziniert dich an diesem Zyklus?<\/strong><\/h5>\n<p>Mich fasziniert an dem Zyklus der <em>Klavierst\u00fccke<\/em>, dass er in einer kompositorisch sehr aufregenden und offenen Zeit entstanden ist, in der die Komponisten des Serialismus in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts in einer experimentellen Offenheit ihre ganz eigene Musiksprache auf einer Entdeckungsreise ins Neue und Unbekannte entwickelt haben. Sehr begeistert bin ich davon, dass Stockhausen eine pers\u00f6nliche und unverwechselbare Tonsprache gefunden hat, und im Verlaufe des Zyklus sich das individuelle daran immer deutlicher heraus sch\u00e4lt. Es beginnt bei den ersten St\u00fccken, die sehr radikal die Musik auf ihre grundlegenden Parameter Tonh\u00f6he, Tondauer und Intensit\u00e4t herunterbrechen. Fortfolgend werden einzelne T\u00f6ne bzw. Tonpunkte in Gruppen zusammengefasst und so nach und nach in immer zunehmender Komplexit\u00e4t angeordnet, bis dann ab dem <em>Klavierst\u00fcck VII<\/em> ganz spezielle Klanglichkeiten mit wundersch\u00f6nen Flageolettresonanzen zum Tragen kommen. Ganz besonders ist auch die wahnwitzige und hoch virtuose Verwendung von Clustern im <em>Klavierst\u00fcck X<\/em>, die ohne Vorl\u00e4ufer ist, das Klavier auf eine einzigartige Weise zum Klingen bringt und den Interpreten eine k\u00f6rperlich derart neue Spielsituation mit dem Instrument erleben l\u00e4sst, dass es eine wahre Freude ist.<\/p>\n<p>Auch heute noch, fast 60 Jahre nach ihrem Entstehen und 25 Jahren nach dem Beginn meiner pers\u00f6nlicher Besch\u00e4ftigung mit ihnen, h\u00f6re ich diese St\u00fccke als ungebrochen modern, frisch und voller Vitalit\u00e4t. Besonders die Neugier auf Unbekanntes und die bei dieser Suche auftauchenden unerwarteten Sch\u00f6nheiten inspirieren mich immer wieder aufs Neue. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich z\u00e4hlt der Zyklus der <em>Klavierst\u00fccke<\/em> von Stockhausen zu den Meilensteinen des Repertoires im 20. Jahrhundert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><strong>Karlheinz Stockhausen schrieb die <em>Klavierst\u00fccke<\/em> \u00fcber einen Zeitraum von \u00fcber 50 Jahren. W\u00fcrdest du trotzdem sagen, dass sie ein zusammenh\u00e4ngender Zyklus sind? Was verbindet die St\u00fccke?<\/strong><\/h5>\n<p>Stockhausen komponierte seine Klavierst\u00fccke \u00fcber diesen gro\u00dfen Zeitraum, wenn man die <em>Klavierst\u00fccke XII &#8211; XIX<\/em>, die aus dem Opernzyklus &#8222;LICHT&#8220; stammen, und den Zyklus &#8222;NAT\u00dcRLICHE DAUERN&#8220; dazu z\u00e4hlt. Es sind nicht alle diese Klavierst\u00fccke von ihm als ein einheitlicher Zyklus gedacht. Allerdings verbinden einige Elemente diese St\u00fccke, zum Beispiel:<\/p>\n<p>&#8211; die architektonische Herangehensweise an die musikalische Form<\/p>\n<p>&#8211; die innere Ruhe, sehr lange Nachkl\u00e4nge und Pausen zuzulassen<\/p>\n<p>&#8211; eine spezifische Form von Affinit\u00e4t zum Klavierklang<\/p>\n<p>&#8211; eine quasi physikalisch-akustisch-wissenschaftliche Analyse des Klangs durch die Komposition<\/p>\n<p>&#8211; eine durch und durch klar und heiter gestimmte Atmosph\u00e4re<\/p>\n<p>&#8211; eine pianistisch gedachte Klangsprache, die das Spielen der St\u00fccke vom instrumental technischen Gesichtspunkt her sehr nat\u00fcrlich machen.<\/p>\n<p>Die St\u00fccke, die ich f\u00fcr das Label aufgenommen habe, also die St\u00fccke <em>I<\/em> bis <em>XI<\/em>, waren tats\u00e4chlich von Anfang als ein Zyklus konzipiert. Sie alle teilen die gleiche Klangsprache und verwenden dieselben konstruktiven Techniken beim Komponieren. Ohne hier zu weit ausholen zu wollen, kann man verk\u00fcrzt sagen, dass sehr viele Elemente der Kompositionen durch Zahlenreihen von 1 bis 6, die in magischen Quadraten angeordnet sind, gesteuert werden.