Was ist eine Musikfabrik?

Ohne inhaltliches Vorwissen, aber stattdessen ausgestattet mit Aufnahmegeräten, Protokollbögen und einem einführenden Radioworkshop durch das Büro für Konzertpädagogik, haben sich Schülerinnen und Schüler aus Köln-Brück im März 2005 auf Expedition in eine "Musikfabrik" begeben. Was sich hinter diesem Namen verbirgt, das mussten sie selbst herausfinden – und stießen dabei auf erstaunliche Entdeckungen: Ein Windrad, das vor 80 Jahren einen Konzertskandal verursacht hat. Musiker aus ganz Europa, die sich zusammenfinden, um 140 mal den gleichen Ton zu spielen. Und Komponisten, die keine Popmusik schreiben - die aber auch keine gepuderten Lockenperücken tragen!

Aus den Beobachtungen und Interviews mit Komponisten, Musikern und Dirigenten haben die kleinen Reporter  eine spannende, radiophone Reportage erstellt, Texte selbst geschrieben und gesprochen. Ausschnitte der Reportage und einige ihrer verblüffend treffenden Beobachtungen können Sie hier nachlesen.

Vor dem Einsatz …

Musikfabrik –was könnte das sein? – Erste Vermutungen

"Eine Fabrik, wo Musik hergestellt wird und vielleicht Bänder aufgenommen werden und die werden dann eben verkauft…"

"Wo vielleicht Instrumente hergestellt werden?"

"Vielleicht ist das ja auch so was Ähnliches wie eine Essensfabrik, wo halt Töne hergestellt werden…?"
 

Expedition in den Schlagzeugraum – Die Kinder berichten

JAN: "An einem sonnigen Tag im März fahren wir, die Klasse 4a der KGS Köln-Brück, zu einer Musikfabrik. Moment mal – eine "MusikFabrik"? Was ist das eigentlich? Genau diese Frage sollen wir beantworten."

NIKLAS: "Zu diesem Zweck haben wir vor unserem Ausflug eine Reporter-Ausbildung gemacht. Wir haben gelernt, wie man Interviews führt, wie man diese Interviews protokolliert und wie man ein Aufnahmegerät bedient."

JAN: "Wir fahren also mit unseren Mikrophonen und Schreibblöcken quer durch Köln, bis in ein entlegenes Industrieviertel. Zu guter Letzt überqueren wir einen Parkplatz und betreten ein großes Gebäude. Wir haben keine Ahnung, was uns dort drinnen erwartet."
 

Im Schlagzeugraum …

KINDER

"Wir sind hier in der Musikfabrik und wir sind hier in einem Raum der ist auch ziemlich groß und ein bisschen kalt. Da sind ganz viele Trommeln und Becken und im Hintergrund war grad ganz viel laute Musik."

"…und ich sehe an der Decke Stromkabel runterhängen mit Steckdosen dran. Hier sind auch ganz viele Scheinwerfer, Boxen und noch ganz viele andere Instrumente."

"Einige dieser seltsamen Instrumente wollen wir uns etwas näher anschauen."

"Wir sind hier vor so Eisenstangen, da sind Löcher drin und dann sind da Seile und da drin hängen z.B. aus Glas oder aus Holz solche Stäbe. Eins ist mit einem Eulenkopf, das sieht sehr sehr schön aus."

"Ich hab hier so’n Streichinstrument, das kann man auch mit so nem Stock machen, und jetzt könnt ihr das mal hören (Geräusch Schrapper)

"Ich hab hier gerade einen Vogel, ein Quietschvogel. Es macht ungefähr ein quietschendes Geräusch. Ihre Federn sind sehr bunt, ist glaub ich ein Papagei." ( Quietschvogel )

" Jetzt stehen wir hier vor so drei Windrädern, und ich weiß nicht genau was man damit macht. Also es gibt hier so ein kleineres das ist aus Holz und so schwarz und braun. Und in der Mitte das ist aus so Eisen oder so. Und dann gibt’s noch ein, ich glaub das ist das Größte, das ist auch noch mal wie das erste."

JAN: "Rasseln, Quietschevögel und komische Streichinstrumente – okay. Das passt ja vielleicht noch zusammen. Mit all diesen Dingen kann man Musik und Geräusche machen. Aber Windräder? Wieso stehen hier diese großen Windräder?"

