{"id":15529,"date":"2025-12-19T10:16:52","date_gmt":"2025-12-19T09:16:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/?p=15529"},"modified":"2026-01-14T15:42:24","modified_gmt":"2026-01-14T14:42:24","slug":"ein-gutes-omen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/blog\/ein-gutes-omen\/","title":{"rendered":"Ein gutes Omen"},"content":{"rendered":"<div class=\"ce ce-onecol \" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col\">\r\n\t\t\t\t<p style=\"text-align: center;\">von Marco Blaauw<\/p>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"ce ce-twocol \" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col col-custom-1\">\r\n\t\t\t\t<p>Die Position eines gesch\u00e4ftsf\u00fchrenden Intendanten des Ensemble Musikfabrik ist eine komplexe Aufgabe. Sie verlangt ein gutes Balancieren zwischen der internen Arbeit im Ensemble und der externen Verantwortung, tragf\u00e4hige Beziehungen aufzubauen: zum Publikum, zu F\u00f6rderern sowie zur wechselhaften Welt der Veranstalter:innen, Festivals, Kurator:innen und Produzent:innen.<\/p>\n<p>Es ist zweifellos eine spannende Aufgabe, in der viel Risiko steckt. Neue Musik lebt mit der st\u00e4ndigen M\u00f6glichkeit des Scheiterns. Ensemble Musikfabrik kennt das Scheitern. Ohne Absicht entstehen in unserer Arbeit immer wieder Scheiterhaufen \u2013 kleine und gro\u00dfe, sichtbare und versteckte. Manche haben deutliche Spuren hinterlassen, andere waren am n\u00e4chsten Tag schon vergessen. Obwohl Scheitern schmerzt und Narben hinterl\u00e4sst, w\u00fcrden viele von uns sagen, dass gerade diese Erfahrungen uns letztlich gro\u00df und stark gemacht haben. Trotzdem bleibt die Frage, wie oft man scheitern darf. Wie gro\u00df darf der Scheiterhaufen werden?<\/p>\n<p>Lieber Thomas,<br \/>\ndu bist zwei Mal zu uns gekommen in Momenten, in denen das Ensemble mittendrin war, diese Fragen zu stellen. Das erste Mal war im Jahr 2001: Am 6. M\u00e4rz 2000 spielten wir beide gemeinsam beim Ensemble Modern eine Auff\u00fchrung der Dreigroschenoper<br \/>\nunter der Leitung von HK Gruber im Konzerthaus Berlin. In der Pause sa\u00dfen wir mit einer gro\u00dfen Tasse Filterkaffee in der Kantine an der Theke und haben l\u00e4nger als sonst miteinander gesprochen. Ich wollte verstehen, wie es dir ging, nachdem du eine Zeit lang die Interims-Gesch\u00e4ftsfu\u0308hrung beim Ensemble Modern \u00fcbernommen hattest \u2013nat\u00fcrlich mit der Absicht, dein Interesse f\u00fcr die Musikfabrik zu wecken. Du hast mir damals nichts Eindeutiges gesagt, aber ich bekam dein Interesse klar genug zu sp\u00fcren, sodass ich direkt unsere damaligen Vorst\u00e4nde \u2013 Thomas Oesterdiekhoff und Ulrich L\u00f6ffler \u2013 informiert habe. Thomas und Uli waren \u00fcber viele Jahre die treibenden Kr\u00e4fte des Ensembles.<\/p>\n<p>Beide haben sich danach mehrmals mit dir getroffen und dich f\u00fcr das Ensemble gewonnen. Am 17. Februar 2001 hast du den Vertrag unterschrieben. Kurz danach, am 3. M\u00e4rz, spielten wir unser Konzert zum zehnj\u00e4hrigen Bestehen der Musikfabrik<br \/>\nim Deutschlandfunk.<\/p>\n<p>Zum Geburtstag erhielten wir folgenden Gl\u00fcckwunsch:<\/p>\n<figure><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-15530\" src=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Brief-Zender-766x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"766\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Brief-Zender-766x1024.jpg 766w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Brief-Zender-224x300.jpg 224w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Brief-Zender-768x1026.jpg 768w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Brief-Zender-1149x1536.jpg 1149w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Brief-Zender-1532x2048.jpg 1532w\" sizes=\"(max-width: 766px) 100vw, 766px\" \/><\/figure>\n<p>Er hat dich gut gekannt!