06.04.2020

New Music Monday #3

New Music Monday release #3 entails Rebecca Saunders’ Bite for bass flute solo, recorded by Helen Bledsoe. Read more about the piece’s development, it’s challenges and the collaboration with Rebecca Saunders in this blog entry by Helen. 

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--- German version below ---

In Bite for solo bass flute,  Rebecca Saunders attempts a special synthesis of speech and bass flute sound that I have not encountered in the solo repertoire so far. Unlike most solo works that use voice and flute together, the voice is not relegated to a singing or narrating role. The phonemes of speech are used to shape elements of the flute sound, much like an ADSR envelope shapes the amplitude and filter of a synthesizer's oscillator. This what I call speech-gesture language was developed during our work on her ensemble piece Stasis. In Stasis I was given a text from Samuel Beckett and had quite a lot of freedom to put words to various palettes of multiphonics or other sounds, forcing each word into a sound.

In Bite there is no such freedom, it is a thoroughly composed work and all the speech-gesture language has found its way into the notation. No clearly spoken text can be heard.* A performer does have the freedom, however, to add text if it helps to shape a phrase or even a single sound. Some text I added found its way into the printed version.

My only other interference in the compositional process had to do with the editing. The first draft lasted about 19 minutes, we brought it down to about 13 for this final version. I pleaded for one section not to be cut, because I particularly liked playing it.

Aside from learning the notes, I had several particular challenges in learning this piece. The first was the physical challenge. Since my bass flute is particularly heavy I had to buy a special stand to take the strain off my wrists and elbows. The work is also quite cathartic, sometimes one is required to shout or loudly vocalize with fluttertounge. This is something I enjoy, but I had to take care not to strain my voice during hours of practice.

There were plenty of artistic challenges for me as well. The work is interesting in its contrasts. Spectrally, one goes quickly from very rich, saturated sounds to very détimbré sounds, from over-blown rock 'n' roll sounds to the finest multiphonics. That in itself is technically difficult. In addition, all sounds are introduced in the first three minutes of the work. Since sonically nothing really new is introduced, I have to somehow generate my own flow of energy to engage the listener for the remaining ten minutes.  This energy and engagement is musically very important because there is no development or narrative (which I find amusing in a piece which uses elements of speech).

I think this is one of the brilliant aspects of Rebecca's music. Its modular components allow one to color their own interpretation with their own spectral and dynamic palettes. Indeed, one is forced to do so, because one can't rely on traditional forms or gestures to carry the music. This opens up the path to contemplate and develop other aspects of musicianship.

I hope in these endeavors I succeed somewhat, and curious listeners will enjoy this recording. It took place after several years of performing it in concert, so I had plenty of time to let the interpretation mature. Yet each time I look at it anew, I always make discoveries!

*This is a great contrast to the piece I am working on now by Georges Aperghis for solo piccolo/narrator "The Dong" based on text by Edward Lear, which will be premiered in Musikfabrik's concert on the 19th of July in Darmstadt this summer. 

Helen Bledsoe © Janet Sinica

--- German version ---

Die neue Veröffentlichung von New Musik Monday #3 enthält Rebecca Saunders' Bite für Bassflöte solo, aufgenommen von Helen Bledsoe. Lesen Sie mehr über die Entwicklung des Stückes, seine Herausforderungen und die Zusammenarbeit mit Rebecca Saunders in diesem Blog-Eintrag von Helen:

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In Bite für Bassflöte solo versucht Rebecca Saunders eine spezielle Synthese von Sprache und Bassflötenklang, die mir im Solorepertoire bisher nicht begegnet ist. Im Gegensatz zu den meisten Solowerken, in denen Stimme und Flöte zusammen verwendet werden, wird die Stimme nicht auf eine singende oder erzählerische Rolle reduziert. Die Phoneme der Sprache werden verwendet, um Elemente des Flötenklangs zu formen, ähnlich wie eine ADSR-Hüllkurve die Amplitude und den Filter eines Synthesizer-Oszillators formt. Diese, wie ich es nenne, Sprachgestensprache wurde während unserer Arbeit an ihrem Ensemblestück Stasis entwickelt. In Stasis erhielt ich einen Text von Samuel Beckett und hatte ziemlich viel Freiheit, Wörter in verschiedene Paletten von Mehrklängen oder andere Klänge zu bringen und jedes Wort in einen Klang zu zwingen.

