{"id":12807,"date":"2024-02-22T10:52:34","date_gmt":"2024-02-22T09:52:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/?p=12807"},"modified":"2024-02-22T11:00:10","modified_gmt":"2024-02-22T10:00:10","slug":"die-stimmen-hoerbar-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/blog\/die-stimmen-hoerbar-machen\/","title":{"rendered":"Die Stimmen h\u00f6rbar machen"},"content":{"rendered":"<div class=\"ce ce-onecol \" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col\">\r\n\t\t\t\t<p>Marco Blauuw im Gespr\u00e4ch zu seinem Montagskonzert &#8222;<a href=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/kalender\/montagskonzert-ukraine\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">In the Cage<\/a>&#8222;\u2013 \u00fcber seine Beweggr\u00fcnde sich mit zeitgen\u00f6ssischer Musik aus der Ukraine zu besch\u00e4ftigen und seine Zusammenarbeit mit den Komponist*innen Anna Arkushyna, Anton Koshelev und Anna Korsun:<\/p>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"ce ce-twocol pt-small\" >\r\n    <div class=\"container\">\r\n        <div class=\"row\">\r\n            <div class=\"col col-custom-1\">\r\n\t\t\t\t<p><i><span style=\"font-weight: 400;\">Warum besch\u00e4ftigst du dich jetzt mit K\u00fcnstler*innen und Komponist*innen zeitgen\u00f6ssischer Musik aus der Ukraine?<\/span><\/i><\/p>\n<p><b>Marco Blaauw: <\/b><span style=\"font-weight: 400;\">Es ist schon zehn Jahre her, dass die Krim \u00fcberfallen wurde. Und jetzt hat sich seit zwei Jahren der Krieg \u00fcber das ganze Land ausgebreitet und eigentlich ist die ganze Welt mehr oder weniger involviert. Es wird aber immer weniger in den Medien thematisiert, so meine Empfindung.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Ich selber habe das Gef\u00fchl, dass wir als Zuschauerinnen und Zuschauer nicht so richtig wissen, was wir tun k\u00f6nnen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Ich glaube, unsere m\u00e4chtigste Waffe gegen den Krieg ist vielleicht die Kultur, in unserem Fall die Musik.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Deswegen habe ich seit dem \u00dcberfall auf die Ukraine im Februar 22, angefangen, mich viel mehr mit der Neuen Musik aus der Ukraine zu besch\u00e4ftigen. Ich habe daf\u00fcr auch Hilfe bekommen unter anderem von <a href=\"https:\/\/www.annakorsun.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Anna Korsun<\/a> \u2013 sie hat mir eine Art Wegweiser gegeben.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Ich war auch der Ansicht, dass es gut und wichtig w\u00e4re, Komponist*innen aktiv zu beauftragen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Anfangs konnte ich mit einem eigenen Budget Anton Koshelev einen kleinen Auftrag geben. Adrian Mokanu bekam danach einen, finanziert von der <a href=\"https:\/\/iandifoundation.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">I&amp;I foundation<\/a> und uraufgef\u00fchrt im Rahmen des Konzerts \u201c<a href=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/kalender\/wavespace-madrigale\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wavespace<\/a>\u201d im letzten November. Mithilfe der <a href=\"https:\/\/www.kunststiftungnrw.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kunststiftung NRW<\/a> konnte ich dann Auftr\u00e4ge an Anna Korsun, Anna Arkushyna und einen weiteren an Anton Koshelev vergeben.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"font-weight: 400;\">Wie ist die Zusammenarbeit bisher?<\/span><\/i><\/p>\n<p><b>MB:<\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> Die Arbeit von Anton Koshelev wird sehr bestimmt von den Folgen des Krieges. Er musste sein Zuhause in Odessa verlassen und konnte in der Schweiz aufgenommen werden. Die Hochschule Luzern hat ihm geholfen, dort eine Wohnung zu finden und sein Leben langsam aufzubauen. Aber ich merke, wie schwer das ist. Die Arbeit kommt dementsprechend langsam voran. Er hat vieles vor, aber es ist sehr schwierig, in diesen Umst\u00e4nden etwas konkret umzusetzen. Es ist ja klar, wenn deine Wurzeln aus der Erde gezogen werden, dann hat man wenig Halt und man schwimmt erstmal im Geist und auch im K\u00f6rper. Man kann gar kein Fu\u00df fassen \u2013 die Familie ist weit weg, die Sprache ist fremd, die Kultur ist fremd. &#8222;Wo bin ich?