28.09.2021

Stockhausens "Klavierstücke"

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Benjamin Kobler © Klaus Rudolph

Benjamin Kobler erweitert die Sammlung an Stockhausens Klavierstücken bei Label Musikfabrik. Am 1. Oktober veröffentlichen wir Klavierstücke I-V zum Download und Streaming. In unserem Interview spricht der Pianist über seine Verbindung zu den Kompositionen und seine Arbeit mit Stockhausen selbst.

 

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Du hast bereits die Klavierstücke VII bis XI aufgenommen. Nun folgen I bis V. Was fasziniert dich an diesem Zyklus?

Mich fasziniert an dem Zyklus der Klavierstücke, dass er in einer kompositorisch sehr aufregenden und offenen Zeit entstanden ist, in der die Komponisten des Serialismus in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts in einer experimentellen Offenheit ihre ganz eigene Musiksprache auf einer Entdeckungsreise ins Neue und Unbekannte entwickelt haben. Sehr begeistert bin ich davon, dass Stockhausen eine persönliche und unverwechselbare Tonsprache gefunden hat, und im Verlaufe des Zyklus sich das individuelle daran immer deutlicher heraus schält. Es beginnt bei den ersten Stücken, die sehr radikal die Musik auf ihre grundlegenden Parameter Tonhöhe, Tondauer und Intensität herunterbrechen. Fortfolgend werden einzelne Töne bzw. Tonpunkte in Gruppen zusammengefasst und so nach und nach in immer zunehmender Komplexität angeordnet, bis dann ab dem Klavierstück VII ganz spezielle Klanglichkeiten mit wunderschönen Flageolettresonanzen zum Tragen kommen. Ganz besonders ist auch die wahnwitzige und hoch virtuose Verwendung von Clustern im Klavierstück X, die ohne Vorläufer ist, das Klavier auf eine einzigartige Weise zum Klingen bringt und den Interpreten eine körperlich derart neue Spielsituation mit dem Instrument erleben lässt, dass es eine wahre Freude ist.

Auch heute noch, fast 60 Jahre nach ihrem Entstehen und 25 Jahren nach dem Beginn meiner persönlicher Beschäftigung mit ihnen, höre ich diese Stücke als ungebrochen modern, frisch und voller Vitalität. Besonders die Neugier auf Unbekanntes und die bei dieser Suche auftauchenden unerwarteten Schönheiten inspirieren mich immer wieder aufs Neue. Für mich persönlich zählt der Zyklus der Klavierstücke von Stockhausen zu den Meilensteinen des Repertoires im 20. Jahrhundert.

 

Karlheinz Stockhausen schrieb die Klavierstücke über einen Zeitraum von über 50 Jahren. Würdest du trotzdem sagen, dass sie ein zusammenhängender Zyklus sind? Was verbindet die Stücke?

Stockhausen komponierte seine Klavierstücke über diesen großen Zeitraum, wenn man die Klavierstücke XII - XIX, die aus dem Opernzyklus "LICHT" stammen, und den Zyklus "NATÜRLICHE DAUERN" dazu zählt. Es sind nicht alle diese Klavierstücke von ihm als ein einheitlicher Zyklus gedacht. Allerdings verbinden einige Elemente diese Stücke, zum Beispiel:

- die architektonische Herangehensweise an die musikalische Form

- die innere Ruhe, sehr lange Nachklänge und Pausen zuzulassen

- eine spezifische Form von Affinität zum Klavierklang

- eine quasi physikalisch-akustisch-wissenschaftliche Analyse des Klangs durch die Komposition

- eine durch und durch klar und heiter gestimmte Atmosphäre 

- eine pianistisch gedachte Klangsprache, die das Spielen der Stücke vom instrumental technischen Gesichtspunkt her sehr natürlich machen.