<\/p>\n<p>Wo stand das Ensemble? Im Jahr 1997 hatten die Musiker:innen des Ensembles sowohl die k\u00fcnstlerische als auch die gesch\u00e4ftsf\u00fchrende Leitung auf sich genommen. Nach einem langen Prozess der Selbstfindung, mit gro\u00dfen Erfolgen und harten Lernprozessen, hatten wir eine stabile Besetzung \u2013 aber einen nur m\u00e4\u00dfig gef\u00fcllten Kalender. Als du in den kleinen Turm neben der Orangerie von Schloss Benrath eingezogen bist, hast du sofort erkannt, dass das Konzept des Ensemble Musikfabrik nicht stimmte. Das Potenzial war um ein Vielfaches gr\u00f6\u00dfer als die R\u00e4umlichkeiten. Du hast nicht viel Zeit in dem Turm verbracht, sondern gr\u00f6\u00dfer gedacht: an einer stabilen Struktur gearbeitet, Wege gesucht, die individuellen Talente der Musiker:innen zu f\u00f6rdern, und bessere Arbeitsbedingungen geschaffen.<\/p>\n<p>Ein Pfeiler deiner Strategie war der Umzug nach K\u00f6ln. Du hast uns schnell von dieser Idee \u00fcberzeugt, aber ich kann mir momentan nicht mehr genau vorstellen, was f\u00fcr ein Kraftakt es gewesen sein muss, dieses Projekt umzusetzen. Au\u00dferdem hast du klar vorhergesehen, dass wir uns als Ensemble nicht international etablieren k\u00f6nnen ohne eine Konzertreihe auf einer gro\u00dfen B\u00fchne. Die intensive Zusammenarbeit mit der Kunststiftung NRW verdanken wir dir. In enger Zusammenarbeit mit Staatsministerin a. D. Ilse Brusis als Pr\u00e4sidentin der Kunststiftung NRW, Dr. Winrich Hopp, stellvertretender Generalsekret\u00e4r der Kunststiftung NRW, und Fritz Pleitgen als Intendant des Westdeutschen Rundfunks kam die Konzertreihe Musikfabrik im WDR zustande. Eine Riesenleistung, wenn wir bedenken, dass wir derzeit die Reihenkonzerte 95 und 96 vorbereiten und weit dar\u00fcber hinaus planen. Unser Archiv ist beeindruckend. 22 Saisons, mit mindestens einer gro\u00dfen Urauff\u00fchrung pro Konzert, machen den Zeitgeist der aktuellen Musik des 21. Jahrhunderts deutlich h\u00f6rbar.<\/p>\n            <\/div>\r\n            <div class=\"col col-custom-2\">\r\n\t\t\t\t<figure><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-15538\" src=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/OA109664-1024x462.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"462\" srcset=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/OA109664-1024x462.jpg 1024w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/OA109664-300x135.jpg 300w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/OA109664-768x346.jpg 768w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/OA109664-1536x693.jpg 1536w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/OA109664.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<p>Anfang 2004 hast du uns mitgeteilt, dass du deine Arbeit bei uns beenden musst. Dein Privatleben zog dich nach New York City, wo du dich zun\u00e4chst deiner Familie und sp\u00e4ter auch der Earle-Brown-Foundation gewidmet hast. Ich kann mich kaum an deinen Abschied von damals erinnern. Es ist nicht dein Stil, Aufmerksamkeit auf dich zu lenken \u2013 und so warst du auf einmal leise verschwunden.<\/p>\n<p>War das auch ein Omen?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst war es ein Schock. Du hattest jedoch ein stabiles Haus hinterlassen. Unser Vorstandsvorsitzender Thomas Oesterdiekhoff wurde von dir immer in Entscheidungsprozesse einbezogen. Es war f\u00fcr uns deshalb selbstverst\u00e4ndlich, dass er deine Position \u00fcbernahm. In den Jahren danach ist das Ensemble in raschem Tempo zu einem der wichtigsten Ensembles f\u00fcr Neue Musik herangewachsen \u2013 gipfelnd in den gro\u00dfen Produktionen KLANG (2010), SONNTAG aus LICHT (2011) und Delusion of the Fury (2013). Diese Erfolge sind zu einem gro\u00dfen Teil deiner pr\u00e4genden Arbeit der fr\u00fchen 2000er Jahre zu verdanken.