Musikalische Expeditionen ins Unbekannte - Neue Musik in der Schule

zu Mauricio Sotelos "Chalan" (Uraufführung am 3. Dezember 2003, Musikfabrik im WDR) im Rahmen der konzertpädagogischen Reihe des Ensemble Musikfabrik

Rund 150 Schüler aus Nordrhein-Westfalen zwischen 13 und 18 Jahren begaben sich auf Forschungsreise in das unbekannte Gefilde der zeitgenössischen Musik. Durch Übungen im Unterricht mit geschärftem Beobachtungs-Vokabular bestens ausgerüstet, hieß es für die Schüler, Mauricio Sotelos "Klangreise", sein Werk Chalan, mit allen Sinnen aufzunehmen und das Konzertgeschehen haargenau zu beobachten.

Neugierig und offen sind die Jugendlichen Mauricio Sotelos Chalan begegnet und haben ihre Ergebnisse später im Unterricht zusammengetragen. Die Konzert-Reportage der jungen Musikreporter Dominik Mercks und David Jungen gibt äußerst bilderreich die Atmosphäre im Großen Sendesaal des WDR Köln wieder. Beinahe romanartig schildert sie die gewaltige Wirkung von Solist Trilok Gurtu, Dirigent Stefan Asbury und des Ensemble Musikfabrik auf die Entdeckungsreisenden.

 

Aus der Schülerzeitung Mongo Beach, Cornelius-Burgh-Gymnasium Erkelenz vom Jan. 2004:

Ein indischer Dämon

Neue Musik ist nicht Jedermanns Sache.
 
Dr. Michael Vesper, Kulturminister des Landes NRW, ist nicht ohne Grund an diesem Mittwochabend im Klaus-von-Bismarck-Saal des Kölner WDR-Hauptsitzes. An diesem Abend findet ein Konzert des Ensemble Musikfabrik statt, das auch vom Land NRW gefördert wird. Auf dem Programm steht eine Uraufführung – "Chalan" des Spaniers Mauricio Sotelo. "Ich möchte sehen, wie sich die Musikfabrik entwickelt hat; wir haben sie mit sehr viel Geld gefördert", erklärt Vesper. Dennoch sei er auch hier, weil Neue Musik ihn interessiere. Dann nimmt Vesper seinen Ehrenplatz ein.

Trilok Gurtu betritt unter höflichem Applaus die Bühne. Er trägt über einer schwarzen Hose und einem schwarzen Hemd ein langes, violettes Gewand. Gurtu nimmt an der Tabla Platz, einer indischen Trommel. Dirigent Stefan Asbury hebt die Hände. Und das Orchester braust auf. Laut krachend schmettern Trompeten, Posaunen und Hörner. Und dann fliegen Trilok Gurtus Hände über die Tabla. Schneller als man sehen kann, fast schneller, als man hören kann. Alle Augen im Saal starren gebannt auf den 51-jährigen Inder. Im Takt der rasenden Musik verzieht er das Gesicht und entspannt es wieder.

Man muss sich auch auf andere Dinge einlassen.

So begründete ein älterer Herr seinen Konzertbesuch. Er sei durch die Werbung im WDR auf die Veranstaltung aufmerksam geworden. Allerdings hatte er "vorher noch nie etwas vom Komponisten und dem Schlagzeuger gehört." Er erwartet "Neue Musik mit allem was dazu gehört – viele Dissonanzen halt."

Das Orchester wird leiser. Jetzt heulen die Flöten, imitieren einen Sturm. Auch die Streicher heulen auf. Trilok Gurtu verlässt die Tabla und geht mit kleinen, langsamen Schritten auf eine Wand voller Gongs zu. Langsam, fast beschwörend, hebt er die Schlägel, und genauso langsam aber doch gezielt, entlockt er den verschieden großen Instrumenten leise Töne. Gurtu lächelt. Er wirkt wie ein Dämon, lullt den Saal mit lang klingenden Geräuschen ein, bei jedem Schlag blitzen seine Augen auf. Trilok Gurtu ist ein großes Kind mit großem Spielzeug.