Die Stücke, die ich für das Label aufgenommen habe, also die Stücke I bis XI, waren tatsächlich von Anfang als ein Zyklus konzipiert. Sie alle teilen die gleiche Klangsprache und verwenden dieselben konstruktiven Techniken beim Komponieren. Ohne hier zu weit ausholen zu wollen, kann man verkürzt sagen, dass sehr viele Elemente der Kompositionen durch Zahlenreihen von 1 bis 6, die in magischen Quadraten angeordnet sind, gesteuert werden.

 

Stockhausen hat von den Klavierstücken als „meine Zeichnungen“ gesprochen. Kann man sie als Skizzen oder Studien in anderen, großformatigeren Werke wieder erkennen? 

Den Begriff "meine Zeichnungen" für die Klavierstücke habe ich immer so aufgefasst, dass Stockhausen damit sagen wollte, dass man in ihnen seine Musik wie auf den Kern reduziert wahrnehmen kann, und in dieser Reduktion der Mittel wie durch ein Brennglas die entscheidenden Absichten womöglich sogar deutlicher wahrzunehmen sind. In den elektronischen Stücken, den Kammermusik- und Orchesterwerken finden sich die gleichen musikalischen Prinzipien wieder, die Stücke aus dieser Zeit sind ja alle mit der gleichen Kompositionstechnik geschrieben, nur klingt hier alles opulenter und reichhaltiger. So wie in der Malerei vergleichbar der Unterschied zwischen einer Bleistiftzeichnung und einem farbigem Ölbild zu sehen wäre.

 

Du hast über viele Jahre mit Stockhausen zusammengearbeitet. Wie hast du die Zusammenarbeit empfunden? 

Als junger Student haben mich mehrere Konzerte mit Musikern, die intensiv mit K. Stockhausen gearbeitet haben, tief beeindruckt. Die Aneignung der Kompositionen bis ins letzte Detail, das auswendige Spielen dieser modernen und komplizierten Partituren, die totale Verinnerlichung des Notentextes und die Hingabe beim Spiel hoben sich für mich deutlich und erfrischend von anderen Konzerten neuer Musik ab, die ich damals hörte. So erwuchs mit der Zeit der immer dringlicher werdende Wunsch, dem Geheimnis dieser intensiven Interpretationen auf den Grund zu gehen, und womöglich selbst meinen eigenen Weg in diese Richtung einzuschlagen. Ab 1998 hatte ich dann glücklicherweise die Gelegenheit, durch die Stockhausen-Kurse in Kürten in direkten Kontakt mit Stockhausen zu kommen, und in der Folge entwickelte sich eine persönliche Zusammenarbeit, der ich ungeheuer viele Impulse für meine weitere musikalische Entwicklung und künstlerische Formung verdanke. Wir haben gemeinsam viele Uraufführungen neuer Werke erarbeitet, und neben den Werken "Kontakte" und "Mantra" auch unzählige Stunden in den Proben und Aufführungen der Klavierstücke verbracht. Stockhausen konnte einerseits durch sein eigenes Beispiel zeigen, wie genau er Tempi, Lautstärken, Artikulationen etc. sich sowohl vorstellen konnte als auch hörend zu kontrollieren in der Lage war. Wenn er in einem Stück das Tempo Achtel gleich 40 schrieb, dann wollte er auch genau dieses Tempo hören und kein anderes, und konnte dieses in der Probe mühelos sofort im richtigen Tempo vorsingen, und dem Spieler auf seine Abweichung (schnelleres oder langsameres Tempo) hinweisen. Andererseits konnte er durch seine minutiöse und in ihrer Intensität und Unbedingtheit nie nachlassenden Arbeitsweise die mit ihm arbeitenden Musiker dazu in die Lage versetzen, genau diese Fähigkeiten der Präzision und Kontrolle zu erlangen.

Karlheinz Stockhausen

 

 

You have already recorded the Klavierstücke VII to XI. Now I to V will follow. What fascinates you about this cycle?