<\/p>\n<p>Das zweite Mal als du zu uns gekommen bist, war ein allm\u00e4hlicher Prozess. Nachdem das Ensemble diese riesigen Gipfel erreicht hatte, entstand die gro\u00dfe Frage, in welche Richtung es weitergehen w\u00fcrde. Die Frage des Scheiterns tauchte wieder auf. Ein Gipfel ist kein guter Ort f\u00fcr einen Scheiterhaufen. Im Januar 2015 habe ich dich zuhause in Brooklyn besucht. Wir tranken einen sehr guten Kaffee, ich legte dir unsere Fragen vor und versuchte gleichzeitig herauszufinden, wo du gerade im Leben stehst. Das Ensemble war im Wandel. Wir suchten Expertise \u2013 jemanden, der helfen konnte, Ver\u00e4nderungen in sichere Bahnen zu lenken.<\/p>\n<p>Bei einem ersten Besuch als Berater, hast du gr\u00f6\u00dftenteils dieselbe Gruppe vorgefunden, die du 2004 verlassen hattest. Das Ensemble hatte sich jedoch stark ver\u00e4ndert: erfahrener, selbstbewusster, mit klaren Vorstellungen und Erwartungen. Gleichzeitig gab es aber gro\u00dfe Unsicherheiten: Das Wachstum verlangte nach neuen Impulsen.<br \/>\nW\u00e4hrend dich 2004 dein Familienleben nach New York gezogen hatte, war im Herbst 2017 dein j\u00fcngster Sohn im College \u2013 dein Nest wurde leer. Und wir alle haben uns sehr gefreut, als du wieder Zeit und Lust hattest, zu uns zu kommen. Diesmal in einer neuen Form: nicht Vollzeit, sondern in Teilzeit, mit gro\u00dfem Fokus auf ganz bestimmte Aufgaben. Deine Arbeit war sofort in der Atmosph\u00e4re sp\u00fcrbar. Der neue Fokus f\u00fchrte zu einem Arbeitsklima voller Zuversicht und Vertrauen, um Neues zu wagen.<\/p>\n<p>Zusammen mit unserem Kuratorium hast du eine politische Lobby mobilisiert, sodass sich die finanziellen Bedingungen f\u00fcr unsere Arbeit \u2013 sowohl in der Stadt K\u00f6ln als auch im Land NRW \u2013 erheblich verbessern konnten. Es folgten bewegende Jahre. Projekte, die du in die Wege geleitet hattest, wurden durch das Coronavirus ausgebremst. Der Lockdown wurde im Ensemble jedoch auch als neue Chance verstanden, und wir initiierten Audiostreams und Videoproduktionen. Du hast daraufhin sofort die Wiederbelebung unseres Studios priorisiert: In unseren R\u00e4umen war von 1993 bis 2005 VIVA beheimatet, die Deutsche Antwort auf MTV mit dem ber\u00fchmten Motto \u201eBei VIVA einfach Kamera an und schauen, was passiert\u201c. Genau das haben wir ab dem 30. M\u00e4rz 2020 gemacht \u2013 und daraus ist letztendlich ein professionelles Studio f\u00fcr Livestreams und Videoproduktionen entstanden. Ein neues Alleinstellungsmerkmal f\u00fcr das Ensemble.\u00a0<img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-15541\" src=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/OA109684-1024x687.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"687\" srcset=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/OA109684-1024x687.jpg 1024w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/OA109684-300x201.jpg 300w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/OA109684-768x515.jpg 768w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/OA109684-1536x1030.jpg 1536w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/OA109684.