NIKLAS: "Als wir gerade darüber nachgrübeln, betritt ein Mann den Raum. Er heißt Thomas und stellt sich uns als Schlagzeuger vor. Als erstes führt er uns verschiedene Instrumente vor."

(GONG erklingt)

THOMAS OESTERDIEKHOFF "Also, hier hab ich gerade einen Buckelgong aus Thailand (…) Frösche, die auch Musik machen, aber aus Holz sind…"

JAN: "Frösche aus Holz?"

THOMAS OESTERDIEKHOFF "Das kommt aus Vietnam (Froschgeräusch) und diese Frösche machen in Natur auch dieses Geräusch."

NIKLAS: "Wie viele Instrumente hier eigentlich stehen, in diesem riesigen Raum, diese Frage kann uns Thomas, der Schlagzeuger, auch nicht beantworten."

THOMAS OESTERDIEKHOFF Da bin ich überfragt. Trommeln? Vielleicht 200?

NIKLAS: "Und das sind ja nur die Trommeln. All die Holzfrösche und Quietschvögel und Windräder noch gar nicht mitgezählt."

JAN: "Thomas erzählt uns, dass in diesem Gebäude früher Schallplatten gepresst wurden. Hmm - ob es wohl deswegen "Musikfabrik" heißt? Thomas selbst ist aber erst vor ein paar Jahren hier eingezogen. Aber was hat er denn eigentlich vorher mit diesen vielen Instrumenten gemacht?"

THOMAS OESTERDIEKHOFF "Ja, da hatte ich einen eigenen Keller in meiner Wohnung und da hatte ich natürlich noch nicht so viele Instrumente, und da habe ich die ja dann drin gesammelt und verstaut."

NIKLAS: "Aber nun wollen wir ja doch mal endlich wissen, was es mit diesen großen Windrädern auf sich hat."

THOMAS OESTERDIEKHOFF "Diese Windräder haben wir gebaut für ein Stück, das ist von 1923, das ist also über 80 Jahre alt. Und der damalige Komponist, der hat einen Skandal verursacht, weil er ein Stück geschrieben hat nur für Schlagzeug. Und bei dem Schlagzeug gab es auch das dabei. Und damals hatten sie diese Apparaturen noch nicht, und da haben sie einfach einen Flugzeugmotor auf die Bühne gestellt; und haben dann den Propeller angemacht, von dem Flugzeugmotor, und dann flogen den Damen die Hüte weg. Das war damals ein Skandal."

JAN: "Eine Musik, von der einem die Hüte wegfliegen. Wie mag die wohl geklungen haben?"
 

Begegnung mit den Musikern – Die Kinder berichten

ANNIKA: "Ich weiß nicht, ob ihr es gemerkt habt, liebe Radiohörer. Während wir vorhin mit dem Schlagzeuger Thomas gesprochen haben, hörte man aus dem Nebenraum die ganze Zeit eine etwas unheimliche Musik."

LUISE: "Und nun wollen wir den Raum betreten, aus dem diese unheimliche Musik kam und schauen, was dort los ist."

(Im Hintergrund: Originalmusik Shelter)

PAUL: Wir gehen hinein und es ist erst einmal dunkel.

ANNIKA: Der Raum ist so groß, dass man sich klein fühlt.

PAUL: Als sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, sehen wir viele Leute mit Instrumenten. Und in der Mitte einen Mann, der wilde Handbewegungen macht.

LUISE: Vorne stehen drei Frauen und singen. In der zweiten Reihe sitzen drei Geigen. Auf der rechten Seite zwei Männer mit Cello und Kontrabass. Und dahinter Trompeten, Tuba und Hörner.

ANNIKA: Außerdem noch ein Klavier, viel Schlagzeug und eine E-Gitarre.

PAUL: Überall liegen Kabel herum. Hinter den Musikern, auf einer großen Leinwand, wird ein Film gezeigt. Die Bilder zeigen Menschen, die sich vor einer Überschwemmung retten.

LUISE: Das ganze ist ziemlich seltsam!

ANNIKA: Nach einer Weile machen die Musiker eine Pause und wir können ihnen Fragen stellen. Als erstes fällt uns auf, dass sie aus sehr vielen verschiedenen Ländern kommen.

SÄNGERIN TRIOMEDIAEVAL Ich wohne in Norwegen, in Oslo.

SÄNGERIN TRIOMEDIAEVAL Ich wohne in England.

