11.08.2017

Dialektische Schwingungen

Die dialektische Aufhebung musikalischer Gegensätze
Phillip Sollmann (aka Efdemin) erkundet Harry Partch

Phillip Sollmann, Ensemble Musikfabrik, Monophonie, Efdemin, Harry Partch
Phillip Sollmann in "Harry Bertoais Barn" in Bally Pennsylvania, September 2016

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Klubmusik? Neue Musik? Pop? Elektroakustische Avantgarde? Die Grenzen zwischen den musikalischen Genres und Traditionen – zwischen „high“ und „low“,  aber auch: zwischen Tanzmusik, Klangkunst und Konzertmusik – sind in den letzten Jahren immer durchlässiger geworden; vielleicht könnte man sagen: die Verflüssigung und die Dezentrierung sind wesentliche Kennzeichen der aktuell avanciertesten Musik. Und zwar weit jenseits der älteren Klassik-trifft-Pop-Versuche der „Yellow Lounges“ und verwandten Formate, deren Produkte ja doch meist nur aus prätentiös-vulgärromantischem Kitsch bestanden. In der neuesten Generation elektronisch arbeitender Pop-Produzent*innen „trifft“ nichts mehr aufeinander, weil ihnen die Verschränkung der alten Gattungen je schon zur künstlerischen Arbeitsgrundlage geworden ist. Der Wechsel zwischen den Rollen und Institutionen ist für sie selbstverständlich, sie arbeiten als DJs, entwickeln Klanginstallationen in Kunstgalerien und geben Konzerte in klassischen Bühnenformaten.

Unter den Protagonisten dieser neuen elektronisch-elektroakustischen Avantgarde ist Phillip Sollmann ein Pionier – und bis auf den heutigen Tag ein wandlungsreicher und eleganter Virtuose. Sollmann, der sich als DJ Efdemin nennt, hat sich für den abstrakten Minimalismus der Neuen Musik schon immer ebenso interessiert wie für die körperbewegenden Beats von Techno und House; die historischen Sedimente repetitiver Rhythmen gelangen in seiner Kunst gerade so zur Erscheinung wie die Materialität reinen Klangs. In dem „Monophonie“-Projekt, das er jetzt für das Ensemble Musikfabrik entwickelt hat, wird dieses stete Changieren der Sollmann’schen Kunst erstmals voll dialektisch ausformuliert – im historischen Bezug auf die Musik Harry Partchs, die sich als ihr „geheimes“ Vorbild ansehen lässt wie der neueren Pop-Avantgarde generell.

Seine Karriere als DJ hat Sollmann in Hamburg begonnen, dort entwickelte sich in den späten Neunzigerjahren im Umfeld des Plattenlabels Dial ein gleichermaßen verspielter wie ästhetisch und historisch hoch reflektierter Autoren-Techno; ein Stil, der seine Wurzeln in der tanzflurbeschallenden Funktionsmusik nicht verleugnete, aber doch ein mindestens ebenso großes Interesse an der reinen Schönheit von Klängen besaß. Auf Dial erschienen dann ab 2000 auch  die EPs und Alben von Sollmann, mit dem „Efdemin“ betitelten Werk aus dem Jahr 2007 wurde er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt: In aufsehenerregender Weise mischte er hier analoge und elektronische Sounds, Glockengeläut und Naturgeräusche.

Schon hier verschränkten sich in exemplarischer Weise die Produktionsweisen des DJs, Komponisten und Klangkünstlers. Anfang der Nullerjahre hatte Sollmann sich zunächst vom Plattenauflegen verabschiedet und war an das Institut ELAK nach Wien gegangen, um durch das Studium der Computermusik dort seinen Horizont zu erweitern. 2005 zog er nach Berlin und wurde im damals gerade eröffneten Technoklub Berghain zum Resident DJ. Doch beschallte er nicht nur in fünf- bis achtstündigen Sets die langen Tanznächte in der Panorama Bar mit ihren euphorisch treibenden Crowds. In den „Elektroakustischen Salons“, die regelmäßig im großen Saal des Berghain stattfanden, mixte er Minimal Music mit belgischem Postpunk, Field Recordings mit Alvin-Lucier-Kompositionen, abstrakten Techno mit elektroakustischer Musik.