In Bite gibt es diese Freiheit nicht, es ist ein grundsätzlich durchkomponiertes Werk und die gesamte Sprachgestensprache hat ihren Weg in die Notation gefunden. Es ist kein klar gesprochener Text zu hören.* Der Interpret hat jedoch die Freiheit, Text hinzuzufügen, wenn es hilft, eine Phrase oder sogar einen einzelnen Klang zu formen. Einige Texte, die ich hinzugefügt habe, haben ihren Weg in die gedruckte Version gefunden.

Mein einzig anderer Eingriff in den Kompositionsprozess hatte mit der Bearbeitung zu tun. Der erste Entwurf dauerte etwa 19 Minuten, für diese Endfassung haben wir ihn auf etwa 13 Minuten reduziert. Ich plädierte dafür, einen Abschnitt nicht zu kürzen, weil ich ihn besonders gern spielte.

Vom Noten lernen abgesehen, forderten mich mehrere Besonderheiten beim Erlernen dieses Stücks heraus. Die erste war die körperliche Herausforderung. Da meine Bassflöte besonders schwer ist, musste ich einen speziellen Ständer kaufen, um meine Handgelenke und Ellbogen zu entlasten. Das Werk ist auch recht kathartisch, manchmal muss man schreien oder laut mit Flatterzunge singen. Das ist etwas, was mir Spaß macht, aber ich musste darauf achten, dass ich meine Stimme während des stundenlangen Übens nicht überanstrenge.

Es gab auch für mich viele künstlerische Herausforderungen. Das Werk ist interessant durch seine Kontraste. Das Spektrum betreffend, geht man schnell von sehr reichen, gesättigten Klängen zu sehr détimbré-Klängen über, von übertriebenen Rock'n'Roll-Klängen bis hin zu feinsten Multiphonics. Das ist an sich schon technisch schwierig. Außerdem werden alle Klänge in den ersten drei Minuten des Werkes vorgestellt. Da klanglich nichts wirklich Neues eingeführt wird, muss ich irgendwie meinen eigenen Energiefluss erzeugen, um den Zuhörer für die restlichen zehn Minuten mitzureißen. Diese Energie und dieses Engagement ist musikalisch sehr wichtig, weil es keine Entwicklung oder Erzählung gibt (was ich in einem Stück, das Elemente der Sprache verwendet, amüsant finde).

Ich denke, dies ist einer der brillanten Aspekte von Rebeccas Musik. Ihre modularen Komponenten erlauben es, seine eigene Interpretation mit seinen eigenen spektralen und dynamischen Paletten zu färben. Tatsächlich ist man dazu sogar gezwungen, weil man sich nicht auf traditionelle Formen oder Gesten verlassen kann, um die Musik zu tragen. Dies eröffnet den Weg zur Betrachtung und Entwicklung anderer Aspekte des musikalischen Könnens.

Ich hoffe, dass mir diese Bemühungen gelingen und, dass neugierige Zuhörer an dieser Aufnahme Freude haben. Sie entstand mehrere Jahre nach der Erstaufführung, so dass ich genügend Zeit hatte, die Interpretation reifen zu lassen. Doch jedes Mal, wenn ich sie erneut anschaue, mache ich immer wieder Entdeckungen!

*Dies ist ein großer Kontrast zu dem Stück von Georges Aperghis, an dem ich jetzt arbeite, für Solo-Pikkolo/Erzähler "The Dong" nach einem Text von Edward Lear, das im Konzert des Ensemble Musikfabrik am 19. Juli in Darmstadt in diesem Sommer uraufgeführt wird.