11.05.2020

New Music Monday #8

-- Deutsche Version weiter unten ---

New Music Monday #8
Anthony Braxton’s Composition No. 359 at the Monday Concert of Bruce Collings in 2018 was Sara Cubarsi’s first performance with Ensemble Musikfabrik. Shortly before the lockdown in March, Sara Cubarsi and Florentin Ginot recorded the piece for the Label Musikfabrik.
On the blog, she writes about this experience as social process, full of engagement, and fun!

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“If one doesn’t have a very sociable day, it is very difficult to play Braxton! It’s supposed to be a very interactive experience. But I do have very good memories about Bruce’s Monday Concert in December 2018 (half a show of Braxton)! Two past dear mentors of mine are close to him, and had gotten me to know his work, but this was my first time performing one of his pieces - and also my first concert with Musikfabrik. His music really counts on the performer’s creative involvement, their ability to be inspired and react to the notated material, and their engagement with the other performers’ responses. It often calls for improvisation. The performer is many times invited to move between completely improvised moments, free-fall style, and openly notated material.
Braxton developed a very personal notation system. For example, in all the Ghost Trance Music pieces (like in Composition No. 359), the clef sign is a kind of rhomboid. You pick your clef  - and your instrument. So this piece is not necessarily for violin and double bass, and it can be played with more instruments. There are signs that indicate the possibility to improvise, and others which invite the performers to move into another piece. I remember we deviated into a few “secondary material” pieces in Bruce’s Monday Concert; these are secondary compositions that come with the piece, where one can jump into when there is a triangle-sign in the score.
Before recording it, Flo and I went back to the recording of the concert from last year, and decided to go for a more “condensed” shot at No. 359. It’s difficult to record a piece like this, how should one judge the different takes, when every time one plays the piece, something new happens? It’s fun and exhausting to rehearse, because of the energy involved. The performers must discuss how to structure all the possible materials, it’s a very productive way to get to know the other player, and in the end, the result is very personal and performer-specific. However, I think the most inspiring element about playing Braxton’s music is not the final performance or recording, but the social process that needs to take place during its preparation, leading to one of many possible valid versions of his composition.”
- Sara Cubarsi

(c) Ensemble Musikfabrik

(extract of the score of Composition No. 359) 

--- Deutsche Version ---

New Music Monday #8
Anthony Braxtons Composition Nr. 359, aufgeführt am Montagskonzerts von Bruce Collings im Jahr 2018, war Sara Cubarsis erster Auftritt mit Ensemble Musikfabrik. Kurz vor dem Lockdown im März 2020, nahmen Sara Cubarsi und Florentin Ginot das Stück für das Label Musikfabrik auf. Im Blog schreibt sie über diese Erfahrung als sozialen Prozess, voller Einsatz und Spaß.

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“Wenn man keinen sehr geselligen Tag hat, ist es sehr schwierig, Braxton zu spielen! Es soll nämlich eine sehr interaktive Erfahrung sein. Aber ich erinnere mich gerne an Bruces Montagskonzert im Dezember 2018 (eine halbe Show Braxton) zurück! Zwei ehemalige geschätzte Mentoren von mir stehen ihm nahe und hatten mich mit seiner Arbeit vertraut gemacht, aber dies war mein erstes Mal, dass ich eines seiner Stücke aufführte - und auch mein erstes Konzert mit der Musikfabrik. Seine Musik setzt wirklich auf das kreative Engagement des Interpreten, auf seine Fähigkeit, sich inspirieren zu lassen und auf das notierte Material zu reagieren sowie auf seine Auseinandersetzung mit den Reaktionen der anderen Interpreten. Sie verlangt oft nach Improvisation. Der Interpret wird häufig aufgefordert, sich zwischen vollständig improvisierten Momenten, dem Freien Fall und offen notiertem Material zu bewegen.

Braxton entwickelte ein sehr persönliches Notationssystem. Zum Beispiel ist in allen Stücken der Ghost Trance Music (wie auch in Composition Nr. 359) das Notenschlüsselzeichen eine Art Raute. Man wählt den Notenschlüssel - und sein Instrument. Dieses Stück ist also nicht unbedingt für Violine und Kontrabass und es kann mit mehr Instrumenten gespielt werden. Es gibt Zeichen, die auf die Möglichkeit zur Improvisation hinweisen und andere, die die Ausführenden dazu einladen, in ein anderes Stück einzusteigen. Ich erinnere mich, dass wir in Bruces Montagskonzert zu einigen "Sekundärmaterial"-Stücken abgewichen sind; das sind sekundäre Kompositionen, die zum Stück komponiert wurden und in die man einsteigen kann, wenn es in der Partitur ein Dreieckszeichen gibt.
Bevor wir das Stück aufnahmen, besprachen Flo und ich noch einmal die Aufnahme des Konzerts vom letzten Jahr und beschlossen, eine "komprimiertere" Aufnahme von Nr. 359 zu machen. Es ist schwierig, ein Stück wie dieses aufzunehmen, wie soll man die verschiedenen Takes beurteilen, wenn jedes Mal, wenn man das Stück spielt, etwas Neues passiert? Es macht Spaß und ist gleichzeitig anstrengend zu proben, wegen der damit verbundenen Energie. Die Interpreten müssen besprechen, wie man alle möglichen Materialien strukturiert, es ist eine sehr produktive Art, den anderen Spieler kennen zu lernen und am Ende ist das Ergebnis sehr persönlich und vom Performer abhängig. Ich denke jedoch, das inspirierendste Element beim Spielen Braxtons Musik ist nicht die endgültige Aufführung oder Aufnahme, sondern der soziale Prozess, der während der Vorbereitung stattfinden muss und zu einer von vielen möglichen gültigen Versionen seiner Komposition führt.”
- Sara Cubarsi