JUDITHA HAEBERLIN ... erst in Hamburg und dann in Hannover und dann noch in Holland.

CHRISTINE CHAPMAN Mein Mann ist Japaner und die Kinder heißen dann Naoto, Naoto James, und ich bin Amerikanerin, und der kleinere, der heißt Takeshi-Greg.

PAUL: Einige der Musiker und Musikerinnen können wir etwas ausführlicher interviewen.

O-TON INTERVIEW Hallo! – Hallo. – Was spielen Sie für ein Instrument? – Eine Geige. – Überrumpeln wir Sie jetzt mit den Fragen? – Nein, überhaupt nicht. –Haben Sie Kinder? – Ja, ich hab einen kleinen Sohn, der ist drei Jahre alt. – Ham wir ja ganz vergessen: Wie heißen Sie? – Juditha.

PAUL: Tja, manchmal ist das gar nicht so einfach mit dem interviewen. Aber wir haben ja schließlich ein Rätsel zu lösen: Wir wollen herausfinden, was die "Musikfabrik" ist. Und ein paar Hinweise finden wir auch im Gespräch mit den Musikern.

JUDITHA HAEBERLIN .. ganz schön anstrengend, weil es immer laut ist. Und wenn man immer laut spielen muss, das geht irgendwann auf den Arm.

(O-TON GEIGE)

LUISE: Na also! "Anstrengend", "laut" – das klingt doch schon ein bisschen nach Fabrik!.

ANNIKA: Aber obwohl das Mitspielen hier so anstrengend und so laut ist, scheint es den Musikern Spaß zu machen.

JUDITHA HAEBRLIN Ja, es macht mir großen Spaß. Spannend!

O-TON MUSIKER Viel Spaß.

MICHAEL TIEPOLD

Das ist ne unheimlich nette Gruppe, viele nette Musiker. Wir haben ein ganz tolles Team hier zusammen.

JAMES WODROW Yes, yes, yes. Viel Spaß!

PAUL: Und dann entdecken wir endlich etwas, das wirklich nach einer Fabrik aussieht. Neben dem großen Probenraum befindet sich ein geheimnisvoller Glaskasten. Dass dieser Glaskasten überhaupt eine Tür hat, kann man nur am Griff erkennen. Innen sehen wir drei Leute vor einem riesigen Gerät, voller Schalter und Hebel, wie in einem Zukunftsroman. Die drei Männer erklären uns, was es mit der Zukunftsmaschine auf sich hat.

O-TON INTERVIEW Wir sind hier an einem großen Gerät wo ganz viele Knöpfe sind und der Mann, der das alles steuert steht direkt neben mir. Und wie steuert man das, oder besser gesagt: Wofür braucht man das?

NORBERT OMMER: Mit dem Mischpult macht man im Prinzip die Balance von dem Orchester, also dem Ensemble. Weil es viele Instrumente gibt, die man ohne sie zu verstärken, gar nicht hören würde, ist wie in der Popmusik.

PAUL: Ist das nicht schwierig, alles auswendig zu lernen wofür die ganzen Knöpfe sind?

NORBERT OMMER: Das muss man lernen wie andere Sachen auch, wie ein Flugzeug fliegen oder Auto fahren oder so was. Und wenn man es gelernt hat, kann man es machen. Ja, dann ist das einfach.

ANNIKA: Auf dem Mischpult liegt ein dickes Buch. Wir wollen wissen, wozu dieses Buch gebraucht wird.

NORBERT OMMER Da stehen die Noten drin, das ist die Partitur. Und da kann ich genau sehen, welches Instrument was spielt und wie es klingen soll. Da steht auch die Dynamik drin, also ob es lauter oder leiser sein soll. Ja, das ist quasi das Buch, in dem man lesen kann, wie’s klingen soll.

ANNIKA: Und was in diesem Buch steht und wer es geschrieben hat, davon werden wir euch gleich berichten.

(Ausschnitt aus der aktuellen Produktion des Ensemble Musikfabrik, Shelter)
 

Begegnung mit einem Komponisten – Die Kinder berichten

KINDER

Ich finde, Komponist ist eher so’n altmodischer Beruf.

.. alt wahrscheinlich und immer mit Locken..

.. also eigentlich mit Perücke, aber es gab dann auch ein oder zwei Komponisten, die sich dann dafür geschämt haben, dass sie mit Perücke auftreten mussten. Und sie sind dann eben nur so aufgetreten. Beispiel ist Ludwig van Beethoven.