Seine nun wieder regelmäßigen Einsätze als DJ wechselten mit Klangkunstprojekten und Künstlerresidenzen in Wien, Rom und Kyoto; so wuchsen die unterschiedlichen Stränge des Sollmann’schen Schaffens allmählich immer stärker zusammen. Im „Monophonie“-Projekt versucht er sich nun gewissermaßen an der dialektischen Aufhebung der musikalischen Gegensätze: Die Instrumente des visionären Komponisten Harry Partch kombiniert Sollmann darin mit Klangobjekten des italoamerikanischen Designers und Bildhauers Harry Bertoia sowie mit der Doppel-Sirene des Berliner Universalgelehrten Hermann von Helmholtz. Mit ihnen werden die Mitglieder des Ensembles Musikfabrik eine schwebende, repetitive Musik erzeugen, die – so Sollmann – ebenso tanzbar sein könnte, wie sie durch den inzenatorischen Eigensinn der Instrumente einen stark bühnenhaften, performativen Charakter erhält. Eine Musik mithin, die sich an die Motorik des Körpers ebenso richtet wie an die Ohren und Augen: Über die Dauer des Stücks durchläuft die Bühne ein Farbspektrum, das die mikroskopisch kleinen musikalischen Entwicklungen paraphrasiert.

An den Instrumenten von Partch, sagt Sollmann, habe ihn von vornherein vor allem ihre vollständige Sound-Autarkie interessiert. Sie klingen so, wie sonst gar nichts klingt; und das heißt, sie entziehen den Hörern jegliche Art von historischer Assoziation. Stattdessen entsteht eine Musik mit einer eigenen Tradition: der ununterscheidbar gewordenen Verschränkung von Elektronik und Mechanik. Denn obwohl es – so Sollmann – ausschließlich mechanische Klangerzeuger im „Monophonie“-Instrumentarium gibt, sei die Prägung der Komposition durch digitale Produktionsweisen so stark, dass die  Musik immer wieder eine elektronische Anmutung erhält.

Vielleicht könnte man sagen: So wie Partch sich mit seinen Instrumenten und seiner Musik aus den engen Grenzen der westlichen Musiktradition zu befreien versuchte – so treibt Sollmann diese Befreiung in der Verschränkung von digitaler und mechanischer Ästhetik, von Klubmusik und klassischer Kompositionskunst noch weiter voran. Im Sinne des Komponisten, wie er selbst meint: „Ich hatte immer das Gefühl, dass Partch zu Lebzeiten sein Instrumentarium und seinen Klangraum nicht endgültig erforschen konnte“, sagt Sollmann. Indem er die klanglichen Möglichkeiten dieser Ästhetik weiter erkundet und zur Erscheinung bringt, führt er sie voran in die Gegenwart und zugleich zu sich selbst zurück.

Jens Balzer

Dieser Text ist für unsere Saisonbrochüre 2017/1 entstanden.

 

Dialectic Oscillations

The dialectical suspension of musical opposites

Phillip Sollmann (aka Efdemin) explores Harry Partch

Club music? New music? Pop? Electro-acoustic avant-garde?  The boundaries between musical genres and traditions, between high and low art forms, but also between dance music, sound art and concert music have become more and more transparent in recent years. Perhaps you could even say that this decentralization and loosening of boundaries are essential features of today's most advanced music. This goes far beyond older attempts of the classic-meets-pop era, of "yellow lounges" and related formats which most often only produced pretentious, vulgar-romantic kitsch. For the latest generation of pop-producers working with electronics there's no "battle of the ages" anmore, as the entanglement with the old genres has long since become the artistic basis for the new. Switching between roles and institutions is natural for them, they work as DJs, develop sound installations in galleries, and give concerts in classical stage formats.