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/p>\n<p>Lieber Thomas, ich gratuliere dir zu dieser Zeit. Die Erfolge stehen dir hoch aufgestapelt vor der Nase. Du verl\u00e4sst uns zum zweiten Mal, und wir k\u00f6nnen ohne Z\u00f6gern feststellen, dass Hans Zender recht hatte, als er in 2001 dieses gute Omen vorhergesehen hat. Wir sind dir sehr dankbar \u2013 f\u00fcr deine Arbeit und f\u00fcr das, was du uns hinterl\u00e4sst. Es gibt momentan wahrscheinlich niemanden in der Neuen-Musik-Szene, der den Abstand zwischen New York und K\u00f6ln genauer versteht: Die vielen Kilometer, der Zeitunterschied, die kulturellen, ethischen und \u00e4sthetischen Unterschiede \u2013 all das hast du, so schien es uns, immer mit bemerkenswerter Leichtigkeit \u00fcberbr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Jetzt verbringst du m\u00f6glicherweise wieder mehr Zeit dort dr\u00fcben. Wir hoffen jedoch, dass unsere Beziehung bestehen bleibt. Wir werden gespannt auf Dein Festival TIME:SPANS schauen \u2013 das, wie Classical Voice North America schreibt, \u201eprobably the only really successful contemporary festival of this magnitude in the city\u201c \u2013 uns scheint es mit Abstand das wichtigste Festival f\u00fcr neue Musik in der USA.<\/p>\n<p>Ein gutes Omen f\u00fcr die Kunstmusik.<br \/>\nDir, Thomas, wollen wir alles Gute w\u00fcnschen!<\/p>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"ce ce-headline pt-large align-center\">\n    <div class=\"container\">\n        <div class=\"row\">\n            <div class=\"col\">\n\t\t\t\t<h2>Die Kraft Nein zu sagen<\/h2>            <\/div>\n        <\/div>\n    <\/div>\n<\/div>\n<div class=\"ce ce-onecol \" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col\">\r\n\t\t\t\t<p style=\"text-align: center;\">von Lukas Hellermann<\/p>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"ce ce-twocol \" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col col-custom-1\">\r\n\t\t\t\t<p>Gemeinsame Wege beginnen oft unscheinbar. Viele Begegnungen zeigen ihre Bedeutung erst im R\u00fcckblick.<\/p>\n<p>Und doch habe ich dieses Bild noch vor mir, als Student der Musikwissenschaft, der im Notenarchiv von Ensemble Musikfabrik aushilft \u2013 in der Orangerie Schloss Benrath bei D\u00fcsseldorf.<\/p>\n<p>Das B\u00fcro des Ensembles: ein T\u00fcrmchen am Eingang zum Schlossgel\u00e4nde, vielleicht 5 x 5 Meter, unten zwei Schreibtische, oben \u2013 \u00fcber eine steile, fast abenteuerliche Treppe \u2013 die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung.<\/p>\n<p>Aus meinem stuckverzierten Archivraum bin ich durch den Schlosspark zum Turm gegangen, kraxle die Treppe hoch, und da sitzt jemand ruhig in der Ecke. Thomas, unser der Schlagzeuger und Interims-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer stellt vor: Thomas Fichter. Der wird unser Intendant. 25 Jahre ist das her.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein langer, pr\u00e4gender gemeinsamer Weg da begann &#8211; mir war es damals nicht bewusst. Und noch weniger, was das f\u00fcr das Ensemble bedeuten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das Ensemble war \u2018klein\u2019 geworden, wie dieses R\u00e4umchen im T\u00fcrmchen. 10 Jahre nach seiner Gr\u00fcndung mit hohem kulturpolitischem Anspruch, nach wirtschaftlicher Krise und Palastrevolution, in der die Musiker:innen die k\u00fcnstlerische Leitung ergriffen hatten.<\/p>\n<p>Und in dem kleinen Turm sitzt Thomas Fichter, der das Potential des Ensembles sah. Der bei Ensemble Modern als Musiker und als zeitweiliger Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Blut geleckt hatte. Und der das Risiko eingeht, aus uns einen Klangk\u00f6rper zu formen, der das kulturelle Erbe dieser Schl\u00fcsselformation der Neuen Musik repr\u00e4sentiert und weiterentwickelt: das Solistenensemble.<\/p>\n<p>Es war ein Moment auf Messers Schneide: k\u00fcnstlerisch endlich eigenverantwortlich, wirtschaftlich stabilisiert \u2013 aber auch nur eine Zeile in einer Streichliste des Landeshaushalts.