&#8220; ist die gro\u00dfe Frage. Das \u00e4u\u00dfert sich in seinem Fall auch im Komponieren, indem er st\u00e4ndig nach der richtigen Sprache sucht. Wir stehen seit 2022 oft im Austausch. Er hat mir immer wieder Skizzen geschickt, \u00fcber die wir sprachen, die ich auch versucht habe aufzuf\u00fchren \u2013 ein Konzert gab es auch schon.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">In der ersten Fassung seines Solowerks <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Lonely courage<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\"> hat er bewusst zwei ganz unterschiedliche Notationsweisen benutzt. Eine Grafische, in der auch viel Sprache enthalten war, und eine, so wie wir es kennen, in konventioneller Notenschrift. Nach der ersten Probe war er damit ungl\u00fccklich und hat weitergeforscht. Jetzt ist die Partitur eine Art Mischung von beiden Notationssprachen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Auch mit <a href=\"https:\/\/www.annaarkushyna.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Anna Arkushyna<\/a> ist die Zusammenarbeit super interessant. Sie ist eine sehr produktive Komponistin. Sie lebt in Graz und hat dort auch studiert. Bevor sie mit dem Trio <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Crown Shyness<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\"> anfing, war sie beim IRCAM in Paris.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Es ist das erste Mal, dass sie Kammermusik f\u00fcr Blechbl\u00e4ser komponiert. Man merkt an allem, dass sie schon sehr erfahren ist. Sie schreibt vor allem f\u00fcr Stimmen. Das, was sie sich f\u00fcr uns Blechbl\u00e4ser vorgestellt hat, ist sehr einzigartig, virtuos und farbenreich, war aber nicht alles physisch f\u00fcr uns umzusetzen. Nach der ersten Probe hat sie viel korrigiert und\u00a0 umgeschrieben. Das ist aber normal in so einem Prozess.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"font-weight: 400;\">Sind denn die Themen, die du vorhin angesprochen hast, z.B. Verlust und Entwurzelung, was gerade alle drei Komponisten umtreibt?\u00a0<\/span><\/i><\/p>\n<p><b>MB:<\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> Ich bin da sehr z\u00f6gerlich.Es ist ja unser Blick auf die Situation. Wir schauen auf die Ukraine als ein gro\u00dfes Land, aber es ist nat\u00fcrlich ein Land mit vielen Kulturen und unterschiedlichen Sichtweisen, unterschiedlichen Beziehungen zum Krieg. Was, glaube ich, aber extrem wichtig ist und was wir als Musikfabrik vielleicht noch mehr machen k\u00f6nnen, ist, diese kulturellen \u00c4nderungen, Entwicklungen und Reaktionen auf den Krieg zu verst\u00e4rken und thematisieren. Ich habe das Gef\u00fchl, wir k\u00f6nnten da noch viel mehr lernen und so vielleicht auch vielen Ukrainer*innen eine Stimme geben.<\/span><\/p>\n            <\/div>\r\n            <div class=\"col col-custom-2\">\r\n\t\t\t\t<p><span style=\"font-weight: 400;\">Es ist eine absolut grausame Situation, aus der es momentan eigentlich kaum einen Ausweg zu geben scheint. Und wie \u00fcberlebt man eigentlich? Wie kann man alles was da passiert, so viel Destruktion, verarbeiten? Ich glaube immer noch, dass Musik ein ganz kr\u00e4ftiges Werkzeug ist, um Traumata zu verarbeiten, es kann helfen Abstand zu gewinnen und vielleicht sogar etwas zu verstehen, oder auch einfach nur Trost bieten. Ein Mensch braucht Trost und Sch\u00f6nheit, sonst gibt es keinen Grund mehr, in die Zukunft zu schauen.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"font-weight: 400;\">Wir h\u00f6ren in dem Konzert zwei Werke von Anna Arkushyna &#8222;The Song of Future Human&#8220; aus dem Jahr 2015 und eine Urauff\u00fchrung von &#8222;Crown Shyness&#8220; aus diesem Jahr. <\/span><\/i><i><span style=\"font-weight: 400;\">Hast du schon in beide St\u00fccke reingeh\u00f6rt und kannst sagen, ob sich in ihrem Werk irgendwas ver\u00e4ndert hat? Oder worin sie sich unterscheiden?