20.12.2019

Studio Musikfabrik x Kuba: Ein Komponist darf mitreisen

Feedback-Bericht von David P. Graham

1995-2001 etwa bin ich jährlich zu einem Festival für zeitgenössische und alte klassische Musik in Camagüey, Kuba gereist, immer mit Musikern aus Deutschland, Italien und Dänemark. Immer wieder wurde uns bewiesen, dass Kuba eine klassische Seite hat es ist nicht alles Salsa, was dort erfunden wird. Es war damals alles schwierig: die US-Blockade verursachte eine periodo especial, eine Zeit, in der z.B. Stadtteile mal ohne Licht waren, oder Artikel wie Papier, Geigensaiten u. v. m. nicht zu finden waren. Trotzdem haben wir mit harmonischer Zusammenarbeit und Erfindergeist schöne Programme erstellt. Man hat immer großes Interesse an europäischen Musikentwicklungen, aber auch lateinamerikanischen gezeigt.

Ich war gespannt, zu sehen und zu hören, was 20 Jahre später die Hauptstadt bieten könnte. In der Zwischenzeit ist die periodo especial vorüber (obwohl die jüngste Blockade-Verschärfung Benzin rar macht) und La Habana neben unzähligen noch nie renovierten Straßenzügen auch viele glänzende Hochhäuser zeigt. 

Musikerziehung wie das gesamte kubanische Schul- und Studiums-System ist kostenfrei, wer begabt ist, wird unterstützt. Wir hatten als Partner die Musikschule Conservatorio Amadeo Roldán, deren Schüler etwa 14-20 Jahre alt waren. Das hübsche, renovierte Gebäude, um einen kleinen Patio im Kolonialstil dreistöckig gebaut mit modernerem Anbau, besaß eine große Aula, die uns für die gesamte Zeit für Proben zur Verfügung gestellt wurde. Die jungen kubanischen Musikerinnen wurden uns in einer von der Big Band untermalten Willkommen-Aktion vorgestellt, der Leiter der Schule Enrique Toledo dirigierte. Die kubanischen Musiker waren unterschiedlich vorbereitet und Zusatzproben für sie wurden eingerichtet. Die Gegend um diese Schule war unverfälscht kubanisch, unsere jungen Musiker konnten auch Essen und Getränke in kubanischen Pesos (25 mal günstiger als sonst) ergattern. 

Studio Musikfabrik © Janet Sinica

Wir probten an 4 Tagen; besonders als Peter Veale eintraf, war es mir ein Vergnügen, der Arbeit dieser charismatischen, stets humorvollen Vollblutmusiker zu folgen. Unsere Musiker waren eine sehr harmonische Gruppe, befreundeten sich mit den jungen Kubanerinnen schnell, lernten unter Peter ebenso schnell. Die Probenarbeit war trotz sehr hoher Geräuschpegel (es war heiß, alle Fenster und Türen waren immer auf, gleichzeitig üben hörbar viele andere im Gebäude) effizient, man lernte, Unnötiges zu filtrieren.

Das erste Konzert folgte am 7.11., im Conservatorio. Im Publikum einige VIPs des Festivals, einige Lehrer*innen der Schule, etwa 100 Schüler*innen. Mein Stück, UA, wurde wunderbar gespielt. (Übrigens komponiert für das Studio Musikfabrik aber auch in Andenken an Alexander von Humboldt in seinem Jubiläumsjahr konzipiert). Das zweite Konzert, 9.11., in einem schönen, im spanischen Stil extravagant mit Fresken dekorierten Saal (Sala conciertos Ignacio Cervantes) war auch sehr schön gespielt und gut besucht. Beide Säle hatten leider keine Klimaanlage, also blieb das Problem mit offenen Fenstern und dazugehörigen Hintergrund-Geräuschen.

Wir haben andere Konzerte des Festivals besuchen können, auch die waren gut besucht. Die Musik, die präsentiert wurde, reichte von Solo bis (Kurz-)Oper mit Sinfonieorchester und entstammte folgenden Ländern: Deutschland, Brasilien, Kolumbien, Kuba, Spanien, USA, UK, Italien, Mexiko und Russland. Klassiker der Frühmoderne, vieles, was gerade komponiert wurde aber eher relativ sanft klingt. Ein paar Avant-garde Stücke gab es auch. Wir  – mit Varèse, Harvey und die Kubaner Lopez Gavilán und Cal – präsentierten eine Europa-Kuba-Brücke. Lopez Gavilán ist Leiter des Festivals und ein angesehener Komponist und Dirigent, Wilma Alma Cal eine junge, sehr interessante Komponistin.

Insgesamt fand ich das Havanna Festival für zeitgenössische Musik sehr informativ und wertvoll, die geographische Lage lädt förmlich ein, Musik aus ganz Amerika und Europa zusammen zu bringen. Das Festival unterstreicht die “Ernst-Musik”-Seite Kubas (wobei einiges zB von Lopez-Gavilán u a gar nicht so ernst ist) und ist gut organisiert. Die äußerst aktive und unterstützungswürdige Musikschule Amadeo Roldán unterhält neben Jazz-Formationen, Big-Band etc auch 4 Sinfonieorchester (in 4 Altersgruppen geteilt). Dessen Leiter Enrique Toledo ist neben seiner Leidenschaft (Big-Band) auch Feuer und Flamme für neue Musik. Er wäre bereit, eine Gruppe für solche Aufführungen zu gründen.

Ich schlage dringend vor, eine nachhaltige Partnerschaft zwischen Studio Musikfabrik und Conservatorio Amadeo Roldan auf eine Mindestlaufzeit von etwa 5 Jahren zu initiieren, mit jährlich stattfindendem Besuch und Gegenbesuch. Akzente auf kubanische, lateinamerikanische und europäische Avantgarde. Aufführungen im jährlich (November) stattfindenden Festival und in Köln.

Wir danken David Graham sehr für seine Initiative und Unterstützung dieses neuen Projekts und hoffen auf eine baldige Wiederholung sowie erneute Reise mit ihm nach Kuba.