<\/p>\n<p>Thomas hatte da schon 20 Jahre Ensemblekultur-Erfahrung. Und die Grund\u00fcberzeugung, warum ein Klangk\u00f6rper in Sinfonietta-Besetzung unverzichtbar ist: weil er kulturelles Erbe bewahrt und zugleich Labor und Plattform f\u00fcr die Weiterentwicklung der neuen Musik ist, in allen ihren Schreibweisen und Scheibarten.<\/p>\n<p>Thomas erstes \u201cRegnum\u201d brachte diese Phase einer de-facto-Neugr\u00fcndung zum Abschluss: die Verankerung in K\u00f6ln, eine eigene Konzertreihe in Partnerschaft mit Kunststiftung, WDR und K\u00f6lnMusik \u2013 und neues Vertrauen in der Politik.<\/p>\n<p>Ein fr\u00fcher H\u00f6hepunkt war f\u00fcr mich die Zusammenarbeit mit der Brooklyn Academy of Music, mit den Bang on a Can-Komponistinnen. Nicht die Premiere im WDR, nicht die Tournee in Thomas\u2019 sp\u00e4tere Wahlheimat New York \u2013 sondern die erste Probe im ehemaligen EMI-Plattenpresswerk im Maarweg. Pressekonferenz vorweg, Stellw\u00e4nde als B\u00fchnenbild, kompromisslose Video- und Tontechnik.<br \/>\nAn diesem Tag haben wir alle gesp\u00fcrt, welchem Qualit\u00e4tsanspruch wir gerecht werden k\u00f6nnen. Wir haben nicht eine zugige improvisierte Werkshalle betreten \u2013 sondern eine neue Welt.<\/p>\n<p>Als Thomas zu uns zur\u00fcckkehrte, hatte sich das Ensemble auf dem gemeinsam geschaffenen Fundament weiterentwickelt und sich durch Gro\u00dfprojekte und institutionelle Partnerschaften als eine Kraft neu etabliert, die der Szene neue Impulse gab. Ensemble Musikfabrik wurde in K\u00f6ln ein Katalysator des Wiedererstarkens der Neuen Musik im fr\u00fchen 21. Jahrhundert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n            <\/div>\r\n            <div class=\"col col-custom-2\">\r\n\t\t\t\t<figure><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-15534\" src=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/OA109723-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/OA109723-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/OA109723-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/OA109723-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/OA109723-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/OA109723-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<p>Die besondere Qualit\u00e4t von F\u00fchrung zeigt sich manchmal in der Kraft, Nein zu sagen.<br \/>\nWas ist der Auftrag eines Landesensembles f\u00fcr Neue Musik? Ein Klangk\u00f6rper, der Traditionslinien des 20 Jahrhunderts im 21. Jahrhunderts pflegt? Ja!<br \/>\nEin Ensemble, das sich in den Dienst des immer Neuen stellt? Auch ja.<br \/>\nSind wir selbst Laboranten, sind wir unsere eigene Versuchsanordnung?<\/p>\n<p>Thomas brachte in diese Welt aus \u00e4sthetischen, k\u00fcnstlerischen und gesellschaftlichen M\u00f6glichkeiten das Gesp\u00fcr, komplexe Abw\u00e4gungen zu treffen \u2013 und mit einem Nein erst den Raum f\u00fcr ein anderes Ja freizumachen. Und in entscheidenden Momenten die Schwierigkeit des Wichtigen auszuhalten.<\/p>\n<p>Er formulierte klare Kriterien, hat uns angehalten, uns Rechenschaft abzulegen \u00fcber Auftrag, Konsequenzen, Priorit\u00e4ten. Und er h\u00f6rte zu. Und lie\u00df neue Richtungen zu.<\/p>\n<p>Diesen fruchtbaren Spagat m\u00fcssen wir immer neu verhandeln: Klangk\u00f6rper sein, der sich in den Dienst der Komposition stellt, kulturelles Erbe bewahrt, vermittelt und pflegt \u2013 und gleichzeitig Labor bleibt f\u00fcr Neues, Riskantes, ein offener Raum \u2013 auch f\u00fcrs Scheitern.<\/p>\n<p>Thomas hat uns in unserer Verantwortung verankert \u2013 gegen\u00fcber Gesellschaft, Kulturpolitik \u2013 und der Realit\u00e4t. Und uns so erst erm\u00f6glicht, ins Experiment zu gehen, ohne uns zu verlieren.