14. Oktober 2019

Sound Choreographer Ann Cleare

Ein Text über die Komponistin Ann Cleare, die mit dem Komponistenpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung 2019 ausgezeichnet wurde. Am 24. Oktober spielen wir in der Trinitatiskirche in Köln ein Porträtkonzert mit einer offenen Einführung von Ann Cleare und Helen Bledsoe.

Klangchoreographin
Die irische Komponistin Ann Cleare

Wenn die irische Komponistin Ann Cleare – 1983 in County Offaly geboren – über ihre Musik spricht, sind Bilder ihr bevorzugtes Mittel der Beschreibung. Von »kinetischen Wirbelstürmen« kann dann die Rede sein, von »silbernem Nebel«, »Kobaltwellen«, »grauer Substanz«, »einem Ozean aus Bewegung« oder einer »Schachtel Licht«. Solche Metaphern dienen Cleare allerdings keineswegs dazu, bloß vage Annäherungen an das Klingende zu schaffen, gewissermaßen die Sprachferne der Musik im Bild zu kompensieren. Im Gegenteil: Ihre Verbildlichungen beschreiben mit frappierender Präzision das, was zu hören ist. Die Metapher klingt, das Bild wird akustisch erfahrbar.
So sind etwa die »kinetischen Wirbelstürme« in der 2016 entstandenen Komposition on magnetic fields eine exakte Wiedergabe der klanglich-räumlichen Disposition dieser Musik. Zwei Ensemblegruppen formen Zyklone aus Klang, in deren Augen jeweils eine solistische Violine als Energiezentrum steht. Und wenn Ann Cleare dann davon spricht, dass diese Violinen die sie umgebenden Ensembles »magnetisch aufladen« und »entzünden«, wird klar, wie die Komponistin ihre Musik versteht: als ein explizit körperhaftes Medium, als ein Phänomen, das sich im Zwischenbereich von Klang, Physik und bewegter Skulptur aufhält.

»Meine Arbeit«, erläutert Ann Cleare, »erforscht die statische und skulpturale Natur des Klangs und sondiert die Extreme von Timbre, Textur, Klangfarbe und Form. Mein Ziel ist es, körperliche Klangräume zu schaffen, die den Hörer dazu anregen, der Komplexität unserer Umgebung nachzuspüren und ›Poetiken‹ der Wahrnehmung zu schaffen«. In diesem Sinne komponiert Cleare eine innige, kunstvolle Musik, die im ersten Moment fast unnahbar wirkt. Als Hörer fühlt man sich zunächst womöglich verunsichert – als beobachte man ein Wesen, das sich alleine wähnt und das man versehentlich aufschrecken könnte. Rasch wird allerdings klar, dass man ohne weiteres Teil dieses Geschehens sein kann: »Meine Musik«, sagt die Komponistin, »ist eine räumliche Choreographie, die ganz und gar nicht abstrakt ist, sondern ein Terrain erzeugt, das mit tönenden Gestalten bevölkert ist«.

Es sind vor allem solche »stofflichen« Entwürfe, die die Dynamik von Ann Cleares Arbeit entscheidend prägen. »Komponieren«, sagt sie, »ist für mich eine ausgesprochen taktile Tätigkeit. Sobald ich eine Tonhöhe, einen Zusammenklang oder einen Rhythmus gewählt habe, wende ich Details von Artikulation, Phrasierung, Klangfarbe und Stimmung darauf an, um das Ausgangsmaterial damit regelrecht zu ›tränken‹. Wenn ich auf diese Weise arbeite, habe ich den Eindruck, eine physische Substanz nach meinen Vorstellungen zu formen«.

Was konkret in solchen formenden Prozessen entsteht, orientiert sich nicht selten an spezifischen »Objekten« – realen wie imaginären. So liegt der 2014 fertiggestellten Komposition I should live in wires for leaving you behind für Klavier und zwei Schlagzeuger die Vorstellung einer bewegten Skulptur zugrunde, die Cleare »ball of wire« nennt: »ein riesiges, verworrenes Metallgeflecht, das sich unablässig dreht«. In ihrem Stück wird der mögliche Klang dieses Phantasiegebildes mit instrumentalen Mitteln nachvollzogen. In eöl für Solopercussion und Ensemble sind die Objekte dagegen keine imaginierten, sondern ganz real – und von dem Dubliner Bildhauer Brian Byrne eigens für das Stück gebaut. Der Schlagzeuger bespielt hier ein nicht ungefährlich wirkendes, nagelbrettähnliches Instrument, während er für andere Spieltechniken spezielle Metallkonstruktionen an Arme und Finger anlegt, die ihn ein wenig wie Edward mit den Scherenhänden aussehen lassen. Der Effekt, den diese »Erweiterung« des Musikers auf den Hörer hat, ist akustisch und haptisch zugleich: man scheint zu fühlen, was man hört.

Die Betonung des Taktilen, die Choreographie des Klingenden, die Markierung eines Terrains, in dem die Musik gleich einer Skulptur Raum greift: Diese ästhetischen Konstanten bestimmen die Arbeit von Ann Cleare. Der Gedanke einer Erweiterung dessen, was Musik sein kann, wird sie auch in Zukunft beschäftigen. Zur Zeit eignet sie sich Kenntnisse in Kameraarbeit, Schnitt und Regie an, um den visuellen Aspekt ihrer Musik weiterzuverfolgen; und nach einer künstlerischen Vision befragt, wünscht sie sich – ganz im Sinne einer »raumgreifenden« Musik – die dramatische Kulisse einer Landschaft als Bühne: das Marschland von County Offaly im Zentrum Irlands. Eine weite Ebene, in der sich Ann Cleares musikalische Skulpturen wie Meilensteine ausnehmen würden.

Michael Rebhahn