20.11.2012

Brian Ferneyhough: “Finis Terrae” | Kommentartext von Andreas Günther

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Brian FerneyhoughBrian Ferneyhough

Dass die zeitgenössische Musik ihre Interpreten zuweilen aufs Äußerste fordert, ist kein Geheimnis. Die Gründe dafür liegen nicht allein in dem Umstand, dass hier gewisse Routinen und Standards, wie sie sich in der Dur-Moll-tonalen Musik „eingespielt“ haben, meist nicht weiterführen. Erschwerend sind für den Interpreten auch die häufig sehr detailreichen, komplexen Partituren, die eine regelrechte Flut an Informationen vorgeben, da es allgemeingültige musikalische Regeln kaum mehr gibt und zugleich die zur Verfügung stehenden Spieltechniken und Arten der Klangerzeugung nahezu unbegrenzt erscheinen.

Im Schaffen des britischen Komponisten Brian Ferneyhough spiegelt die auffällige Komplexität der musikalischen Strukturen und die akribische Ausdifferenzierung in der Notation mehr als nur ein vordergründiges Streben nach schillernder Virtuosität. In den 1960er-Jahren zunächst an die Zweite Wiener Schule und den Serialismus der Darmstädter Avantgarde anknüpfend, entwickelte Ferneyhough bald einen eigenen Stil, der die immensen Schwierigkeiten des musikalischen Vortrags seiner Musik zum integralen strukturellen Element der Komposition erhob. Die prinzipielle Überforderung und damit spürbare Anspannung des Interpreten, das „konsistente Überschreiten der Grenzen des menschlich Möglichen“, wie Ferneyhough es einmal formulierte, wurde zum konstitutiven, von vornherein mitgedachten Element seiner Musik. Ferneyhoughs Partituren haben deswegen schon allein visuell eine besondere Ausstrahlung, jedoch ist bereits das korrekte Lesen und Erfassen ihrer Strukturen ein aufwendiges Unterfangen. Vor allem die hochgradige rhythmische Ausdifferenzierung mit kleinsten Notenwerten (so gibt es mitunter 512tel- oder sogar 1024tel-Noten) und kompliziertesten Schichtungen von Proportionen fällt sofort ins Auge. Es ist fast wie bei einer großformatigen, detailreichen und hochauflösenden Fotografie, die man zunächst aus gebührendem Abstand betrachtet, um sich dann beim näheren Herangehen in immer weiteren Details zu verlieren und neue „Entdeckungen“ zu machen. Beim sprichwörtlichen „Hereinzoomen“ in die Mikroebene der Strukturen erscheint alles in nochmals höherer Detailauflösung und Komplexität.

Einen solch faszinierenden Detailreichtum kennzeichnet auch Ferneyhoughs neue Komposition Finis Terrae, die erst vor wenigen Tagen vom Ensemble musikFabrik beim Festival d’Automne à Paris uraufgeführt wurde. Ferneyhough reflektiert darin das wüste, chaotisch anmutende Erscheinungsbild von Moränenlandschaften, also jener unwirtlichen Bereiche, in denen Gletscherbewegungen über große Zeiträume gewaltige Geröll- und Schuttablagerungen hinterlassen haben. Neben dem inspirierenden visuellen Eindruck solcher Strukturen waren es aber auch Fragen nach Zeitmaßstäben und eventuell verborgenen Gesetzmäßigkeiten im vermeintlichen Chaos, die Ferneyhough interessierten, rühren sie doch auch an die Grundfragen und Leitmetaphern seiner kompositorischen Strategien.

Das Ensemble von 18 Instrumentalisten erweitert Ferneyhough um sechs Vokalstimmen, die jedoch nicht solistisch behandelt, sondern vielmehr wie die Instrumentalstimmen in den Ensemblesatz integriert sind und, wie Ferneyhough ausführt, „zusammengedrängt in einem klaustrophobisch beengten Raum“ agieren. Ähnlich differenziert ausgearbeitet wie die musikalischen Strukturen ist die ihnen zugrundeliegende Textschicht. Ferneyhough leitete das Textmaterial aus wissenschaftlichen Beschreibungen von Moränenstrukturen ab, deren Texte er verschiedenen Transformationsprozessen unterzog.
(Andreas Günther)

Konzerttipp

24. November 2012 | 20.00 Uhr
Köln | Funkhaus am Wallrafplatz
Konzerteinführung: 19.30 Uhr
musikFabrik im WDR

Oscar Bettison | Livre des Sauvages (2011) | Europäische Erstaufführung | für großes Ensemble | Kompositionsauftrag von Los Angeles Philharmonic Association, Kunststiftung NRW und Ensemble musikFabrik

Brian Ferneyhough | Finis Terrae (2012) | Deutsche Erstaufführung | für sechs Stimmen und Ensemble | Kompositionsauftrag von Kunststiftung NRW, Festival d’Automne à Paris, Casa da Música (Porto) und Ensemble musikFabrik

Jorge E. López | Blue Cliffs (1985–1988, rev. 1992/1993)
für Ensemble

EXAUDI
Ensemble musikFabrik
Emilio Pomarico | Dirigent

Diese Veranstaltung findet im Rahmen von “ONtemporary” statt.
Karten sind erhältlich über: KölnTicket