<\/p>\n<p>Thomas, bald musst du nicht mehr verhindern, dass wir alte Fehler neu machen \u2013 oder mit uns herausfinden, dass sie vielleicht keine Fehler mehr sind, weil die Welt sich ver\u00e4ndert. Oder weil wir so die Welt ver\u00e4ndern. Aber du hast uns ein Vierteljahrhundert begleitet und daf\u00fcr geschult.<\/p>\n<p>Vor 25 Jahren hast du mich eingeladen, eine Akademie mit Earle Brown und Hans Zender f\u00fcr das Ensemble zu organisieren \u2013 und mir damit eine Heimat gegeben. Eine Heimat, die du seitdem gesichert, gepflegt, entwickelt, moderiert, verteidigt hast.<\/p>\n<p>Und du hast eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit der Stabilit\u00e4t bewahrt, die ein Ensemble wie unseres braucht: Klarheit im entscheidenden Moment.<\/p>\n<p>Du hast nicht nur Projekte erm\u00f6glicht, sondern Strukturen geschaffen.<\/p>\n<p>Danke, Thomas \u2013 f\u00fcr das Vertrauen, das du vor 25 Jahren einem Ensemble in der Krise geschenkt hast. Danke f\u00fcr das Vertrauen, das du uns im Team jeden Tag geschenkt hast. Und Danke f\u00fcr ein St\u00fcck gemeinsames Leben.<\/p>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"ce ce-headline align-center\">\n    <div class=\"container\">\n        <div class=\"row\">\n            <div class=\"col\">\n\t\t\t\t<h2>Wanderer zwischen zwei Welten<\/h2>            <\/div>\n        <\/div>\n    <\/div>\n<\/div>\n<div class=\"ce ce-onecol \" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col\">\r\n\t\t\t\t<p style=\"text-align: center;\">von Thomas Baerens<\/p>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"ce ce-twocol \" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col col-custom-1\">\r\n\t\t\t\t<p>Lieber Thomas,<\/p>\n<p>als Wanderer zwischen zwei Welten (die sich gerade ungeahnt einander entfremden) hast Du in den vergangenen Jahren die Musikfabrik, ob nah oder fern, mit sicherer Hand geleitet. Von au\u00dfen betrachtet, also aus meiner Sicht, war deine Pr\u00e4senz auch von NY oder auch Frankreich aus immer gew\u00e4hrleistet, und auch bei physischer Abwesenheit waren deine Kommnikationsf\u00e4higkeit und dein Kommunikationswille nicht gemindert. Soll hei\u00dfen, ich habe immer mit dir sprechen k\u00f6nnen und erfahren, was ich wollte, musste oder auch sollte.<\/p>\n<p>Kennengelernt haben wir uns vor vielen Jahren in Donaueschingen, abends, nach einem langen Konzerttag, ein kleiner Gipfel, der drei Ts zusammenbrachte, dich, deinen damaligen Nachfolger und sp\u00e4teren Vorg\u00e4nger Thomas Oesterdiekhoff, und mich, und ich war sehr froh, einige Jahre sp\u00e4ter, als L\u00f6sung der damals interimsweise f\u00fchrungslosen Zeit, mit dir daran ankn\u00fcpfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was macht einen guten Intendanten aus? Diese Frage werden sicher gleich Lukas f\u00fcr die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung wie auch Marco f\u00fcr das Ensemble kompetenter als ich beantworten, aber auch f\u00fcr die F\u00f6rderer wie mich, seit einem guten Jahr jetzt Kurator, sind klare Strukturen, direkte Kommunikationswege und nachvollziehbare Pl\u00e4ne entscheidende und oft auch beruhigende Faktoren. Was also ist es? Man muss nicht Thomas hei\u00dfen, aber es schadet auch nicht. Die pers\u00f6nliche Qualit\u00e4ten, deine Qualit\u00e4ten, lassen sich daran festmachen, was im Inneren und im \u00c4u\u00dferen eines Ensembles, was in der Musikfabrik, einem der besten zeitgen\u00f6ssischen Ensembles der Welt, geschieht, was m\u00f6glich ist, welcher k\u00fcnstlerische Weg entwickelt wird, welche Formate ausprobiert werden, welche Kooperationen stattfinden, welche KomponstInnen f\u00fcr das Ensemble schreiben, wo in der Welt Auff\u00fchrungen der Musikfabrik stattfinden. Die Liste der St\u00fccke, der KomponistInnen, der Orte, der SolistInnen, die sich im Repertoire und in der Konzertagenda wiederfinden, sprechen da eine eindeutige Sprache. Mit Thomas Fichter ist es der Musikfabrik gelungen, aus dem Corona-bedingten Zusammenbruch des Konzertgeschehens lebendig wieder hervorzukommen und bei allen immer noch sp\u00fcrbaren Folgen dieser Zeit ein ma\u00dfgeblicher Teil der Fortentwicklung der Musik zu bleiben.