<\/span><\/i><\/p>\n<p><b>MB:<\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> Das w\u00fcrde ich die Komponistin gerne fragen. Ich kann das nicht momentan nicht beurteilen, aber das ist eine interessante Frage f\u00fcr sie bei der Einf\u00fchrung, bei der alle drei anwesend sein werden.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Ich habe viele Werke von ihr geh\u00f6rt und bin ihre Werkliste m\u00f6glichst genau durchgegangen. Es ist viel zug\u00e4nglich im Internet, auf YouTube und Soundcloud. Zusammen mit Maxime Morel habe ich Werke selektiert, was interessant und passend w\u00e4re. Und dann habe ich geguckt, was gerade im Ensemble zu uns passt. Also, wer von den Musiker*innen steht zur Verf\u00fcgung und wie k\u00f6nnen wir Kolleg*innen involvieren. So wurde das Werk ausgesucht.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"font-weight: 400;\">Und wie bist du auf Anna Korsun gekommen?<\/span><\/i><\/p>\n<p><b>MB:<\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> Annas Werk kannte ich schon. Ich wusste, dass sie oft zum Unterrichten in Amsterdam ist. Ich finde sie ist eine super interessante Komponistin. Deswegen war es f\u00fcr mich relativ einfach, dort Kontakt herzustellen. Gesprochen haben wir uns direkt nach dem russischen Angriff im Jahr 2022 \u2013 was immer noch so absurd klingt, wenn man das sagt. Es kann doch nicht wahr sein, dass das wirklich passiert ist, aber es ist so.\u00a0 Es ist danach auf einmal sehr viel in den Gang gekommen f\u00fcr die ukrainische Kultur. Ich bef\u00fcrchte aber, dass das Interesse nachl\u00e4sst, weil der Krieg l\u00e4nger dauert. Es gibt aber \u00fcberhaupt keinen Grund, da irgendwie nachzulassen. Ganz im Gegenteil: Wenn wir jetzt genauso viel investieren w\u00fcrden in die Kultur wie in Waffen, dann w\u00e4re ich sehr neugierig, was passieren w\u00fcrde. Auf menschlicher Ebene, aber auch f\u00fcr die Identit\u00e4t der Ukraine. Ich glaube, diese w\u00fcrde viel st\u00e4rker dastehen, wenn sie mehr Pr\u00e4senz h\u00e4tte.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"font-weight: 400;\">Ist das auch dein Ziel mit diesem Konzert? Die Pr\u00e4senz der Ukraine steigern?<\/span><\/i><\/p>\n<p><b>MB:<\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> Naja, also ein Montagskonzert kann nicht so viel bewegen. Aber es sind kleine Tropfen, winzig kleine Tropfen. Und f\u00fcr mich ist es pers\u00f6nlich super interessant, immer neue Kulturen kennenzulernen. Aber auch neue Komponist*innen kennenzulernen, neue Musiksprachen kennenzulernen und zu sehen, was wir da beitragen k\u00f6nnen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Es geht in dem Konzert darum, die Stimmen h\u00f6rbar zu machen.<\/span><\/p>\n<p><a class=\"btn-cta\" href=\"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/kalender\/montagskonzert-ukraine\/\">Weitere Informationen<\/a><\/p>\n<p><a class=\"btn-cta\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/live\/KKXtor7ArjQ?si=tmm9MCpWP2slS2Zv\">Zum Livestream<\/a><\/p>\n            <\/div>\r\n        <\/div>\r\n    <\/div>\r\n<\/div>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Marco Blauuw zu seinem n\u00e4chsten Montagskonzert &#8222;In the Cage&#8220; <\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":12827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"categories":[88],"tags":[101],"class_list":["post-12807","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-interview","tag-montagskonzert"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12807","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12807"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12807\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12820,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12807\/revisions\/12820"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12807"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12807"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.musikfabrik.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12807"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}