Phillip Sollmann is a pioneer among the protagonists of this new electronic-electroacoustic avant-garde, and to this day a transformative and elegant virtuoso. Sollmann, who calls himself DJ Efdemin, has always been equally interested in the abstract minimalism of contemporary music as well as in the body-moving beats of techno and house; the historical sediments of repetitive rhythms in his music are just as apparent as the materiality of pure sound. In the "Monophonie" project that he recently created for Ensemble Musikfabrik, this constant oscillating within Sollmann's art is formulated completely dialectically for the first time through a historical connection to the music of Harry Partch - which can be seen as it's "secret" prototype, in addition to the newer pop avant-garde in general.

He began his career as a DJ in Hamburg, where in the context of the record label Dial during the late 1990s, there emerged the equally playful as well as aesthetically and historically well-thought-out "Autoren-Techno"; a style that while not denying its roots in the dance floor echoes of functional music,  most certainly had at least as great an interest in the pure beauty of sound. EPs and albums from Sollmann started appearing on Dial in 2000, and in 2007 he became known to a wider public with the work called "Efdemin," where he mixed analog and electronic sounds, bells and natural sounds in a sensational way.

At this point, the DJ, composer and sound artist's modes of production were already intertwined in an exemplary way. At the beginning of the 2000 decade, Sollmann took leave of disk jockeying for awhile and moved to the ELAK Institute in Vienna in order to broaden his horizons by studying computer music. He moved to Berlin in 2005 where he became the resident DJ at the newly opened Berghain technoclub. But he wasn't only playing five to eight-hour sets during long dance nights in the Panorama bar with its euphoric, driven crowds. In the "electro-acoustic salons" that regularly took place in the big hall of Berghain, he remixed minimal music with Belgian post-punk, field recordings with Alvin Lucier compositions, and abstract techno with electro-acoustic music.

His now regular performances as a DJ were mixed with sound art projects and artistic residencies in Vienna, Rome and Kyoto, enabling the different strands of Sollmann's creativity to gradually grow more together. In the "Monophonie" project, he's trying for a kind of dialectical suspension of musical opposites: Sollmann combines the instruments of the visionary composer Harry Partch with the sound objects of the Italian-American designer and sculptor Harry Bertoia, as well as with the double siren of the Berlin polymath Hermann von Helmholtz. The members of Ensemble Musikfabrik will use them to produce a floating, repetitive music, which - according to Sollmann - could well be danceable, in addition to having a strongly theatrical and performative character through the instruments' obstinate mise-en-scène presence. Consequently, it's music that focuses equally on the body's motor skills as well as on the eyes and ears: A color spectrum will traverse over the stage during the piece, to paraphrase the microscopically small musical developments.

The thing that interested Sollmann from the start about the Partch instruments was their fully autarchic sound. They sound like absolutely nothing else, which means that they avoid every historical association of the listener. A music is created based on its own tradition instead, an indistinguishable entanglement between electronics and mechanics. According to Sollmann, in spite of the fact that the sound generators of the "Monophonie" instrument collection are exclusively mechanical, the composition is so strongly influenced by digital modes of production that the music repeatedly achieves the impression of electronics.

You might even say: Just as Partch tried to break free from the confines of Western musical tradition with his instruments and his music - Sollmann pushes this freedom even further through the interlinking of the digital and mechanical aesthetics of club music with the art of classical composition. With the composer in mind, Sollman said: "I'd always felt that Partch couldn't fully explore his instruments or his soundscapes during his lifetime." By further exploring and highlighting the sonic possibilities of these aesthetics, he leads the music forward into the present while at the same time back to its own roots.

Jens Balzer