What fascinates me about the cycle of piano pieces is that it was written in a compositionally very exciting and open period, in which the composers of serialism in the 1950s developed their very own musical language in an experimental openness on a voyage of discovery into the new and unknown. I am very enthusiastic about the fact that Stockhausen found a personal and unmistakable tonal language, and in the course of the cycle, the individuality of it emerges more and more clearly. It begins with the first pieces, which very radically break down the music to its basic parameters of pitch, tone duration and intensity. Subsequently, individual tones or tone points are grouped together and thus gradually arranged in ever-increasing complexity until, from Klavierstück VII onwards, very special tonalities with beautiful harmonics come to the fore. Also very special is the insane and highly virtuosic use of clusters in Klavierstück X, which is without antecedent, makes the piano sound in a unique way and lets the performer experience such a physically new playing situation with the instrument that it is a real joy.

Even today, almost 60 years after they were written and 25 years after I began my personal involvement with them, I hear these pieces as unbrokenly modern, fresh and full of vitality. Especially the curiosity for the unknown and the unexpected beauties that emerge during this search inspire me again and again. For me personally, the cycle of Stockhausen's piano pieces is one of the milestones of the 20th century repertoire.

 

Karlheinz Stockhausen wrote the piano pieces over a period of more than 50 years. Would you still say that they are a coherent cycle? What connects the pieces?

Stockhausen composed his piano pieces over this large period of time, if you include the Klavierstücke XII - XIX, which are from the opera cycle "LICHT", and the cycle "NATÜRLICHE DAUERN". Not all of these piano pieces were intended by him as a unified cycle. However, some elements connect these pieces, for example:

- the architectural approach to the musical form

- the inner peace of allowing very long reverberations and pauses

- a specific form of affinity to the piano sound

- a quasi physical-acoustic-scientific analysis of sound through composition

- a clear and cheerful atmosphere through and through 

- a pianistically conceived sound language that makes playing the pieces very natural from an instrumental-technical point of view.

The pieces that I recorded for the label, i.e. pieces I to XI, were actually conceived as a cycle from the beginning. They all share the same sound language and use the same constructive techniques when composing. Without wanting to go too far, one can say in brief that very many elements of the compositions are controlled by series of numbers from 1 to 6, arranged in magic squares.

 

Stockhausen has spoken of the piano pieces as "my drawings". Can they be recognised as sketches or studies in other, larger-scale works? 

I have always understood the term "my drawings" for the piano pieces in such a way that Stockhausen wanted to say that in them one can perceive his music as reduced to the core, and in this reduction of means, as through a burning glass, the decisive intentions can perhaps even be perceived more clearly. The same musical principles can be found in the electronic pieces, the chamber music and orchestral works; the pieces from this period were all written with the same compositional technique, only here everything sounds more opulent and richer. Just as in painting, comparably, you would see the difference between a pencil drawing and a coloured oil painting.

 

You worked with Stockhausen for many years. How did you feel about the collaboration? Did you also work on the piano pieces?

As a young student, I was deeply impressed by several concerts with musicians who had worked intensively with Karlheinz Stockhausen. The appropriation of the compositions down to the last detail, the rote playing of these modern and complicated scores, the total internalisation of the musical text and the dedication in playing, stood out for me clearly and refreshingly from other concerts of contemporary music that I heard at the time. Over time, I developed an ever more urgent desire to get to the bottom of the secret of these intensive interpretations, and possibly to follow my own path in this direction. From 1998 onwards, I fortunately had the opportunity to come into direct contact with Stockhausen through the Stockhausen courses in Kürten, and subsequently a personal collaboration developed to which I owe an enormous amount of impetus for my further musical development and artistic formation. We worked together on many premieres of new works and, in addition to the works "Kontakte" and "Mantra", we also spent countless hours in rehearsals and performances of the Klavierstücke. Stockhausen, on the one hand, was able to show by his own example how precisely he could both imagine and audibly control tempos, volumes, articulations, etc. If he wrote the tempo eighths equals 40 in a piece, then he wanted to hear exactly this tempo and no other, and could effortlessly audition it immediately in the correct tempo in the rehearsal, and point out to the player his deviation (faster or slower tempo). On the other hand, he was able to enable the musicians working with him to acquire precisely these skills of precision and control through his meticulous method of working, which never diminished in its intensity and unconditionality.