<\/p>\n<p>Wir haben viel \u00fcber die oftmals zu gering erscheinende Pr\u00e4senz der Musikfabrik in Nordrhein-Westfalen gesprochen, und auch das hat sich ver\u00e4ndert. Unter anderem die Reihe Musikfabrik im WDR \u2013 Dank an die Kunststiftung NRW! \u2013 hat \u00fcber lange Zeit die Innovationslust wie auch den Willen zu vielf\u00e4ltigem Repertoire gen\u00e4hrt und regelm\u00e4\u00dfig den Stand des Ensembles im Herzen von K\u00f6ln pr\u00e4sentiert. Adventures oder Composer collider machen den professionellen Nachwuchs vertraut mit Auff\u00fchrungspraxis und Produktionsweise in der neuen Musik. Die Montagskonzerte laden alle zur Werkschau ein. Und auch das Thema Generationswechsel im Ensemble wurde und wird von dir behutsam und mit h\u00f6chsten k\u00fcnstlerischen wie auch menschlichen Anspr\u00fcchen umgesetzt.<\/p>\n            <\/div>\r\n            <div class=\"col col-custom-2\">\r\n\t\t\t\t<figure><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-15707\" src=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Thomas-Baerens-\u00a9-Golnar-Zeighami-.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"533\" srcset=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Thomas-Baerens-\u00a9-Golnar-Zeighami-.jpg 800w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Thomas-Baerens-\u00a9-Golnar-Zeighami--300x200.jpg 300w, https:\/\/www.musikfabrik.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Thomas-Baerens-\u00a9-Golnar-Zeighami--768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n<p>Regelm\u00e4\u00dfig sa\u00dfen wir in New York, deinem Wohnort, zusammen, immer im Januar, meist wenn eisiger Frost und Schnee der Stadt einen etwas ruhigeren Puls brachten, in Fr\u00fchst\u00fcckscafes, bei Konzerten (auch ganz schlechten, wenn ich mich an das letzte Jahr erinnere\u2026), oder auch in deiner sch\u00f6nen Wohnung, vor der aus man nach Westen blickend den Atlantik sehen kann, wo hinter dem Horizont irgendwo Europa liegt. Insofern ist es vielleicht kein Wunder, dass unser (CM, IPP und mein) Abschiedsgeschenk mit Wasser zu tun hat\u2026<\/p>\n<p>Neben deinem eigenen sommerlichen Festival in New York, und das hat mich beeindruckt, blieb und bleibt der Bass dein wichtiger Weggef\u00e4hrte. Das Instrument ist immer in deinem Gep\u00e4ck (und auch in deinem Kopf), und ich finde, auch das macht einen guten Intendanten aus, der seine Neugier nicht verliert und der ein St\u00fcck Erdung aus der fortgesetzten Besch\u00e4ftigung mit seinem Instrument zieht.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele Gespr\u00e4che, f\u00fcr viele Begegnungen, vor allem f\u00fcr uneingeschr\u00e4nktes Vertrauen, lieber Thomas, sage ich aus tiefem Herzen DANKE! Und es geht ja weiter. Ein beruflicher Wechsel in vergleichsweise jungen Jahren l\u00e4sst ja viele M\u00f6glichkeiten offen\u2026Ich bin neugierig auf deine Neugier, jenseits der Musikfabrik, und freue ich auf unsere zuk\u00fcnftigen Begegnungen, ohne Kl\u00e4rungs- und Regelungsbedarf, nur f\u00fcr uns!<\/p>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reden von Marco Blaauw, Lukas Hellermann und Thomas Baerens zum Abschied von Thomas Fichter am 25. 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