INA: So haben wir uns einen Komponisten vorgestellt, bevor wir die Musikfabrik besucht hatten.

ENNO: Aber seit wir in der Musikfabrik waren, stellen wir uns einen Komponisten ganz anders vor.

INA: Aber jetzt erst einmal schön der Reihe nach. Irgendwann haben wir uns während unserer Reportage gefragt: Was soll das eigentlich für eine Musik sein? Manche von uns fanden sie ein bisschen schön, manche fanden sie ein bisschen gruselig. Auf jeden Fall klingt sie ganz anders, als die Musik, die wir bisher kannten. Also – nach Popmusik klingt das jedenfalls nicht gerade, was die Musiker uns da auf ihren Instrumenten vorgespielt haben.

(E-BASS)

(E-Gitarre)

(GEIGE)

ENNO: Und nach Mozart klingt es auch nicht unbedingt.

INA: Was soll das also sein? Eher Pop oder eher Mozart? Was meinen die Musiker dazu?

O-TON MUSIKER Uuh! Very difficult question! Schwierige Frage! (längere Pause, dann verlegenes Lachen)

ENNO: Wir fragen einfach einen von den Leuten, die sich diese Musik ausgedacht haben. Michael [Maikel] Gordon ist Komponist von Beruf. Und er ist bei der Probe dabei. Weil Michael Gordon nur Englisch spricht, hilft uns einer der Musiker, Axel Porath, als Übersetzer. Also, Mister Gordon: Fühlen Sie sich beim Komponieren eher wie Mozart oder eher wie ein Popmusiker?

O-TON KOMPONST I feel like Michael Gordon , actually. – Er sagt, er fühlt sich wie Michael Gordon . – It´s hard to know what you feel like. You´re just a person writing music. - Es ist schwer zu sagen wie man sich fühlt, man ist einfach ein Mensch, der Musik schreibt.

INA: Wir möchten wissen, ob Mr. Gordon schon viel komponiert hat.

O-TON KOMPONST I´ve been writing music my whole life, since I was five years old. – Er schreibt Musik seit er fünf Jahre alt ist, hat er sehr viel geschrieben.

ENNO: Na, das klingt ja jetzt doch wieder eher nach Mozart. Und was macht so ein Komponist in seiner Freizeit?

O-TON KOMPONST I play chess with my son. - Chess or Jazz? - Chess. - Er spielt Schach mit seinem Sohn.

ENNO: So einen Komponisten habe ich ja noch nie kennen gelernt. Ich kannte vorher nur Sido. Der is´n Rapper, der sich seine Noten und halt die Musik selber ausdenkt. Vom Musikunterricht her kenne ich auch noch Haydn und Mozart. Und jetzt kenne ich halt, auch, sogar persönlich, auch noch Michael Gordon. Und der macht noch mal eine ganz andere Musik.

INA: Eine Musik, die weder nach Pop klingt, noch nach Mozart. Wahrscheinlich wäre es Herrn Gordon einfach zu langweilig, etwas zu komponieren, was es so ähnlich schon gibt.

ENNO: Und nun wissen wir also auch endlich, was die "Musikfabrik" ist. Musikfabrik, das ist ein Haus für Komponisten, die eine Musik machen wollen, die bis jetzt noch keiner erfunden hat.

INA: Deswegen haben sie sich mit Musikern zusammengetan, die diese Musik spielen wollen. Und alle zusammen haben sie sich den Namen "Musikfabrik" ausgedacht. Den Grund für diesen Namen erklärt uns der Schlagzeuger Thomas, der uns am Anfang die großen Windräder gezeigt hat.

THOMAS OESTERDIEKHOFF

Die Musikfabrik, also eine Musikfabrik gibt es eigentlich gar nicht, aber die Musikfabrik, die stellt Musik her, die macht Neue Musik, neu komponierte Musik spielt sie und entwickelt auch Sachen, erforscht und erfindet Sachen. Es gibt z.B. einige Instrumente, die man gar nicht kaufen kann, sondern die man wirklich selber bauen muss für bestimmte Zwecke. Und das ist die Musikfabrik.

INA: Und weil wir das eigentlich eine ganz gute Idee finden, haben wir uns nach unserem Besuch in der Musikfabrik überlegt, dass wir jetzt einfach auch unsere eigene Fabrikmusik erfinden.