15.05.2020

Lockdown Tape #9

--- Deutsche Übersetzung weiter unten ---

Lockdown Tape #9 presents a commission for trombone player Bruce Collings: Oraculum by George Lewis. Premiered at Huddersfield Contemporary Music Festival in 2016, the solo work portrays the notion of the trombone as the ultimate voice or cryptic word of the oracle in the composer’s imagination. On the blog, Bruce Collings talks about Lewis’ striking techniques and his perspective on the solo piece.

 


"For those of you who know George Lewis, he needs no introduction. For those who don’t; he started his musical career as a trombone player after graduating from Yale with a degree in Philosophy in 1974. With his first recordings shortly thereafter he started to change the musical world, taking trombone technique to new, hitherto unimaginable places. In addition to his solo work probably most notable is his collaboration with Anthony Braxton.

When I first heard recordings of George’s playing years ago I thought, “are you kidding me, how does he do that?” I can’t think of any other trombone player who has had that effect on me, not to that degree. Some players are on such a high level that you are in awe of their technique, but it’s still obvious what they’re doing. But with George, I sometimes had no idea what he was doing.

George, though, is much more than a trombone player. He is a composer, author, professor at Columbia University and so much more that I can hardly keep track. When I had the choice of picking a composer to write a new solo work for me, I immediately thought of George and was overjoyed when Musikfabrik offered him the commission.

“Oraculum” means something like “a declaration of the gods or a prophecy from an oracle”. I think of it as a series of short speeches or tiny stories each told by a different person maybe in a different language or dialect. It is full of some of the techniques that George has used while improvising. Some of them I didn’t know how to play so George would send me short videos of himself demonstrating them for me. The only mute used is a rubber plunger from the hardware store which can modulate the speech-like character of the trombone. Oraculum never stays on one idea for very long, changing directions at will, making it a wild and crazy ride."
- Bruce Collings

--- Deutsche Version ----

Lockdown Tape #9 präsentiert einen Kompositionsauftrag für den Posaunisten Bruce Collings: Oraculum von George Lewis. Das Solowerk, das 2016 beim Huddersfield Contemporary Music Festival uraufgeführt wurde, untersucht die Vorstellung der Posaune als die ultimative Stimme oder das kryptische Wort des Orakels in der Phantasie des Komponisten. Im Blog spricht Bruce Collings über Lewis'  faszinierende Spieltechniken und seine eigene Perspektive auf das Solostück.

"George Lewis braucht keine weitere Vorstellung, für diejenigen unter Ihnen, die ihn schon kennen. Für diejenigen, die bisher noch nichts von ihm gehört haben, hier einige wenige Informationen. Seine musikalische Laufbahn begann als Posaunist, nachdem er 1974 ein Philosophiestudium an der Yale University abgeschlossen hatte. Seine ersten Aufnahmen veränderten die musikalische Welt, denn durch neue, originelle Techniken schuf er für die Posaune bis dato unbekannte Klangmöglichkeiten. Neben seiner solistischen Arbeit ist besonders die Zusammenarbeit mit Anthony Braxton zu erwähnen.

Als ich vor Jahren zum ersten mal Aufnahmen von George hörte, dachte ich, “Meine Güte, wie macht er das”? Ich kann mir keinen anderen Posaunisten vorstellen, der diese Wirkung auf mich hatte, nicht in diesem Ausmaß. Manche Spieler sind auf einem so hohen Niveau, dass man ihre Technik bewundert, aber es ist trotzdem offensichtlich, was sie tun. Aber bei George hatte ich manchmal keine Ahnung, was er macht.

George ist viel mehr als nur Posaunist. Er ist Komponist, Autor, Professor an der Columbia University und in vielen anderen Bereichen tätig.
Als ich die Entscheidung treffen musste, einen Komponisten für ein neues Posaunensolo auszuwählen, dachte ich sofort an George und freute mich, als die Musikfabrik ihm einen Kompositionsauftrag erteilte.

“Oraculum“ heißt soviel wie „ein Götterspruch” oder “eine Prophezeiung eines Orakels“. Für mich ist dieses Werk eher eine Reihe von kleinen Reden oder witzigen Geschichten, vielleicht erzählt von verschiedenen Leuten in verschiedenen Sprachen oder Dialekten. Es enthält viele Techniken, die George beim Improvisieren verwendet hat. Von manchen wusste ich nicht, wie ich sie ausführen sollte, so dass George mir kleine Videos schickte, in denen er die Techniken demonstrierte. Der einzige Dämpfer, der in dem Stück verwendet wird, ist ein Gummipömpel aus dem Baumarkt, der den sprach-ähnlichen Charakter der Posaune modulieren kann. In Oraculum bleiben die Ideen nie lange stehen, sie wechseln beliebig und spontan die Richtung und sorgen für ein wildes, verrücktes Erlebnis."
- Bruce Collings