Wir erwarten einen interessanten musikalischen Abend.

So hatte sich ein Ehepaar um die 50 vor dem Konzert geäußert. Sie habe die Konzertkarten "im Adventskalender gefunden" und wolle sich jetzt überraschen lassen. Allerdings sind die beiden vorbelastet, hören oft moderne Musik und sind außerdem mit dem Pianisten des Orchesters befreundet. Dennoch wissen auch sie nicht, was sie erwartet.

Trilok Gurtu sitzt neben einer großen Trommel. Das Orchester verstummt, Drigent Asbury senkt die Hände. Gurtu reibt mit leisen, langsamen Bewegungen über die Trommel und erzeugt so einen rhythmischen Hintergrund. Dann spricht er in ein Mikrophon. Rasend schnell gibt er Silben von sich, imitiert eine Trommel. Er ist in sich versunken, nimmt das Publikum, die Musiker, den Dirigenten nicht mehr wahr. Nach mehr als zwei Minuten Sprechgesang schiebt er das Mikrophon zur Seite. Er legt die Hände wieder auf die Tabla. Hebt sie. Und spielt auf die Silbe genau sein gesprochenes Solo auf der Tabla nach. Immer noch bemerkt er seine Umgebung nicht. Trilok Gurtu spielt für sich.

Es war für mich eine große Erfahrung.

So wird sich Gurtu später über die Uraufführung äußern. Er wird dann wissen, dass das Publikum ihn und die Komposition gefeiert hat. Er wird dann sein violettes Gewand gegen einen schwarzen Anzug getauscht haben, neben dem Komponisten Mauricio Sotelo sitzen und lächelnd sagen: "Es war schwer, die Noten zu lesen. Sotelo hat viel zu groß geschrieben!" Doch noch sitzt er auf der Bühne. Das Tabla-Solo ist beendet. Die Bläser krachen wieder. Gurtu wird nun von zwei anderen Schlagzeugern unterstützt. Die beiden Schwarzgekleideten bilden ein rhythmisches Fundament, Gurtu spielt auf einer Trommel die Melodie. Temperamentvoll. Wild. Mitreißend. Im Publikum tippt der Eine oder Andere mit dem Fuß leise mit. Gurtu weckt die Zuschauer aus der Versteinerung, in die er sie selber geschickt hat."

Man muss sich eingehend mit Neuer Musik beschäftigen, damit man sie versteht.

Andreas Günther hat sich eingehend mit Neuer Musik beschäftigt. Der freiberufliche Musikwissenschaftler hat das Programmheft für die Aufführung geschrieben. Er hört "ständig moderne Musik", analysiert sie. [...] Trilok Gurtu hat ihn fasziniert.

Wieder die Flöten, wieder die Streicher, wieder der Sturm. Wieder Trilok Gurtu an den Gongs, wieder der schelmische Dämon. Wild flackern seine Augen, seine langen schwarzgrauen Haare wippen im Takt. Gurtu schlägt noch einmal auf einen Gong, hält dann die Schlägel in der Luft. Stefan Asbury senkt die Hände langsam. Dann Stille. Im Publikum raschelt kein Blatt, räuspert sich niemand, traut man sich kaum zu atmen. Stille. Neunzehneinhalb Sekunden. Dann rauscht der Applaus los. Trilok Gurtu verbeugt sich, zum Publikum, zum Dirigenten, zum Komponisten.

Ich bin sehr zufrieden.

Mauricio Sotelo, der 42-jährige spanische Komponist, sitzt neben Trilok Gurtu im Konzertsaal. Diese Aufführung sei ein weiterer Meilenstein in seiner Zusammenarbeit mit Gurtu gewesen. Dieser stimmt ihm zu. "Aber die Noten waren viel zu groß, man muss zu oft umblättern." Und dann blicken Trilok Gurtus Augen verschmitzt, schelmisch. Der indische Dämon lächelt.