<\/p>\n            <\/div>\r\n            <div class=\"col col-custom-2\">\r\n\t\t\t\t<h5><strong>Stockhausen hat von den <em>Klavierst\u00fccken<\/em> als \u201emeine Zeichnungen\u201c gesprochen. Kann man sie als Skizzen oder Studien in anderen, gro\u00dfformatigeren Werke wieder erkennen? <\/strong><\/h5>\n<p>Den Begriff &#8222;meine Zeichnungen&#8220; f\u00fcr die <em>Klavierst\u00fccke<\/em> habe ich immer so aufgefasst, dass Stockhausen damit sagen wollte, dass man in ihnen seine Musik wie auf den Kern reduziert wahrnehmen kann, und in dieser Reduktion der Mittel wie durch ein Brennglas die entscheidenden Absichten wom\u00f6glich sogar deutlicher wahrzunehmen sind. In den elektronischen St\u00fccken, den Kammermusik- und Orchesterwerken finden sich die gleichen musikalischen Prinzipien wieder, die St\u00fccke aus dieser Zeit sind ja alle mit der gleichen Kompositionstechnik geschrieben, nur klingt hier alles opulenter und reichhaltiger. So wie in der Malerei vergleichbar der Unterschied zwischen einer Bleistiftzeichnung und einem farbigem \u00d6lbild zu sehen w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><strong>Du hast \u00fcber viele Jahre mit <em>Stockhausen <\/em>zusammengearbeitet. Wie hast du die Zusammenarbeit empfunden? <\/strong><\/h5>\n<p>Als junger Student haben mich mehrere Konzerte mit Musikern, die intensiv mit K. Stockhausen gearbeitet haben, tief beeindruckt. Die Aneignung der Kompositionen bis ins letzte Detail, das auswendige Spielen dieser modernen und komplizierten Partituren, die totale Verinnerlichung des Notentextes und die Hingabe beim Spiel hoben sich f\u00fcr mich deutlich und erfrischend von anderen Konzerten neuer Musik ab, die ich damals h\u00f6rte. So erwuchs mit der Zeit der immer dringlicher werdende Wunsch, dem Geheimnis dieser intensiven Interpretationen auf den Grund zu gehen, und wom\u00f6glich selbst meinen eigenen Weg in diese Richtung einzuschlagen. Ab 1998 hatte ich dann gl\u00fccklicherweise die Gelegenheit, durch die Stockhausen-Kurse in K\u00fcrten in direkten Kontakt mit Stockhausen zu kommen, und in der Folge entwickelte sich eine pers\u00f6nliche Zusammenarbeit, der ich ungeheuer viele Impulse f\u00fcr meine weitere musikalische Entwicklung und k\u00fcnstlerische Formung verdanke. Wir haben gemeinsam viele Urauff\u00fchrungen neuer Werke erarbeitet, und neben den Werken &#8222;Kontakte&#8220; und &#8222;Mantra&#8220; auch unz\u00e4hlige Stunden in den Proben und Auff\u00fchrungen der <em>Klavierst\u00fccke <\/em>verbracht. Stockhausen konnte einerseits durch sein eigenes Beispiel zeigen, wie genau er Tempi, Lautst\u00e4rken, Artikulationen etc. sich sowohl vorstellen konnte als auch h\u00f6rend zu kontrollieren in der Lage war. Wenn er in einem St\u00fcck das Tempo Achtel gleich 40 schrieb, dann wollte er auch genau dieses Tempo h\u00f6ren und kein anderes, und konnte dieses in der Probe m\u00fchelos sofort im richtigen Tempo vorsingen, und dem Spieler auf seine Abweichung (schnelleres oder langsameres Tempo) hinweisen. Andererseits konnte er durch seine minuti\u00f6se und in ihrer Intensit\u00e4t und Unbedingtheit nie nachlassenden Arbeitsweise die mit ihm arbeitenden Musiker dazu in die Lage versetzen, genau diese F\u00e4higkeiten der Pr\u00e4zision und Kontrolle zu erlangen.<\/p>\n<figure><img decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2378 size-full\" src=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Stockhausen-KH-218530129a.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"831\" srcset=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Stockhausen-KH-218530129a.jpg 1000w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Stockhausen-KH-218530129a-300x249.jpg 300w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Stockhausen-KH-218530129a-768x638.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Interview mit Benjamin Kobler \u00fcber Karlheinz Stockhausens Klavierst\u00fccke<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":2384,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"categories":[88],"tags":[98],"class_list":["post-2374","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-interview","tag-label"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2374","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2374"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2374\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3857,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2374\/revisions\/3857"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2384"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2374"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2374"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2374"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}